Benachteiligt im "Moloch Gilching"

Kürzlich lud die FDP unter dem Motto „Wege zu einem weiteren Gymnasium im westlichen Landkreis“ ins Sudhaus des Schloss Seefeld, um an Hand erstaunlicher Zahlen zu erläuterten, warum es in der Herrschinger Region ein weiteres Gymnasium dringend braucht. Dazu war unter anderem Renate Will, Bildungspolitische Sprecherin der FDP im Landtag, aus München angereist. Oswald Gasser, Kreisrat und FDP Gemeinderat in Seefeld führte durch den Abend.

In seiner Begrüßungsrede bedauerte er die geringe Besucherzahl und stellte fest, dass den Menschen noch immer nicht klar sei, dass Bildung „vor allem“ komme, auch vor Fußballländerspielen oder dem Nockherberger -Live-Spektakel. Dies sei Bayerns einziger Rohstoff den es zu fördern gälte. Renate Will untermauerte das in ihrer Rede, in dem sie darauf hinwies, dass 2020 bereits 800.000 gut ausgebildete Fachkräfte fehlen würden. Im Jahr 2025 seien es 1,2 Millionen. Man hätte in den vergangenen Jahren falsche Prognosen hinsichtlich der Schülerzahlen gestellt, diese würden entgegen der allgemeinen Einschätzung steigen statt sinken und anstatt weniger Übertritte in weiterführende Schulen gebe es jährlich drei Prozent Zuwachs auf bayrischen Gymnasien. Im Jahr 2000 seien 261.000 Schüler auf 303 Gymnasien gegangen, 2008 waren es, laut Will, 312.000 auf 309 Gymnasien. Interessant sei hierbei gerade der Starnberger Landkreis, der sich noch einmal gravierend von den bayrischen Durchschnittszahlen abhebe. In Bayern gehen rund 40 Prozent aller Schüler auf weiterführende Schulen, in Starnberg 60 Prozent und im Würmtal sogar 80 Prozent, so Will. Ihre Schlussfolgerung: die Gymnasien sind entsprechend „am Rand ihrer Kapazitäten“ angekommen. Bestes Beispiel sei das siebenzügige Christoph-Probst-Gymnasium in Gilching mit inzwischen 1.650 Schülern. Pädagogische Empfehlungen lägen bei maximal 800 Schülern pro Einrichtung, um einen guten Unterricht zu gewährleisten. „Lehrer kennen sich gar nicht mehr in Gilching“, kommentierte Vorstandsmitglied des Fördervereins „Herrschinger-Gymnasium“, Hannes Eisele, die Ausführungen der Landtagsabgeordneten. Teamarbeit oder Innovationen innerhalb des Lehrplanes seien an solchen Schulen gar nicht mehr möglich. Oswald Gassner gab dem Ganzen einen noch drastischeren Namen: „Unsere Kinder sind benachteiligt in dem Molloch Gilching.“ Standort des einzigen öffentliche Gymnasium im westlichen Landkreis und somit für viele Gymnasiasten der Region die am nahen gelegenste Schule. „Als Mutter fühlt man sich wie in einem Entwicklungsland, wenn man hier her zieht“ erklärte Martina von Weidenbach, Mutter dreier Kinder aus Burghausen, einem Ort mit zwei Gymnasien à 500 Schülern. „Niemand will seine Kinder in solch überfüllte Schulen geben.“ Renate Will führte aus, dass nicht nur die Schülerzahl zu hoch sondern auch die Wege unzumutbar weit seinen, rund 600 Herrschinger Kinder pendeln täglich in umliegende weiterführende Schulen. Das koste nicht nur wertvolle Zeit, die den Kindern für Sport, Kunst oder einfach zum draußen Spielen abginge sondern auch viel Geld. Abschließend spornte sie vor allem die Mitglieder des Fördervereins an, „am Ball zu bleiben“, im Bundesrat habe das Thema Bildung oberste Priorität und sie würde sich freuen, wenn sie in ein paar Jahren zur Eröffnung eines neuen Gymnasiums kommen könnte. Gasser erläutere darauf hin Ergebnisse seiner eigenen Recherchen und kam zu dem Schluss, dass im westlichen Landkreis auf ein Gymnasium rund 52.000 Einwohner kommen, während im Osten auf rund 78.000 Einwohner drei öffentliche und ein „halböffentliches“ Gymnasium kämen. Das seien 26.000 Einwohner pro weiterführende Schule - die Hälfte im Vergleich zum Westen. Bayernweit sei die Zahl ähnlich. 