Drachensteigen

Ehrensache der heimischen Buben

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Landkreis – Jetzt ist es wieder an der Zeit, die Drachen auszupacken und sie auf freiem Feld steigen zu lassen. Je mehr Wind, desto mehr macht es Spaß, die Fluggeräte in Schach zu halten.

Dabei ist die Kunst des Drachenbaus bereits 2000 Jahre alt. Damals soll es in China bereits lenkbare Fluggeräte aus Papier oder Seide gegeben haben. Ein chinesischer General habe sie über den militärischen Lagern steigen lassen, um feindliche Soldaten durch die Fratzen der Drachen zu erschrecken. Auch wenn diese Geschichte mehr im Legendenbereich anzusiedeln ist, wissenschaftlich erwiesen ist dennoch, dass der Bau lenkbarer Drachen auf eine lange Tradition zurückgeht und dass Drachen auch für die Wissenschaft eingesetzt wurden. Unter anderem soll der amerikanische Naturwissenschaftler Benjamin Franklin (1706 bis 1790), der Erfinder des Blitzableiters, Mitte des 18. Jahrhunderts einen Drachen genutzt haben, um ihn bei Gewitter steigen zu lassen, um so die elektrische Kraft der Blitze zu beweisen. Mittlerweile werden die Drachen vor allem in der Freizeit in luftige Höhen geschickt, gleichwohl sich die Art und das Aussehen der der fliegenden Phantasie-Wesen in den vergangenen Jahrzehnten gewaltig verändert hat. Handelt es sich heute oft um hoch komplizierte technische Geräte, die man fertig im Laden kaufen kann, machten sich unsere Großeltern mit entsprechenden Ehrgeiz daran, den schönsten Drachen selbst zu bauen und ihn so hoch wie möglich steigen zu lassen. Dass dies reine Ehrensache der heimischen Buben war, erzählt der Hechendorfer Kunstmaler Helmut Schwarz in seinen Aufzeichnungen mit dem Titel „Erinnerungen an meine Heimat“. „Meist in den Sommerferien wurden wir Buben schon unruhig, denn nach den Sommerferien kam unsere Jahreszeit, die uns viel Einsatz und Zeit kostete: Der Herbst mit seinen Herbststürmen und starken Winden. Diese Zeit mussten wir nutzen, um unsere Fluggeräte steigen zu lassen.“ Um das notwendige Material für den Bau der Drachen zu bekommen, wurde laut Schwarz das Sägewerk Dosch aufgesucht. Dort lagen im Bereich der Sägen viele lange Abschnitte, die als Abfall mitgenommen werden durften. Schwarz: „Zwar waren diese Latten nicht immer perfekt Vierkant und exakt geschnitten, so, wie man sie heute im Bastelladen kaufen kann. Aber diese Leisten waren kostenlos. Mit den entsprechenden Mengen bepackt, zogen wir dann von dannen zu unserer Flugwerft, wo wir unsere Drachen bauten.“ Ein Problem stellte das Besorgen des Drachenpapiers dar. Große farbige Papierbögen, die kostenlos nirgends zu bekommen waren. Die kleinen Heimwerker machten sich deshalb auf die Suche nach einem Sponsor. „In meinem Fall war dies der Opa. Und auch für die Schnur ist der Opa zuständig gewesen, der meist von seinen zweimonatigen Besorgungsfahrten in der Landeshauptstadt München einen Abstecher zum Hertie gemacht hat, um dort mehrer Knäuel Schnüre in verschiedenen Stärken zu besorgen.“ Das Komplizierteste beim Drachenbau jedoch sei laut Schwarz der Schwanz zur Stabilisierung gewesen. „Die Länge des Schwanzes war meist so lang wie der Drachen, er bestand aus einer langen Schnurr, an der in kurzen Abständen Papierschleifen befestigt waren. Den Abschluss bildete eine große Quaste.“ Zum Steigen des eigenen Meisterwerkes gingen die Buben damals auf die noch unbebaute Wiese beim Sportplatz. Weder gab es da die Schule noch den Kindergarten und weit und breit war auch keine Stromleitung, die gefährlich werden konnte. „Aufpassen musste man nur, wenn das Gras wuchs. Da durfte man nicht so ohne weiteres außerhalb der Fußballwiese auf der Wiese rumschlampen, weil das Gras ja noch zum Füttern der Tiere gebraucht wurde. Bei gutem Wind schickten wir dann noch Briefe zum Drachen. Dazu rissen wir aus alten Zeitungen zehn Mal zehn Zentimeter große Zettel, in die wir bis zur Mitte hin mit einem Schlitz versahen. Dann steckten wir diese Zettel mittels des Einschnittes an die Schnur und schoben sie so weit hoch, bis die kleinen Briefchen von selbst vom Wind getrieben nach oben wirbelten. Je mehr Briefe oben ankamen, desto schwerer wurde der Drachen, so dass er stetig nach unten gedrückt wurde. Die Mannschaft, deren Drachen die meisten Briefe schafften, hatte gewonnen. Mitunter kämpften bis zu zehn Drachen um den Sieg“, erinnert sich Schwarz. „Dann gab es noch den Luftkampf. Hierzu hatten wir Drachen, die mit zwei Schnüren gelenkt wurden. Durch geschickte Führung konnten richtige Manöver ausgeführt und die schönsten Luftkämpfe ausgefochten werden. Verloren hatte derjenige, dessen Drachen als erster in Fetzen vom Himmel viel. Auf Revanche wurde gesonnen…“.

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