Podiumsdiskussion zum Thema Wolf:  Unsicherheit beim "Umgang" mit dem Raubtier

Sorge, dass der Wolf bleibt

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Den „Umgang“ mit dem Wolf diskutierten Wildbiologe Henning Werth (von links), der Oberallgäuer Landrat Anton Klotz, der Schweizer Wildtierexperte Dr. Georg Brosi, Jurist Dr. Christian Barth vom Umweltministerium und Schwabens Bauernverbandspräsident Alfred Enderle.

Der Wolf hält das Oberallgäu in Atem. Obwohl sich die Spur eines durchziehenden „großen Beutegreifers“, dem mindestens sieben Kälber- und Schafrisse eindeutig zugeschrieben werden, verloren hat, geht bei vielen Allgäuer Bauern die Angst um, dass der nächste Wolf womöglich schon im Anmarsch sein könnte.

Naturschützer dagegen hoffen auf weiteren Besuch dieser Art und begrüßen die Zuwanderung als Bereicherung.

Dazwischen stehen die Behörden, die den Spagat zwischen Artenschutz für den Wolf und Schutz von Weidevieh vor dem Wolf in der Praxis „hinkriegen“ sollen. In einer Podiumsdiskussion mit Fachleuten und Praktikern wurde jetzt in Sonthofen erneut der Versuch unternommen, die Positionen beider Seiten zu beleuchten. Fazit: Die Patentlösungen beim Umgang mit dem Wolf gibt es wohl nicht.

In einem Punkt herrschte zumindest Einigkeit unter den Experten auf dem Podium: Man müsse verhindern, dass sich zugewanderte Wölfe auf Weidetiere als Beute spezialisierten. Allerdings gingen die Meinungen wie dies zu verhindern sei, schnell auseinander. „Alpweiden einhagen ist schon recht“, meinte etwa Franz Hage, Vorsitzender des Alpwirtschaftlichen Vereins im Allgäu AVA, und selbst Älpler mit jahrzehntelanger Erfahrung. Aber in bergigen Gebieten, auf weitläufigen Alpflächen sei das in der Praxis schlechterdings unmöglich. Massenabstürze gebe es „nicht einfach so“, sondern seien in aller Regel einer vom Wolf ausgelösten Panik zuzuschreiben, ist er sich sicher. Herdenschutz sei leicht gesagt, aber schwer zu machen. Auch von den oftmals empfohlenen Herdenschutzhunden hält Hage nichts. „Was machen wir mit dem Hund, wenn die drei- bis viermonatige Älpung vorüber ist? Spazieren gehen?“ Diese Tiere verlangten ständige Beschäftigung, Training, sonst tauge das alles nichts.

Franz Hage plädierte zudem für ein entschlossenes Vorgehen: „Wenn der Wolf da ist, muss man schnell handeln!“, rät er zum schnellstmöglichen Abschuss. Und die Entscheidung darüber müsse im örtlich zuständigen Landratsamt getroffen werden, nicht im Ministerium, unterstützte Hage den Landrat, der dies ebenfalls immer wieder fordert. Zeit verlieren dürfe man bei dem Thema ohnehin nicht, warnte Landrat Anton Klotz. Die Erfahrungen in Sachsen zeige, dass man das Problem nicht mehr in Griff bekomme, wenn der Wolf erst einmal sesshaft geworden sei. Von den scharfen Hunden hält auch Klotz schon aus Gründen des Tourismus und der zahllosen Wanderwege nichts. „Das können wir hier nicht brauchen.“ Ohne die klassische Weidehaltung sei der Tourismus im Allgäu auf Dauer nicht denkbar.

Wer haftet?

Das fänden die Landwirte ebenfalls, ergänzte der Präsident des Schwäbischen Bauernverbandes, Alfred Enderle. „Unser Bauern sehen die Rückkehr des Wolfes als existenzbedrohend an.“ Das Problem und die Folgen gingen weit über die Regelung des Schadensersatzes bei einem Wolfsriss hinaus, gab Enderle zu bedenken. Was sei in puncto Weidesicherheit und Haftungsfragen zu klären, fragte er, falls eine Herde in Panik ausbreche? „Was man uns bei der Wolfsabwehr als Lösungen verkauft, ist nicht praktikabel und funktioniert nicht“, stellte Enderle fest. Das hätten andere längst durchexerziert. Frankreich gebe 27 Millionen Euro für Wolfsmanagement aus: „Ein Wolf kostet dort also 70 000 Euro pro Jahr!“, rechnete Enderle vor und zweifelt den Erfolg an. Für seine eigene Alpe mit rund 60 Hektar Größe überschlägt Enderle die Zaunlänge auf sieben Kilometer. Und ein wolfssicherer Zaun sei immer noch etwas anderes als ein üblicher Weidezaun: „Viel Spaß!“ Enderle plädierte wie der Landrat für wolfsfreie Zonen – Weidevorranggebiete, in denen es keinen Wolf geben dürfe. „Es wäre ein großer Schaden auch für den Naturschutz wenn man die Bauern im Regen stehen lässt“, schloss Enderle. Als letztes Mittel, sich politische Rückendeckung zu verschaffen, könne man sich in seinem Kollegenkreis durch aus auch einen Viehscheid-Boykott vorstellen: „Wir können auch gut ohne Viehscheid leben...“

