Kritische Infrastruktur: Ohne Strom kein Krieg, kein Geld, kein Netz

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Mit Peter Lauwe (rechts) vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, und Oberstleutnant i.G. Michael Fraas (links) vom Kommando Cyber-Informationsraum hatte Schulkommandeur Oberst Klaus Werner Schiff (Mitte) zwei „insider“ für die Diskussion über „Kritische Infrastruktur“ gewonnen.

Unter dem Titel „Kritische Infrastruktur – wie gelingt effektiver Schutz?“ befassten sich zwei Referenten im Rahmen der aktuellen Wintervortragsreihe der Schule für ABC-Abwehr/Gesetzliche Schutzaufgaben mit „heißen“ Themen – nicht nur für die Bundeswehr.

Aktuell stellt die Bundeswehr eine „neue Waffengattung“ auf mit dem Kommando Cyber und Informationsraum. Damit soll der jüngsten Facette der Kriegführung Rechnung getragen werden.

Von einer „neuen Dimension“ spricht Oberstleutnant im Generalstab Michael Fraas, Stabsofizier im neuen „Cyber und Informationsraum“ der Bundeswehr. Er vergleicht diesen Schritt mit der beginnenden Mechanisierung der Kriegführung im Ersten Weltkrieg, oder die damals aufkommende militärische Nutzung der „Fliegerei“. Michael Fraas: „Cyber-Information wird zunehmend wichtiger und ist Teil der fortschreitenden Digitalisierung. Wir, die Bundeswehr, muss in der Lage sein, im Cyber-Informationsraum zu kämpfen und Wirkung zu erzielen.“

Vor dieser Herausforderung an moderne Streitkräfte wurde vor knapp zwei Jahren die Bundeswehr auf die neue Lage ausgerichtet und ein sogenannter Cyber- und Informationsraum geschaffen. Quasi eine neue Truppengattung neben Heer, Luftwaffe und Marine, die auch in alle traditionellen Truppen­gattungen hineinwirkt.

Wie „modernes Kriegsgerät“ heute aussieht, macht der Stabs­offizier plakativ deutlich mit der Frage, ob ein Jagdflugzeug nicht auch als „150 Computer mit Flügeln“ definiert sei. Fazit: Alle modernen Waffensystem führen prozessorgesteuerte Aktionen aus. „Und die Bundeswehr muss sich vor solchen Bedrohungen schützen. Dafür wurde der Cyber-Informationsraum eingerichtet.“ Und, so räumt der Oberstleutnant ein, dafür werde auch „unendlich viel Geld“ in die Hand genommen und Fachpersonal angeworben. Als Arbeitgeber für Spezialisten müsse sich die Bundeswehr dabei keineswegs verstecken, so Fraas auf eine Zwischenfrage. In drei Jahren soll die 800-köpfige Kommandoebene stehen und mit rund 14 000 Mitarbeitern die Bundeswehr fit sein für den Cyber-Kampf.

Operationen im Cyberraum benötigten auch nicht zwangsläufig ein Art „Schlachtfeld“ wie man es bislang aus der klassischen Kriegführung kennt. Es gelte vielmehr, aktiv feindliche Technik zu stören und lahmzulegen – ohne dass ein Schuss falle oder eine Rakete ihr Ziel treffe, erläutert Michael Fraas. Unterm Strich: Störung der gegenerischen Infrastrukur durch Informationstechnologie einerseits und Schutz der eigenen Infrastruktur duch geeignete Abwehr auf Cyber-Ebene.

Wie einfach eine „Attacke“ sein kann, beweist etwa der Fall, als in der Nähe einer Militärbasis „verseuchte“ USB-Speichersticks in Umlauf gebracht wurden, die ganz gezielt militärische Bereiche der US-Streitkräfte mit Schadsoftware infizierten.

Oder, als das israelische Militär der Luftverteidigung Syriens vorgaukeln konnte, alles sei ruhig, während die eigene Luftwaffe einen gezielten Schlag gegen eine Atomanlage führte. „Bis die Bomber wieder zuhause gelandet waren, hatte das syrische Militär nicht einmal mitbekommen, dass sie überhaupt da waren...“, skizziert Fraas die Möglichkeiten der HighTech-Kriegführung.

Ohne Strom geht nichts. Die Erkenntnis prägt auch die Arbeit des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, über die Referatsleiter Peter Lauwe im zweiten Teil des Wintervortrages berichtete. Unter „kritische Infrastrukturen“ fallen neben der Energie- und Wasserversorgung auch Transport und Gesundheitsschutz und anderes mehr.

Knackpunkt aller Szenarien zum Ausfall der Infrastruktur sei die Strom-/Energieversorgung. Ein länger dauernder Ausfall lähme nahezu alle modernen Kommunikationsmittel, betont Lauwe. Der ausdauerndste Handyakku nutzt nichts, wenn die Netze zusammenbrechen... Und ein leerer Tank stoppe jede Mobilität. Zwar habe der Bund Treibstoffe für 90 Tage eingelagert, aber wie werde er „im Ernstfall“ verteilt? Selbst die Beladung der Tanklaster ist auf elektrische Infrastruktur in den Depots angewiesen. Relativ „gut aufgestellt“ sei die Wasserversorgung; hier könne man wohl fünf Tage überbrücken. Sein Fazit: Koordination aller (möglichen) Betroffenen und forcieren der Zusammenarbeit! Ein Krisenvorrat im Privathaushalt – wie er zu Zeiten des Kalten Krieges empfohlen worden war – sei ohnehin ratsam; vor allem Grundnahrungsmittel und Wasser.

Wie lange sich selbst ein kurzer Stromausfall von einer knappen Stunde „anfühlt“, konnten viele Oberallgäuer Mitte Dezember erfahren. Tiefgaragentore waren ebenso „tot“ wie Melkmaschinen in den Ställen. Und Mobilfunknetze waren genauso platt wie die Scannerkassen oder Geldautomaten...

Josef Gutsmiedl

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