Schrift im öffentlichen Raum

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Schrift im öffentlichen Raum – für Franz G. Schröck sollte ihr mehr Bedeutung beigemessen werden und bewusst damit umgegangen werden.

Zum sechsten Mal bestritt das architekturforum allgäu auf Einladung der ‚Südlichen‘ im Rahmen der Jahresausstellung der bildenden Künstlerinnen und Künstler des Landkreises Oberallgäu und des Kleinwalsertales/Jungholz einen Themenabend an der Schnittstelle zwischen Kunst und Architektur.

In diesem Jahr ging es um die Frage, wie Schrift in und an Gebäuden in Erscheinung tritt und auch im öffentlichen Raum präsent ist. Franz G. Schröck vom architekturforum allgäu spannte in der Oberstdorfer Villa Jauss den Bogen von qualitätvollen Beispielen aus dem 19. Jahrhundert bis hin zu aktuellen Entwicklungen.

Sowohl bei Beschriftungen im Gebäudeinneren als auch an der Fassade setzte das Bauhaus im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts Maßstäbe, die kurze Zeit später vor allem durch die Postbauschule in Bayern ihren Niederschlag fanden. Sachlich gestaltet und genau an der richtigen Stelle positioniert, prägten diese Schriften das Erscheinungsbild der Gebäude ein gutes Stück weit mit. In den Nachkriegsjahren war Otl Aicher, der an seinem Wohn- und Arbeitsort Rotis bei Legau sogar eine gleichnamige Schrift entwickelte, ein Meister in der Entwicklung von Piktogrammen, die Gebäudebeschriftungen mehr und mehr ergänzt oder gar ganz ersetzt haben. Leit- und Orientierungssysteme sind nicht nur in öffentlichen Gebäuden mittlerweile Gang und Gäbe, haben aber selten etwas mit den vorhandenen innenräumlichen Gegebenheiten zu tun. Positive Beispiele stellen u. a. das Landratsamt Ostallgäu mit seinem behindertengerechten Leitsystem von der Designgruppe Koop oder die auf die Putzoberfläche aufgebrachte Schreibschrift vom Atelier WeidnerHändle in einer Grundschule in München - Riem dar.

Am Beispiel des neuen Anbaus an das Münchener Lenbachhaus zeigte Schröck einen sehr gut gestalteten Schriftzug, der auf eine Konzeption des Künstlers Thomas Demand zurück geht. Er verbindet die historische Schrift aus der Entstehungszeit des Museums mit einer zeitgemäßen Form, indem eine Antiqua-Schrift mit Serifen plastisch in eine nachts beleuchtete Grotesk-Schrift überführt wird. Aktuelle Beispiele aus Basel, die in Zusammenarbeit mit der amerikanischen Künstlerin Jenny Holzer entstanden, bestehen aus fortlaufenden Schriftbändern mit übereinander angeordneten LED-Lichtleisten z. B. auf dem Novartis-Gelände oder bei der Erweiterung des Kunsthauses. Dieser hochtechnisierten, dynamischen Verwendung von Schrift gegenüber steht eine einfache Fassadenbeschriftung mit Farbe auf Putz, die – kostengünstig zu erstellen – weiterhin ihre Berechtigung zu haben scheint; sofern keine gesellschaftlichen Diskussionen ein Übertünchen erfordern wie bei Eugen Gomringers Gedicht ‚Avenidas‘ an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin.

Vermehrt kommen in diesen Tagen auch freistehende Schriften zum Einsatz: Fast künstlerisch positionierte Einzelbuchstaben des Landschaftsarchitekten Dieter Kienast bei der Balustrade eines Gartenpavillons in Ulm oder vor allem auf Stelen, die oftmals als Werbeträger fungieren – und zwar zusätzlich zu Werbeschriften auf Fassade, Schaufenster und anderen Gebäudeteilen. Mit der damit einhergehenden Überfrachtung des öffentlichen Raums ist aus gestalterischer Sicht jedoch nichts gewonnen. Überhaupt gewinnt man den Eindruck, dass laut schreiende Werbeanlagen in einer zunehmenden Intensität in unseren Städten und Gemeinden immer mehr Oberhand gewinnen. Möglichst groß und knallig betreiben viele (Leucht-)Schriften ausschließlich Eigendarstellung, ohne auf eine stimmige Gesamtausprägung einer Gebäudegruppe oder eines Straßenzuges zu achten. Gestaltungssatzungen mit hoher Regelungsdichte vermögen es nicht (mehr), die schlimmsten Auswüchse zu verhindern. Das Bewusstsein und die Verantwortung für ein gemeinsames Erscheinungsbild scheint weitgehend verloren gegangen.

Symptomatisch stand am Ende des Vortrags von Schröck eine Bilderpaar, das zum einen das visuell ruhige Erscheinungsbild der Busse in Vorarlberg zeigt und zum anderen die ‚fahrenden Litfaßsäulen‘ der heimischen Linienbusse. Die hier festzustellende Kakophonie ohne jegliche gestalterische Sensibilität trage alles andere als zur Aufwertung unserer Region bei, so Schröck. In der anschließenden Diskussion wurde klar, dass es dem Allgäu gut zu Gesicht stehen würde, wenn auch der Schrift im öffentlichen Raum wieder mehr Bedeutung beigemessen und bewusster mit ihr umgegangen würde.

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