403 Gymnasien bei rund 1,25 Millionen Einwohnern mache 31.000 Einwohner pro Gymnasium. Warum die vom Förderverein sehnlich und schon im Herbst erwartete Bedarfsanalyse solang auf sich warten lässt, rang Gasser lediglich ein Kopfschütteln ab. Das der Bedarf geben sei, bezweifelte niemand, die Frage die sich allerdings, vor allem der Gilchinger Gemeinderat und Rat im „Zweckverband für die weiterführenden Schulen im westlichen Landkreis“ (ZV), Stefan Hartmann, stellte, war die nach der Finanzierung eines neuen Gymnasiums. Bei einem Neubau in der nötigen Größe müsse man mit 30 bis 40 Millionen Euro rechnen. Sieben Gemeinden rund um Herrsching sind Mitglied des ZV dessen Aufgabe ist, die staatliche Realschule in Herrsching und das Christoph-Probst-Gymnasium quasi zu unterhalten, soweit das der Staat nicht tut. Das heißt, jede der Gemeinden muss sich anteilig nach ihren entsandten Schülerzahlen an den Kosten beteiligen. Je nach Größe der Gemeinde variieren die Zahlen und entsprechende Summen zwischen rund 83.000 und 280.000 Euro im Jahr. Das Problem aus Sicht des ZV, wird erkennbar wenn man davon ausgeht, dass nur zwei Gemeinden, nämlich Weßling und Gilching selbst, weiterhin zuverlässig ihre Kinder nach Gilching ins Gymnasium schicken. Die fünf anderen Gemeinden, angefangen bei Seefeld, Wörthsee, Inning bis zu Herrsching und Andechs werden voraussichtlich ihre Kinder nach Herrsching in ein neues Gymnasium senden. Ergo würden enorme Summen in der Kasse des Zweckverbandes fehlen, der ohnehin mit rund 8,3 Millionen Euro in der Kreide steht. Diese Summe entstand vor allem aus Anbauten und Sanierungen beider Schulen in den vergangenen Jahren. Die Gemeinden stehen dafür gerade. „So haben wir es mit einem ausgewachsenen Interessenkonflikt zu tun“, für dessen Lösung Hartmann nur ausführliche Gespräche empfehlen konnte. Er wünschte sich ein Kosten sparendes Gesamtkonzept vom Landkreis, in dem „Synergiepotentiale“ zusammengeschlossen werden und überparteilich mit Fachleuten aus Politik und Wirtschaft professionell gearbeitet wird. Man müsse sich von alten Konzepten, wie dem „Einzelgymnasium“ verabschieden und offen für neue Wege sein. Er unterstützte damit Renate Wills Empfehlung an den Förderverein sich mit der so genannten PPP (Public Private Partnership, übersetzt: Öffentlich-Private Partnerschaft) auseinander zu setzten, mit welcher unter anderem in ihrer Heimatgemeinde Kirchseon ein Gymnasium schnell und höchsten Anforderungen Genüge leistend gebaut wurde. Hartmann lief damit auch offene Türen bei dem Vorstandsvorsitzenden des Fördervereins Jens Waltermann, Vater von vier Kindern und FDP Gemeinderat in Herrsching, ein, der in seiner Abschlussrede noch einmal zusammen fasste: „Im Dunklen verlassen unsere Kinder das Haus und im Dunklen kommen sie dort wieder an.“ Es könne nicht sein, dass der Netto reichste Landkreis die höchste Auswanderung an Gymnasiasten hätte, so Waltermann. „Vereinsarbeit findet nicht mehr statt.“ Rund hundert Vereine beklagen einen ständigen Rückgang des Nachwuchses, Grund dafür sei mangelnde Zeit und dass man Aktivitäten immer auf das Wochenende verlegen müsse. Mit leiser Ironie kommentierte er die lange Wartezeit auf die nötige Bedarfsanalyse: „Ich gehe von besonderer Gründlichkeit aus.“ Er zweifelte nicht an einer positiven Einschätzung seitens des Kultusministeriums, „ansonsten würden wir die Welt nicht mehr verstehen“. Waltermann freute sich über den Rückhalt unter anderem durch Herrschinger Bürgermeister Christian Schiller (parteilos) und durch die stetig wachsende Zahl der Mitglieder des Fördervereins, die innerhalb eines Jahres auf beachtliche 400 gewachsen sei. Er appellierte an die Bürger sich für das Projekt weiter stark zu machen und beendete die Veranstaltung mit der klaren Ansage: „Für den Förderverein stelle sich nicht die Frage ob ein Gymnasium gebaut wird, sondern lediglich wie es gebaut wird.“

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