„Nicht 5 nach 12, sondern eher Viertel vor Zehn“

Diskussion über eine Schorn-Erweiterung wird giftiger - Bürgermeister Janik verärgert über Flugblattinitiative

Die Planungen über einen Technologie-Campus in Schorn erhitzen derzeit die Gemüter in Wangen (Symbolbild).
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Die Planungen über einen Technologie-Campus in Schorn erhitzen derzeit die Gemüter in Wangen (Symbolbild).

Starnberg - Nicht „5 nach 12“ sei es bei den Erweiterungsplänen für das Gewerbegebiet Schorn, sondern allenfalls „Viertel vor Zehn“, reagierte der spürbar verärgerte Starnberger Bürgermeister Patrick Janik, als er im Stadtrat auf ein aktuell im Ortsteil Wangen kursierendes Flugblatt der „Bürgerinitiative Schorn e.V.“ zu sprechen kam.

Das „5 nach 12 für Wangen“ betitelte Papier der Schorn-Gegner hatte dem Rathauschef sinngemäß unterstellt, er wolle, so fasste es Janik zusammen, „Schorn im Eilverfahren durchdrücken“ und zu diesem Zweck womöglich sogar „die Pandemie nutzen“, um das alles „unter Ausschluss der Öffentlichkeit“ zu bewerkstelligen. Derlei absurde Anwürfe konterte Starnbergs 1.Bürgermeister mit einem Schuss Sarkasmus: Das Flugblatt, so Janik, zeuge nicht gerade von Kenntnis des Bebauungsplanverfahrens und hätte eher „Viertel vor Zehn für Wangen“ heißen sollen oder auch „Die Wangener Wahrheit“ – ähnlich wenig Gehalt wie seinerzeit bei den Ausgaben des Tunnelgegner-Pamphlets „Die Starnberger Wahrheit“ sei dran an solchen Behauptungen.

Man sei jedenfalls „noch meilenweit entfernt von einem Satzungsbeschluss“ zu Schorn, stellte Janik klar, und dies durchaus öffentlich, denn zur Stadtratssitzung waren wie immer etliche Zuhörer in den großen Saal der Schlossberghalle gekommen. Diese konnten sich ebenso wie die Mitglieder des Rates selbst ein Bild davon machen, wie weit die Pläne des Investors „Astopark“ für einen „Technologie-Campus“ mit bis zu 3000 Arbeitsplätzen in Schorn inzwischen gediehen sind: Der Projektleiter und Fachplaner Michael Nahr von „Koch & Partner“ berichtete zunächst vom Stand des „vorzeitigen Beteiligungsverfahrens“, das nach der öffentliche Auslegung der Planung (17.10. bis 18.11. 2019) insgesamt 42 Einwendungen und Anregungen von Behörden, 154 von Trägern öffentlicher Belange sowie eine aus der Bürgerversammlung 2019 heraus ergeben habe - das Konvolut all dieser Stellungnahmen umfasst 170 Seiten, die Beschlussvorlage dazu 107 Seiten. Vor allem derlei Umfänge führten dazu, dass diesmal vom Stadtrat noch gar nichts beschlossen wurde – die Fraktionen müssen sich erst mal durch die Textmengen arbeiten. Die Meinungsbildung zu Schorn dauert in einzelnen Fraktionen wie der FDP noch an, während eine Stadtratsmehrheit das Vorhaben eher gutheißt und die Grünen das Vorhaben klar ablehnen.

Chefentwickler Nahr konnte zur Kenntnisnahme der Stadträte und der weiteren Öffentlichkeit diesmal lediglich die „Nomenklatur“ der Schorn-Pläne skizzieren, die bisherige Chronologie und die Qualitätskontrolle, sprich Bewertung des umstrittenen Großvorhabens: Demnach musste er „ein ganz klares Minus“ beim Aspekt „Landschaftsverbrauch“ einräumen – bei fast 37 Hektar Fläche, die für die Gewerbegebietserweiterung aus dem Landschaftsschutz genommen werden sollen, werden 22,19 ha an Ausgleichsflächen fällig, wovon aber nur 14,38 ha „intern“ darstellbar sind – es verbliebe ein „externer Ausgleichsbedarf“ von 7,81 ha, den womöglich die Hereinnahmen von Flächen bei Hadorf/Hanfeld in den Landschaftsschutz kompensieren könnten. Doch so weit ist es noch lange nicht: Die in vier Unterkategorien aufgegliederte Beschlussvorlage berücksichtigt die Themenfelder „Städtebau und Baurecht“ (Bedarfsanalyse, Infrastrukturfragen, Arbeitsplätze), Verkehr (Immission, Mobilität, Auto-bahn-Anschluss etc.), Umwelt und Landschaftsschutz, sowie „Sonstiges“, worunter das Thema Erholung oder auch der Gedanke einer interkommunalen Planung fiele – die Nachbargemeinde Schäftlarn hat sich allerdings bereits gegen die Schorn-Pläne positioniert. Immerhin wäre dies für Starnberg „die erste Gewerbegebietsausweisung seit 50 Jahren“, merkte Nahr an: In Anbetracht des unzweifelhaften Raumbedarfs des Starnberger Gewerbes und des von der Metropolregion München beklagten „Nord-Süd-Gefälles bei der Arbeitsplatzdichte“ gäbe es seiner Ansicht nach „keine Alternative für die gedachte Funktion und Größenordnung“, so der Planungsleiter.

Doch man wolle unbedingt behutsam vorgehen, denn bei einem derartigen Projekt drohe „ohne Entwicklungsstufen eine Überforderung der Infrastruktur“. Die bisherigen Evaluierungen haben nämlich bereits ergeben, dass mit „erheblicher Zunahme“ des Verkehrs zu rechnen sein wird und einer entsprechenden Belastung für die umliegenden Orts-teile (nicht nur der Starnberger). Hier gilt es also, vor allem den berechtigten Sorgen der Wangener Bevölkerung Gehör zu schenken. Planer Nahr ist jedenfalls überzeugt davon, auch alle Bedenken unter einen Hut zu bekommen und bei dem Vorhaben möglichst viele Bürger mitzunehmen: „Wir wollen gemeinsam Hochwertiges schaffen.“ Dafür ist es ja nie zu spät, aber mit Sicherheit noch ein langer Weg.

Thomas Lochte

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