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Veränderte Normalitäten: Vier Allgäuer berichten, wie die Krisen der Gegenwart ihr Leben veränderten

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Von: Lajos Fischer

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Eine Kugel zerstört den Schriftzug „Normalität“
Viele Menschen haben das Gefühl, dass ihre gewohnte Normalität im Alltagsleben zerstört wurde. © Lajos Fischer

Allgäu – Die Krisen der letzten Jahre haben auch den Lebensalltag der Menschen im Allgäu verändert. Vier von ihnen erzählten dem Kreisboten, welche tiefen Spuren diese in ihrer Lebensführung hinterlassen haben.

Die große Zuversicht der 1990er Jahre ist seit 2007 allmählich durch das Gefühl, die Welt sei aus den Fugen geraten, abgelöst worden. Ob es um die Finanzwirtschaft, das Klima, die Fluchtbewegungen, den Ukraine-Krieg, die steigende Inflation, das demokratische System, den europäischen Zusammenhalt oder die Energieversorgung geht, eine Krise folgt der anderen. Alte Gewissheiten, die einem im Alltagsleben Sicherheit gegeben haben, schwinden. Der Soziologe Stephan Lessenich behauptet in seinem neuesten Buch sogar, die Gesellschaft sei „am Rande des Nervenzusammenbruchs“.

Der Kreisbote hat Menschen aus dem Allgäu gefragt, welche in ihrem Leben sicher geglaubte Normalitäten in den letzten Jahren Risse bekommen haben, welche neuen entstanden sind und wie sie die Änderungen einschätzen.

Corona und die Folgen

Die tiefsten Spuren in den menschlichen Beziehungen hat die Corona-Krise hinterlassen. „Man ist noch immer vorsichtig: Bei der Begrüßung wird der Körperkontakt vermieden. Auch in der Familie, wenn man weiß, dass mein Gegenüber Vorerkrankungen hat“, berichtet Miriam Duran aus Sonthofen.

„Als Erste strecke ich die Hand nicht mehr aus, warte lieber ab“, erzählt die Sonthofer Erzieherin Vanessa Schurz. „Hochzeiten und andere Familienfeiern finden in einem kleineren Rahmen statt. Bei einer Geburtstagseinladung in eine Scheune überlege auch ich mir zweimal, ob ich hingehe“, sagt der Hindelanger Fotograf Stefan Högler. Das sei auch der Grund dafür, dass er weniger Aufträge bekomme.

Digitale Kommunikation

„Mein Freund arbeitet nur noch von Zuhause aus. Für ihn ist es super, er spart viel Zeit“, findet Vanessa Schurz. Aber es falle ihm schwer abzuschalten. Er sei ständig erreichbar, weil er sein Diensthandy und seinen Laptop immer dabei habe. Sie würde es besser finden, wenn er, genauso wie sie, wieder einen geregelten Tagesablauf hätte.

Miriam Duran nahm am Vortag des Gesprächs an einer Fachtagung teil – digital: „Früher wäre ich deswegen nach Berlin gefahren, jetzt muss ich keine ganzen Tage unterwegs sein. Es ist gut so, gerade bei den heutigen Spritpreisen.“ Man verzichte zwar auf die menschlichen Kontakte in den Pausen, aber die Informationen bekomme man so und so: „Es ist die Frage, was überwiegt.“ Auch in der Arbeit könne sie sich jetzt aussuchen, welches Treffen digital und welches persönlich stattfinde.

Schule und Lockdown

Die Kombination von Home Office und Kinderbetreuung wegen geschlossener Schulen hat viele Eltern zur Verzweiflung gebracht. Noch eine Stufe schwerer hatten es Menschen, die selber dabei sind, sich in Deutschland zu integrieren. Die in Wengen lebende Kunstpädagogin Ildikó Titkó erinnert sich: „Es war sehr schwierig, daheim zu arbeiten und gleichzeitig den Unterricht meiner Töchter – beide sind im Grundschulalter – zu übernehmen. Vor allem, weil ich keine Muttersprachlerin bin und mit dem deutschen Schulsystem zu wenig vertraut war.“

Ildikó Titkó Portraitbild
Ildikó Titkó, Kunstpädagogin: „Es war schwierig, den Unterricht meiner Töchter  zu übernehmen.“ © György Hosszú