Hoffen auf Lerneffekt

Die rechtliche Situation beim „Umgang“ mit dem Wolf beleuchtete der Amtschef im Umweltministerium, Dr. Christian Barth. Den hohen Artenschutzstatus der Kategorie 5 könne man nicht einfach aushebeln. Laut Bundesnaturschutzrecht seien Zuwiderhandlungen als Straftatbestand zu werten. Eine „Entnahme“, sprich Abschuss, sei nur möglich und im Einzelfall anzuordnen, wenn ein Wolf „verhaltensauffällig“ sei oder „größere wirtschaftliche Schäden“ verursache. Eine immer wieder geforderte Flexibilität und Vereinfachung der Schadensregulierung sei auch eine Frage, wie man mit Steuergeldern umgehe; doch eine „gewisse Schlüssigkeit“ beim Nachweis eines Wolfsrisses „sollte reichen“, räumte Dr. Barth ein. Und bei Zäunen würden die Sachkosten wohl vom Staat übernommen; das sei „Thema des nächsten Doppelhaushaltes“. Von Elektrozäunen verspreche man sich nicht zuletzt einen Lerneffekt: ein kräftiger Stromschlag als schlechte Erfahrung. Im Ministerium werde mithin an Fördermaßnahmen für Herdenschutz und an einem Wolfsaktionsplan gearbeitet. Abschuss? „Wenn es nötig sein sollte, wird es sehr schnell gehen, falls die Voraussetzungen stimmen.“ Das sei die Logik und Intention des Aktionsplanes, so der Jurist.

Vollschutz gibt es nicht

Einen „Vollschutz“ gegenüber dem Wolf gebe es nicht, betonte der Schweizer Wolfsexperte Dr. Georg Brosi: „Ein Patentrezept gibt es nicht.“ Der Wolf sei sehr lernfähig und zeige ein ausgeklügeltes Jagdverhalten. Selbst unweit der Stadt Chur halte sich ein Rudel Wölfe. Insgesamt lebten in der Schweiz 25 Wölfe in zwei Rudeln. Tierverluste 2017: etwa 100 Schafe. Auch wenn die bevorzugte Beute Wild sei, lerne der Wolf schnell, dass es einfacher sein könne, Weidetiere zu reißen. Er lerne aber genauso, dass sich eine geschützte Herde wohl als problematischer erweisen könne. Selbst hohe Elektrozäune und Herdenschutzhunde seien keine absolute Garantie. Eine Beeinträchtigung des Tourismus durch Raubtiere wie Wolf und Bär könne man etwa in Graubünden nicht feststellen.Brosi deutete an, was womöglich Populationen im Zaum halte: Wölfe würden auch gewildert...

Unruhe im Wald

Das Stichwort „Beute Wild“ veranlasste den Geschäftsführer der Hochwild-Hegegemeinschaft Sonthofen, Jürgen Wälder, zunächst zum Appell: „Reden wir von Raubtier, nicht von Beutegreifer.“ Selbst wenn der Wolf „keine großartigen Bestandsregulierungen“ bewirke, sei dessen Anwesenheit sehr wohl Anlass für Verhaltensänderungen etwa beim Rotwild: Es werde von den Wintereinständen vergrämt und drücke sich in den Wald, wo Schäden durch Verbiss und Schälen von Bäumen die zwangsläufige Folge seien. „Wer trägt dann die Kosten?“

Dass die Landwirtschaft Unterstützung bei der Wolfsabwehr brauche, räumte auch Wildbiologe Henning Werth ein. Dennoch dürfe die Angst nicht lähmen. In rund 200 Jahren ohne Wolf sei viel Wissen und Erfahrung beim Umgang mit dem Raubtier verloren gegangen. Dass der Tourismus einen Imageschaden erleide durch den Wolf, glaubt Werth nicht. Andernorts beobachte man sogar einen regelrechten Wolfstourismus. Er appellierte, Wege zu suchen, um auch im Allgäu „mit dem Wolf“ zu leben. Wölfe aber, die Zäune nicht respektierten, seien nicht tragbar. Dann müssen sie tatsächlich entnommen werden.

Gretchenfrage zum Schluss: Hat der Wolf eine Daseinsberechtigung in unserer Landschaft? BBV-Präsident Enderle und Landrat Klotz: eindeutig nicht. Die Wildtier-Experten Werth und Dr. Brosi: ja. Jurist Dr. Barth verpackte es so: „Diese Frage interessiert den Wolf überhaupt nicht!“

gts

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