"Mein privater Sieg über den Nationalsozialismus"

Ehemalige KZ-Häftlinge berichten von Todesmarsch während Gedenkfeier in Gauting

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Die vier Gedenkfeiern an den Mahnmalen des Todesmarsches vor 73 Jahren verfolgten jeweils zwischen 100 und 300 Zuschauer.

Gauting – Ende April vor 73 Jahren schneite es. Das wird weder Max Volpert (87) noch Yehuda Beilis (91) nie mehr vergessen, denn damals trieben die Nazis nur wenige Tage vor Kriegsende KZ-Häftlinge in Richtung Alpen. Auch der Würm entlang von Gräfelfing bis Gauting, wo an den vier Mahnmalen vergangene Woche Gedenkfeiern stattfanden. Mit dabei der Holocaust-Überlebende Max Volpert.

„Heute bin ich verheiratet, habe drei Kinder, sieben Enkel und acht Urenkel. Das ist mein privater Sieg über den Nationalsozialismus“, schloss der 87-Jährige seine Rede am Mahnmal in Gauting. Er ist geboren am 7. September 1931 in Litauen, KZ Nummer 82229. In 12-Stunden-Schichten und mit Tagesrationen von 200 Gramm Brot musste er im Arbeitslager Zement und Baumstämme für einen Bunkerbau buckeln. Ein Bau, der nie vollendet wurde. „Unsere Vernichtung war wichtiger als den Bau fertigzustellen.“

21. Gedenkmarsch zwischen Gräfelfing und Gauting: Dass sich die Geschichte nie mehr wiederholt

Ihm zur Seite stand heute der Holocaust-Überlebender Yehuda Beilis, der wie durch ein Wunder eine Massenerschießung überlebte. All das sind Erinnerungen, die verhindern sollen, dass sich die Geschichte jemals wiederholt. In diesem Sinne veranstaltete der Verein „Gedenken im Würmtal“ zum 21. Mal den Gedenkmarsch zwischen Gräfelfing und Gauting: Dem Todesmarsch, an dem zahlreiche KZ-Häftlinge aus Dachau und den Außenlagern starben. Einige Teilnehmer marschierten den ganzen Weg mit. Unter ihnen Friedrich Schreiber (87), der den Vereinsvorsitz an Johannes Stumpf (68) und damit einem Mann der ersten Stunde übergeben hatte. Unter dem Motto „Denkmale lebendig machen“ und „Den Stab der Erinnerung an die Jugend weiter geben“ beteiligten sich Schüler an jeder der tief bewegenden Gedenkfeiern. 

Schweigeminute für Holocaust-Opfer

Mit dabei Niki von Stauffenberg, der Urenkel des von den Nazis ermordeten Widerstandskämpfers. Gemeinsam mit Joni, Sascha und Lukas gestaltete der 11.-Klässler vom Otto-von-Taube-Gymnasium, in dem Stumpf einst Vize-Direktor war, im Rahmen des P-Seminars die Stunde in Gauting mit. Mit Gedichten, wie das der Lokomotive vom Überlebenden Stanislav Wygodzki. Dick und schwer steht die Lokomotive am Bahnhof. Im dunklen Wagon transportiert sie das kleine Mädchen dorthin, wo die Kamine rauchen - und endet mit dem erschütternden Satz: „Das kleine Mädchen war meine Tochter.“ In Krailling trugen Hagen, Julia und Joanna der Realschule Gauting Auszüge aus dem Augenzeugenbericht von Soly Ganor über den Todesmarsch vor und hielten die Anwesenden mit nachhaltigen Bildern in Atem: „Kleine Kolonnen grauer Gespenster“ schleppten sich in Richtung Alpen. Wer erschöpft zusammenbrach, wurde von Wachen erschossen oder von Dobermännern zerfleischt. Kraillings 3. Bürgermeisterin, Veronika Sanftl, griff den Vorwurf „Schuldkult“ auf und verwies auf die „Verantwortung an die Zukunft“. Gautings Vize, Dr. Jürgen Sklarek, hielt in seiner Heimatgemeinde eine emotionale Rede über den politischen Rechtsrutsch in Deutschland. „Rasse und Religion wird wieder in den Vordergrund gestellt“, ermahnte er die sichtlich ergriffenen Zuhörer. „Wir wollen nie mehr einen Genozid, dagegen müssen wir uns mit Gewalt wehren.“ Ihm pflichteten die Schüler, Überlebenden, Angehörigen, Politiker, Zuschauer und Geistlichen bei, die an jeder Gedenkfeier gemeinsam ein christliches und jüdisches Friedensgebet beteten und in einer Schweigeminute all jener gedachten, die im Holocaust ermordet wurden.

Von Michele Kirner

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