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Zwischen Naturschutz und Tourismus: Podiumsdiskussion zur Zukunft der Alpwirtschaft

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Von: Josef Gutsmiedl

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Podiumsdiskussion „Zukunft Alpwirtschaft im Spannungsfeld zwischen Naturschutz und Tourismus“
Miteinander geht‘s, meinen Bettina Kurrle (Bildmitte) und Stiftungsgründer Manfred Kurrle (von links) mit den Podiumsgästen Armin Kling, Verena Eichhorn-Lange, Dr. Norbert Schäffer, Franz Hage, Moderator Georg Bayerle und Rainer Hoffmann. © Josef Gutsmiedl

Oberallgäu – Im Rahmen der Ausstellung „AllgäuerHochKultur” der Manfred Kurrle Naturschutzstiftung Allgäuer Hochalpen luden die Organisatoren zur Diskussionsrunde ein.

Praktiker der Alpwirtschaft und des Tourismus genauso wie Naturschützer und Kommunalpolitiker bezogen Position zum Thema „Zukunft Alpwirtschaft im Spannungsfeld zwischen Naturschutz und Tourismus“.

Keine „Fraktion” stellte in Frage, dass die Alpwirtschaft im Allgäu eine Zukunft habe, geradezu haben müsse. Allerdings sei es höchste Zeit, die erforderlichen Weichenstellungen einzuleiten, um diese auskömmliche Zukunft dauerhaft zu sichern, gerade in Zeiten von vielen Nutzungsmöglichkeiten und unterschiedlichen Ansprüchen. Fazit: Entscheidend ist ein Miteinander und der Wille, zusammenzufinden für eine gute Entwicklung.

„Wir glauben an die Zukunft der Alpwirtschaft.”

Bettina Kurrle von der Naturschutzstiftung Allgäuer Hochalpen ist sicher: „Wir glauben an die Zukunft der Alpwirtschaft.” Ohne lebensfähige Alpwirtschaft gebe es schlechterdings keine Kulturlandschaft.

„Um der Dramaturgie willen” widersprach Moderator Georg Bayerle vom Bayerischen Rundfunk: er glaube nicht an diese Zukunft. Bayerle lenkte den Blick auf das Konfliktpotenzial Alpwirtschaft contra Freizeitnutzung der Kulturlandschaft, das immer wieder für Schlagzeilen sorge. Etwa mit dem Bild vom wütenden Älpler, der einer Gruppe Mountainbikern hinterher schimpft. Schattenseiten des Tourismus, die die Ausstellung in Sonthofen ebenfalls aufgreift und erfolgreiche Lösungsansätze skizziert.

Alpwirtschaft und Naturschutz

Zumindest Alpwirtschaft und Naturschutz sieht Rainer Hoffmann vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Kempten häufig im Schulterschluss – als Paradebeispiel für ein Zusammenwirken. Die meisten angehenden Landwirtinnen und Landwirte, so Hoffmanns Erfahrung als Dozent und Lehrer an der Landwirtschaftsschule und der Alpwirtschaftsakademie, „brennen” für die Alpwirtschaft. Das Interesse sei da. Bis zu 90 junge Leute zählt er pro Jahrgang.

Armin Kling aus Obermaiselstein, Landwirt mit Talbetrieb und Alpe im Berggebiet, sieht ebenfalls Zukunftschancen für die bäuerliche Land- und Alpwirtschaft im Allgäu. Man müsse aber wegkommen vom Höher, Weiter, Schneller.

Mehr Alpvieh und Talbetriebe

„Die Alpwirtschaft kann nur bestehen, wenn die Talbetriebe bestehen”, ergänzt Franz Hage vom Alpwirtschaftlichen Verein im Allgäu AVA. Sonst kippe alles. „Wir brauchen unbedingt funktionierende Talbetriebe im Oberallgäu”, betont Hage. Und das Alpvieh müsse vorrangig aus den Talbetrieben kommen, verweist er auf rückläufige Bestoßzahlen. Weniger Alpvieh könne die notwendige Beweidung der Hochlagen nicht dauerhaft sichern. Seit dem Jahr 2000 sei die Zahl geälpter Rinder von 36.000 Stück auf rund 30.000 zurückgegangen. Vielleicht müsse man mehr Schafe und Ziegen mobilisieren, um schwierige Lagen offen zu halten und der Verbuschung zu entziehen.

„Elementar” sei die Landwirtschaft für die Region, stellt auch die Oberallgäuer Landrätin Indra Baier-Müller fest. Letztendlich habe die Landwirtschaft die allseits geschätzte Kulturlandschaft, die die Region auszeichne und den Tourismus befeuere, geschaffen. Auch unterstützt durch Förderprogramme und finanzielle Anreize.

