Interview

„Das wird schon wieder“: Weßlinger Tagespflegeleiterin Julia Hager erzählt über ihren Corona-Alltag

Julia Hager
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Die stellvertretende Leiterin der Tagespflege, Julia Hager, sehnt den Tag zurück, an dem sie wieder unbeschwert mit ihren Besuchern Fasching feiern kann. Das Foto stammt aus dem Jahr 2019.

Weßling - Mit Hilfe der Dachverbände konnte ein zweiter Lockdown in Weßlings Tagespflege abgewendet werden, freut sich die stellvertretende Leiterin Julia Hager (48). Das sei gut so, denn die Patienten hätten nach dem sechswöchigen Lockdown teilweise sehr abgebaut. Glück im Unglück hatten sie mit der Möglichkeit, just in Pandemiezeiten die Räumlichkeiten zu erweitern. Auf diese Weise war es möglich, dass das achtköpfige Team unter Einhaltung der Abstandsregeln mit den acht vorhandenen Pflegeplätzen alle 15 Patienten weiterhin betreut. Der Aufwand für das Einhalten der Hygieneregeln sei enorm, sagt sie. Im Team und bei den Patienten wollen sich alle impfen lassen. Die über 80-Jährigen sehen die Pandemie angesichts dessen, was sie im Laufe ihres Lebens erlebt haben, gelassen. „Das wird schon wieder, Julia“, sagen sie. „Es ist ja immer wieder geworden.“

Kreisbote Starnberg : In unserem Gespräch vor zwei Monaten sagten Sie, dass Sie sich mit Händen und Füßen gegen einen zweiten Lockdown der Tagespflege wehren würden. Hatten Sie Erfolg damit?
Julia Hager:  Tatsächlich haben wir uns gemeinsam mit dem bundesweiten Pflegenetzwerk und den Dachverbänden dafür eingesetzt, dass die Tagespflegeeinrichtungen unter strengen Hygieneregeln geöffnet bleiben. Wir hatten nach dem ersten Lockdown die dramatischen Konsequenzen der Schließung erlebt. Nach sechs Wochen waren pflegende Angehörige komplett erschöpft. Von Tagespflege Patienten hatten einige in der Mobilität schwer abgebaut. Das liegt unter anderem daran, dass knapp die Hälfte unserer Klienten allein Zuhause leben und sich ohne Anleitung nicht mehr bewegt haben. In den knapp acht Monaten konnten wir ihre Beweglichkeit allerdings weitgehend wiederherstellen.
Kreisbote Starnberg:  Wie sehen die Hygieneverordnungen genau aus und mit wie viel Mehraufwand sind sie verbunden?
Hager:  Das pflegende Personal und der Fahrdienst bekommen einen Schnelltest und wir tragen während der Arbeit eine FFP2-Maske. Bei Symptomen wird natürlich umgehend sofort getestet. Unser Fahrdienst ist angewiesen, schon an der Haustür genau auf Symptome und Krankheitsanzeichen zu achten. Er ist mit einem kontaktlosen Fieberthermometer und natürlich FFP2 Maske ausgerüstet. Wir haben in der Mitte vom Tisch eine Plexiglaswand gezogen, achten darauf, dass Abstand gehalten wird, und lüften jede Stunde komplett durch. Außerdem haben wir ein CO2-Messgerät aufgestellt. Die Maßnahmen bedeuten für das Team und unsere Klienten eine enorme Kraftanstrengung. Besonders die Masken der Pflegerinnen sind ein Problem, weil einige unserer Besucher nicht mehr gut hören und das Defizit bislang mit Lippenlesen überbrückt haben. Und die Bürokratie ist ein Alptraum. Eigentlich bräuchte ich für die Formalitäten eine Person zusätzlich. Ich muss beispielsweise jeden Test und jedes Ergebnis dokumentieren und abheften. Vor der Pandemie war ich als Leiterin 40 Prozent mit Bürokram beschäftigt und konnte 60 Prozent der Zeit meiner eigentlichen Tätigkeit als Pflegerin nachgehen. Mittlerweile hat sich das Verhältnis umgedreht.
Kreisbote Starnberg: Anfang Dezember konnten Sie die erweiterten Räumlichkeiten im Höhenrainäcker beziehen. War das in Anbetracht des höheren Platzbedarfes so etwas wie eine Fügung?
Hager:  Das kann man so sagen. Ohne die Erweiterung von 60 auf 120 Quadratmeter, könnten wir aufgrund der geforderten Sicherheitsabstände täglich nur noch drei statt wie bisher acht Pflegeplätze anbieten. Nach Ende der Pandemie können dann auch endlich die von den Pflegekassen genehmigten zehn Pflegeplätze pro Tag „gefüllt“ werden. Die erweiterte Wohnung ist toll und wir alle genießen sie in vollen Zügen. In allen Zimmern sind neue Böden gelegt. Dank großzügiger Spenden konnten wir Möbel wie Tische, Stühle und neue Ruhesessel anschaffen und erstmalig ein Büro einrichten sowie helle, dimmbare Lichter finanzieren.
 Kreisbote Starnberg: Haben Sie den Eindruck, dass die Pandemie ihren Patienten auf die Psyche schlägt?
Hager:  Eher interessant ist, dass die über 80-Jährigen sehr gelassen mit der Situation umgehen. Sie sagen zu mir: „Weißt Du Julia, wir sind im Laufe unseres Lebens so viel Irrsinn, Entbehrungen und Bedrohungen ausgesetzt gewesen. Im Vergleich dazu ist das jetzt nichts. Das wird schon wieder. Es ist ja immer wieder geworden.“ Unsere Klienten befinden sich im letzten Lebensabschnitt und haben nicht mehr so viel Angst vor dem Sterben. Dennoch sind sie und wir erleichtert, wenn wir wieder in die alte Normalität zurückkehren können. Das wird nach der zweiten Impfung der Fall sein. Was aber allen schmerzlich fehlt sind die sozialen Kontakte, gerade innerhalb der Familien.
Kreisbote Starnberg:  Haben Sie schon einen Impftermin?
Hager:  Leider nein, weil wir anders als die stationären Einrichtungen nicht erste Priorität haben. Vom Gesundheitsamt heißt es, dass der Impfstoff fehlt. Bislang hatten wir noch keine Infektion bei uns, aber je länger es mit der Impfung dauert, desto mehr Bedenken haben wir, dass es uns auf den letzten Metern doch noch erwischt. Auf der Warteliste drängen sich auch schon neue Patienten. Nach der zweiten Impfung können wir zehn Pflegplätze pro Tag anbieten. Die Impfbereitschaft im Team und bei den Besuchern liegt bei 100 Prozent. Schließlich arbeiten wir mit Hochrisikogruppen.

Das Gespräch führte  Michèle Kirner

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