Wahl im Zeichen der Krise

In diesen Wochen finden Betriebsratswahlen statt. Allerdings ist der „Wahlkampf“ nicht unbedingt außerhalb der Werkstore und Firmenhallen spürbar. Doch in den Unternehmen und Betrieben wollen die einzelnen gewerkschaftlichen Gruppierungen und Listen möglichst viele Beschäftigte an die Urnen bringen. Die aktuellen Betriebsratswahlen fallen zudem in eine besonders schwierige wirtschaftliche Zeit. Bei Bosch wird am Dienstag, 23. März, von nachts 1 Uhr bis abends 19 Uhr in beiden Werkteilen gewählt. Der KREISBOTE sprach mit Dieter Lochbihler, Betriebsratsvorsitzender bei Bosch in Blaichach, über die Wahl und die Bedeutung der Arbeitnehmervertretung.

KREISBOTE: Herr Lochbihler, die Firma Bosch ist ja mithin einer der größten Arbeitgeber der Region. Welchen Stellenwert messen die Mitarbeiter des Unternehmens diesen Betriebsratswahlen bei? Dieter Lochbihler: Die Betriebsratswahl am 23. März steht im Zeichen der Wirtschaftskrise mit gewaltigen Herausforderungen für Belegschaft und Arbeitgeber. Jedem Mitarbeiter wird viel abverlangt, Flexibilität, Leistungsdruck durch Arbeitsverdichtung und die Sorge vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Die Betriebsratswahl ist eine sehr wichtige Wahl. Die Kolleginnen und Kollegen verbringen das halbe Leben im Betrieb. Der Betriebsrat gestaltet die Arbeitsbedingungen massiv und erfolgreich mit. Er legt so den Grundstein dass wir gut qualifiziert, gerecht bezahlt, gesund, mit einer Arbeitszeit die Familienleben und Beruf besser in Einklang bringt, erfolgreich arbeiten können. Ein hohe Wahlbeteiligung stärkt dem Betriebsrat den Rücken bei Verhandlungen, denn sie bringt zum Ausdruck, dass die Kolleginnen und Kollegen hinter uns stehen. KREISBOTE: Zeigt sich das auch an der Wahlbeteiligung? Ist hier ein ähnlicher Trend zur Nichtteilnahme festzustellen wie bei klassischen politischen Wahlen? Dieter Lochbihler: Andere Werke bei Bosch haben bereits gewählt. Es hat sich gezeigt, dass hier die Wahlbeteiligung höher ist als in der Vergangenheit. In so schwierigen Zeiten nehmen die Mitarbeiter Ihr Wahlrecht wahr. Wenn ich es an der Beteiligung an den Betriebsversammlungen während der Krise fest mache, gibt es eine sehr gute Wahlbeteiligung. KREISBOTE: Welche Themen bestimmten die jetzt zu Ende gehende Legislaturperiode des Bosch-Betriebsrates? Dieter Lochbihler: Im Vordergrund steht die Sicherung der Arbeitsplatzes. Bei Bosch ist die IG Metall Tarifpartner und hat mit ihren Tarifverträgen und dem letzten Tarifabschluss bewiesen, dass sie auch in schwierigen Zeiten ihrer Verantwortung gerecht wird. Der Betriebsrat will mit allen Mitarbeitern durch die Krise, egal wie lange Sie dauert. Wir haben mit der Werkleitung eine Vereinbarung abgeschlossen, die alle Mitarbeiter vor Kündigung schützt. Alle Mitarbeiter - von dem Mitarbeiter an der Linie bis zum Werkleiter - leisten dafür einen Beitrag. KREISBOTE: Wirkt sich die aktuelle Wirtschaftskrise auch auf das Interesse an der Betriebsratswahl aus oder ist „der Boschler“ quasi traditionell an einer handlungsfähigen und handlungswilligen Arbeitnehmervertretung interessiert? Dieter Lochbihler: Bei Bosch im Allgäu hat die Interessenvertretung von je her einen hohen Stellenwert. Schon in der Spinnerei und Weberei gab es