Als der Online-Unterricht begann, hätten die Kinder unheimlich viele Aufgaben bekommen. Auch die Schulen mussten erst ihre Erfahrungen mit der Situation machen. Die ganze Familie sei von Früh bis Abend mit den Hausaufgaben beschäftigt gewesen. Sie habe dann ihren Mut zusammengenommen und die Lehrerin angesprochen. Dann habe es sich eingespielt: „Wir sind dabei müde geworden und waren emotional aufgewühlt. Wir wollten auf keinen Fall, dass die Kinder im Vergleich zu den Deutschen zurückbleiben.“

Familie, Freunde, Vereine

Die Kontakte zu ihren Verwandten in Ungarn seien auch weniger geworden, berichtet Ildikó Titkó. Familienbesuche seien früher regelmäßig an der Tagesordnung gewesen. Diese einstige Normalität werde nicht so schnell zurückkehren. Sogar zwei Weihnachten mit den Eltern fielen aus: „Wir haben am Heiligabend gemeinsam Klavier gespielt – per Skype. Wir zeigten uns gegenseitig den schön dekorierten Tisch mit selbstgebackenen Weihnachtsplätzchen und haben viel geredet.“

Stefan Högler betont, dass er beim Besuch gesellschaftlicher Anlässe zurückhaltender geworden sei: „Früher war ich öfter im Kino oder auf Partys“. Nur die sportlichen Aktivitäten seien wieder so wie vor Corona.

Miriam Duran Portrait
Miriam Duran, Verwaltungsangestellte: „Geblieben sind die wahren Freunde“ © privat

Miriam Duran merkte, dass sich ihr Freundeskreis ausgedünnt habe: „Geblieben sind die wahren Freunde.“ Auch das Vereinswesen habe sich verändert. Als Vorsitzende des Integrationsbeirats müsse sie feststellen, dass der Verein sehr unter den Folgen der Pandemie leide. Da man sich persönlich nicht treffen konnte, seien viele Aktivitäten eingeschlafen: „Es ist schwer, sie wieder in Gang zu bringen.“

Verschobene Vorhaben

Vor Corona habe sie sehr viele Pläne gehabt, erzählt Vanessa Schurz. Nach dem Studium wollte die Erzieherin etwas von der Welt sehen und zunächst nach Südamerika fliegen. In ihrer Schulzeit verbrachte sie ein Jahr als Gastschülerin in Ecuador: „Die Freundschaften bestehen noch und ich wollte die Menschen unbedingt wiedersehen. Dann wurde aber der Flugverkehr eingestellt, es gab zu viele Regeln und unsichere Verhältnisse.“

Jetzt habe sie eine eigene Wohnung, die Flexibilität sei nicht mehr in dem Maße da wie früher. Sie wolle den Plan trotzdem nicht aufgeben, die Reise werde jedoch in einem bescheidenen Rahmen stattfinden können.

Neue Freiräume

Die Lockdowns sorgten bei vielen Menschen für eine Entschleunigung in ihrer Lebensführung. „Ich habe Abstand und dadurch viel Klarheit bekommen“, berichtet Miriam Duran. „Man fängt wieder an, sich selbst zu spüren und fragt sich, was im Leben wichtig ist und was man lieber lassen sollte.“ Ildikó Titkó nutzte die wegen ausgefallener Kurse entstandene Zeit, um die Illustrationen für ein mit Achim Sonntag herausgegebenes Kinderbuch über den Froschkönig fertigzustellen. Außerdem habe sie erfolgreich einen C1-Deutschkurs in Hy­bridformat absolviert.

Klimaschutz, Ernährung

Ganz anders verwendete Vanessa Schurz die frei gewordene Zeit: Die Sonthoferin begann, sich intensiv mit dem Klimawandel zu beschäftigen. Auf Netflix habe sie viele Dokumentationen über das Thema angeschaut: „Es wurde mir erst jetzt richtig bewusst, dass Ernährung viel mit dem Klimawandel zu tun hat. Seit anderthalb Jahren esse ich deswegen kein Fleisch mehr.“ Sie koche viel mehr zu Hause und experimentiere mit neuen Rezepten.

Vanessa Schurz Portrait
Vanessa Schurz, Erzieherin: „Ich finde es krass, wie die Politik beim Thema Klimawandel wegschaut.“ © privat

Außerdem interessiert sich die Erzieherin für die Tätigkeit von Klimaaktivisten wie Luisa Neubauer. „Ich mache mir Sorgen. Ich finde es krass, wie die Politik wegschaut. Es wird viel versprochen, aber das Thema immer von anderen dringenden Problemen verdrängt.“ Sie selber sei politisch nicht aktiv. Aber Schurz achte im eigenen Alltag bewusst darauf, dass sie nur das kaufe, was sie unbedingt brauche, und dann möglichst nachhaltige Produkte. Sie versuche auch auf die Familie Einfluss zu nehmen, was nicht leicht sei.