Dies wisse man in den kleineren Beherbergungsbetrieben sehr wohl, ergänzt Verena Eichhorn-Lange, die in Oberstdorf in fünfter Generation ein 20-Zimmer-Hotel betreibt. Man informiere die Gäste. „Da gibt es oft viel Informationsbedarf”, stellt sie fest.

Und auch Dr. Norbert Schäffer, Vorsitzender des Landesbund für Vogelschutz LBV, kann „viel Verständnis” für die Zusammenhänge beobachten. Eine Art Wertschätzung durch die Gesellschaft sieht er in den einschlägigen Förderprogrammen. „Gelder, die es zu Recht gibt, wenngleich noch zu wenig!” Dass Betriebe pleite gehen, wolle niemand, sagt der LBV-Vorsitzende Schäffer. Eigentlich müsste man die Landwirtschaft sogar belohnen, nicht nur entschädigen.

Armes Allgäu ohne Kulturlandschaft

Franz Hage sieht das als aktiver Älpler anders und kritisiert den großen bürokratischen Aufwand. Jetzt müsse man in einem aufwändigen Verfahren sogar die Artenvielfalt nachweisen, um entsprechende Mittel zu bekommen. Generell, so Hages Argument, redeten zu viele mit, die mit der Praxis wenig zu tun hätten und schnell pauschal behaupteten: „Du machst das falsch.” Das sehe nicht nach Miteinander aus, beklagt Hage: „Hätten wir es falsch gemacht, gäbe es nichts zu schützen und zu erhalten.”

Kopfschütteln im Publikum bei Sepp Agerer aus Hinterstein: Die Gesellschaft honoriere den Mehraufwand der bäuerlichen Landwirtschaft nicht. Die Alpwirtschaft liefere schöne Bilder, während die Talbetriebe ums Überleben kämpften.

Ohnehin seien die Unterschiede von „bio” und „konventionell” derzeit eher verwischt, findet Armin Kling. „Bei uns hier sind im Prinzip alle Biobetrieb!” Das A und O sei es, regionale Produkte vor Ort zu vermarkten. Das meint Rainer Hoffmann auch: „So schlecht liegen wir hier nicht.” Der bäuerliche Familienbetrieb sei der Facharbeiterbetrieb schlechthin. Mit kleinen, überschaubaren Einheiten – auch im Nebenerwerb – sei man zukunftsfähiger aufgestellt als mancher spezialisierte Großbetrieb in Holland, gibt der Experte zu bedenken. Kulturlandschaft gibt es nicht ohne Land- oder Alpwirtschaft. „Sonst wären wir eine arme Region”, weiß auch Älpler Franz Hage.

Besucherlenkung und Tourismus-Hotspots

Die beschaulichen Zeiten des „Fremdenverkehrs” von einst sind längst passé. Heute ist der Gast keine drei Wochen am Stück an einem Ort, bestenfalls fünf oder sechs Tage und da mit großem Aktionsradius. In kurzer Zeit werden Hotspots abgeklappert. „Wo es schön ist, wollen alle sein”, so die Binsenweisheit der Touristiker. Naturschützer und Älpler können gleichermaßen ein Lied davon singen. Seit Jahren werden Konzepte für Besucherlenkung erarbeitet und umgesetzt, die tatsächlich punktuell Erfolge zeitigen. „Der persönliche Kontakt sticht”, berichtet Simone Zehnpfennig von der Allgäu GmbH.

Verbote haben sich nicht bewährt, räumt Landrätin Baier-Müller ein. Nur ein faires Miteinander könne die Konflikte vermeiden helfen. Jörn Homburg von den Oberstdorfer Bergbahnen ergänzt: „Probleme müssen wir frühzeitig erkennen und nach Lösungen suchen.” Man sei in der Region gar nicht weit weg vom Ziel, so Homburgs Einschätzung.

„Raus aus dem Lagerdenken”, appelliert Dr. Schäffer gegen Ende der Diskussion und gratuliert der Stiftung zur Ausstellung, die die Aspekte konkret benenne und auch Lösungsansätze aufzeige. Moderator Georg Bayerle hofft, das die Ausstellung nicht auf den Speicher gestellt wird, sondern noch viele Interessierte erreichen kann.

Mit seinem ganz speziellen Schlusswort der Diskussionsrunde spitzte Armin Kling die Problematik rund um das Spannungsfeld zwischen Naturschutz und Tourismus zu: Es sei bei jedem kontroversen Thema wie beim Fußball: 80 Prozent der Leute wissen es immer besser! Kling konkret: „Lasst uns unsere Arbeit machen; wir wissen wie es funktioniert.”

Das Programm und viele weitere Informationen zur aktuellen Ausstellung in der StadtHausGalerie in Sonthofen gibt es unter www.allgaeuer-hoch-kultur.de

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