Werkstattsprecherinnen. Wir haben eine gute Firmenkultur, in der Mitbestimmung und Mitarbeiterinteressen einen hohen Stellenwert haben. KREISBOTE: Welche Herausforderungen wird sich in Ihren Augen der neu gewählte Betriebsrat in seiner Amtszeit speziell bei Bosch gegenüber sehen? Dieter Lochbihler: Wir müssen den Konjunktureinbruch verkraften, und wir haben am Standort den Auslauf eines Produktes zu schultern. Das bedeutet, wir verhandeln über sozial verträglichen Stellenabbau und versuchen über Mitarbeiterversetzungen und einer abgesenkte Arbeitszeit sowie Kurzarbeit die Arbeit auf alle zu verteilen. Auch hier liefert uns die IG Metall mit den abgeschlossenen Tarifverträgen „Beschäftigungssicherung“ und „Zukunft in Arbeit“ die Grundlage. Zusätzliche müssen wir die Demografie genau im Auge haben und unsere Auszubildenden dauerhaft übernehmen, damit wir auch in Zukunft eine schlagkräftige Mannschaft bleiben. KREISBOTE: Hat demnach „die Krise“ auch das Oberallgäu erreicht? Oder ist das eine normale Folge der technischen Entwicklung im Automobilbau? Dieter Lochbihler: Die Krise hat uns voll erwischt, wir hatten im letzten Jahr mit einem massiven Umsatzeinbruch zu kämpfen. Momentan sehen wir eine leichte Auftragserhöhung, es ist aber fraglich ob das dauerhaft so bleibt. In Europa gibt es immer noch Stützungsprogramme die unserer Abwrackprämie ähneln, sie laufen aber zur Jahresmitte aus. KREISBOTE: Und wie kann dieser Einschnitt möglichst erträglich gestaltet werden? Dieter Lochbihler: Die schlimmste Krise der Nachkriegszeit wird noch lange Spuren hinterlassen. Wir, an den Einzelstandorten können das Problem alleine nicht lösen. Es bedarf einer standortübergreifenden solidarischen Lösung an der sich alle Mitarbeiter von der Linie bis zum Geschäftsführer beteiligen. Nur so können alle Arbeitsplätze mit einem erträglichen finanziellen Beitrag gesichert werden. KREISBOTE: Noch ein paar Fragen zur Betriebsratswahl allgemein. Wer ist denn eigentlich wahlberechtigt? Dieter Lochbihler: Es sind alle Mitarbeiter die das 18.Lebensjahr vollendet haben wahlberechtigt. Ausgenommen sind nur die Leitenden Angestellten des Unternehmens. KREISBOTE: Wer ist überhaupt wählbar? Dieter Lochbihler: Es sind alle Mitarbeiter wählbar die mindesten sechs Monate im Betrieb beschäftigt sind. KREISBOTE: Wann wird gewählt? Dieter Lochbihler: Der Wahlzeitraum erstreckt sich von März bis Mai. KREISBOTE: Wieviele Betriebsräte sind zu wählen? Dieter Lochbihler: Das ist abhängig von der Mitarbeiterzahl und ist im Betriebsverfassungsgesetz geregelt. Bei Bosch sind bei über 3000 Mitarbeiter 23 Betriebsräte zu wählen. KREISBOTE: Gibt es eine Frauenquote? Dieter Lochbihler: Nein, es gibt einen Minderheitenschutz. Das bedeutet dass das Geschlecht das sich in der Minderheit befindet mindestens entsprechend seinem zahlenmäßigen Verhältnis vertreten sein muss. Bei Bosch sind das die Frauen, bei einem Frauenanteil von 25 Prozent müssen sechs Frauen dem neuen Gremium angehören. KREISBOTE: Ist eine Briefwahl möglich? Dieter Lochbihler: Ja, es gibt die Möglichkeit der Briefwahl. Sollte jemand am Wahltag nicht anwesend sein, kann er diese beantragen. Bei Bosch wurde für einzelne Bereiche bereits im voraus Briefwahl festgelegt.

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