Arbeitskräftemangel

„Wenn man am Sonntagnachmittag in die Stadt geht, muss man richtig suchen, wo man ein Plätzchen bekommt, um Kaffee und Kuchen zu genießen“, bemängelt Miriam Duran. Die Metzgerei Lang beispielsweise habe wegen Personalmangel zugemacht. Die Bäckereien reduzierten ihre Öffnungszeiten. Man komme beim Arzt telefonisch nicht mehr durch. Banale Dinge, wie einen Blumenstrauß zu besorgen, seien schwierig geworden.

Inflation und Konsum

„Beim Einkaufen bin ich zurückhaltender geworden“, sagt Stefan Högler. „Auch wenn es im Moment möglich wäre, mir kleinere Investitionen zu erlauben, warte ich lieber ab. In Zukunft könnte es enger werden.“

Stefan Högler Portrait
Stefan Högler, Fachlehrer und Fotograf: „Beim Einkaufen bin ich zurückhaltender geworden.“ © privat

Die Familie Duran überlegt wegen den aktuellen Spritpreisen, ob sie an den Wochenenden zum Familienbesuch oder zum Shoppen nach Kempten fährt. „Sich einfach ins Auto setzen und erst dann fragen, wo fahren wir jetzt hin, funktioniert heute nicht mehr“, erzählt Miriam Duran. Die Sonthoferin findet es aber positiv, dass man jetzt mit Vorliebe die nähere Umgebung erkunde.

„Unsere Familie war nie besonders wohlhabend“, erklärt Vanessa Schurz. Seitdem sie selber arbeite, habe sie so viel Geld wie nie zuvor. Sie habe deshalb beim Einkaufen eine Weile nicht so genau hinschauen müssen wie früher. Jetzt sei es wieder soweit: „Wir wundern uns an der Kasse über den hohen Zahlbetrag, obwohl wir keine teuren Sachen gekauft haben“, erläutert sie.

Zukunftsängste

Die Sonthofer Erzieherin erzählt auch über die Zukunftsängste, die sie bekommt, wenn in den Medien immer häufiger über Katastrophen wie Ernteausfälle, Trockenheit, Überschwemmungen berichtet wird. Was passiert, wenn weltweit noch mehr Menschen aus ihrer Heimat flüchten müssen? Wer bestimmt, wer in der Not Wasser bekommt? Seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine wird geraten, daheim Vorräte anzulegen. Man soll sich auf ein Blackout vorbereiten. Schurz meint: „Früher konnte man sich nicht einmal vorstellen, dass so etwas passiert.“

Kommentar: Zusammenhalt und Zuversicht

„Verschwende niemals eine gute Krise“, lautet eine alte beliebte Weisheit. Die Befragten aus dem Allgäu folgen dieser Maxime: Sie nutzen die multiplen Krisen der Gegenwart, um sich weiterzubilden, um für sich und ihre Mitmenschen neue Perspektiven zu entdecken, um über Ursachen, Folgen und die eigenen Handlungsspielräume nachzudenken. Trotz aller Schwierigkeiten bewahren sie die Zuversicht: eine Eigenschaft, die unsere Welt zurzeit dringender als je braucht.

Gleichzeitig entdecken sie, dass manches, was man in der Vergangenheit als normal ansah, auf Selbsttäuschung und Illusionen basierte. Sie wissen, eine neue Stabilität bekommt man erst, wenn man den Tatsachen in die Augen schaut. Das gilt ganz besonders für den Klimawandel.

Der kommende Winter wird für uns alle nicht einfach werden. Damit unsere jetzige Normalität möglichst wenig darunter leidet, ist es dringend notwendig, nicht nur für einen Blackout, für Engpässe in der Energieversorgung Notfallpläne zu haben, sondern gezielt auch in den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu investieren.

Wir müssen aufeinander achten und ganz besonders auf Menschen, denen es an Lebensmitteln oder an Verbrauchsgütern des täglichen Bedarfs mangelt, die ihre Wohnung nicht mehr heizen, geschweige denn halten können und die hierbei oft vereinsamen und teilweise in ihrer Notlage nicht einmal wahrgenommen werden.

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