Die wechselvolle Geschichte des Gilchinger Rathauses

Rosen, Pralinen und ein paar Glas Whiskys

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Das Gilchinger Rathaus 1952: Weit und breit keine Bebauung, wer heute die Gemeindeverwaltung besucht, kann die Grundzüge des Gebäudes noch gut erkennen.

Gilching – Wenn im Mai in Gilching der Spatenstich für das neue Bürgerzentrum an der Pollinger Straße vorgenommen wird, dann geht es ziemlich zügig voran, sagt Bürgermeister Manfred Walter. Kommt nichts mehr dazwischen, ist 2016 der Umzug in das neue Rathaus innerhalb des Bürgerzentrums geplant.

„Es wird Zeit. Wir haben inzwischen 150 Mitarbeiter und befinden uns immer noch in den Räumen, die 1952 bezogen wurden“, betont Walter. Mit dem Umzug geht auch die Ära des alten Rathauses zu Ende beziehungsweise soll das Gebäude anderweitig genutzt werden. Ursprünglich war das heutige Rathaus, Baujahr 1938, keineswegs als Verwaltungsgebäude vorgesehen. Vielmehr diente es seinerzeit als Hitler-Jugend-Heim. Die Gemeindeverwaltung aber befand sich damals in drei kleinen Räumen der ehemaligen Dienstwohnung des Oberlehrers im alten Schul- haus im Altdorf. „Gegenüber war ein riesiger Misthaufen des Schöttl-Hofes an der heutigen Schulstraße, fast am Ortsrand der weit verzweigten Gemeinde“, berichtete Ortschronist Rudi Schicht (1920 bis 2012) in seinen Aufzeichnungen Wie es in Gilching war. Und schon damals klagten die Rathausmitarbeiter, Gilching hatte 1950 gerade einmal 4.315 Einwohner, über die viel zu engen Räumlichkeiten. Zumal sie sämtlich Probleme mangels Telefone, geschweige denn E-Mail und sonstiger moderner Kommunikationsmittel, direkt auf den Tisch gelegt bekamen. Und die Probleme waren nach Kriegsende groß. Wohnungsnot, Bezugsscheine für Kleidung, Schuhe und Hausrat, das oft nicht funktionierende Wasserleitungsnetz, Schlaglöcher auf sämtlichen Straßen, nachbarliche Streitigkeiten wegen überfüllter Häuser und die vielen amtlichen Beglaubigungen von Abschriften von Dokumenten sorgten für einen regen Publikumsverkehr in der räumlich beengten Gemeindeverwaltung. Die einzige Möglichkeit sah der Gemeinderat seinerzeit in einem Umzug in das 1938 erbaute Hitler-Jugend-Heim an der heutigen Rathausstraße, das nach der Machtübernahme amerikanischen Soldaten als Offiziers-Casino und Tanzlokal diente. So oft der damalige Bürgermeister Hans Krammer auch Antrag an die oberste US-Befehlsstelle stellte, die Freigabe wurde versagt. „Wenn offiziell nichts geht, dann geht es vielleicht durch die Hintertür“, dachte sich Krammer. Er hoffte nun auf den Einfluss der Sekretärin auf den zuständigen Kommandeur. Ein Dolmetscher aus Gilching, der bei den Amerikanern auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck tätig war, habe dann laut Schicht die Privat-Adresse der Sekretärin ausfindig gemacht und an Krammer weiter gegeben. „Am letzten Samstag im November 1952 fuhren Krammer in Begleitung des Schulreferenten mit einer Riesenschachtel Pralinen und einem Strauß von 30 wunderschönen Rosen bewaffnet zu jener Sekretärin. Nach einem freundschaftlichen Gespräch und einigen Glas Whiskys zeigte die nette Dame Verständnis für die Not der Gemeinde Gilching und versprach den beiden Unterhändlern, sich für die Sache einzusetzen.“ Nur drei Tage später erhielt die Gemeinde einen Anruf aus Fürstenfeldbruck. Der US-Offiziersklub werde aufgelöst und das Gebäude an die Gemeinde übergeben. Rudi Schichts Fazit: „Sekretärinnen können eben bei ihren Chefs oft mehr erreichen, als offizielle Bittgesuche.“ pop

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