Corona, die Lust zu Arbeiten und die Hoffnung auf einen bayernweiten Hundeführerschein

„Ein Hund sollte ins Lebens Konzept passen“ - Gilchinger Hundetrainerin Birgit Götz im Interview

Hundetrainerin Gilching
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Birgit Götz ist Hundetrainerin und ist besorgt über den plötzlichen Hundeboom seit Beginn der Pandemie.
  • vonFlorian Ladurner
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Gilching - Mit dem Lockdown hat Hundetrainerin Birgit Götz (49) all ihr Erspartes aufgebraucht. Denn Überbrückungshilfen konnte die zweifache Mutter nicht beantragen. Auch Aufträge in Höhe einer fünfstelligen Summe sind ihr entgangen. Kurz überlegte sie sogar, ihre Hundeschule aufzugeben und sich branchenfremd zu orientieren. Mit Sorge blickt die 49-Jährige auf den Hundeboom seit Beginn der Pandemie. In den kommenden Monaten rechnet sie mit zunehmendem Auftreten von Verhaltensauffälligkeiten bei Hunden und damit überforderten Hundehaltern, die ihre Tiere abgeben oder gar aussetzen.

Kreisbote Starnberg: Wie sind Sie auf den Hund gekommen?
Birgit Götz: Als es die Familiensituation 2007 zugelassen hat, holte ich einen Australian Shepherd in die Familie. Weil ich schon immer ehrenamtlich aktiv war, schloss ich mich der Rettungshundestaffel der Johanniter an. Dann verunfallte unsere Hündin und wollte anderweitig beschäftigt werden, woraufhin ich mich als Hundetrainerin ausbilden ließ. Vor rund zehn Jahren eröffnete ich meine Hundeschule.
Kreisbote Starnberg: Seit der Pandemie schaffen sich immer mehr Menschen einen Hund an. Wie sehen Sie das?
Birgit Götz: Ich finde das problematisch. Ich kann sehr gut verstehen, dass Menschen, die seit Monaten mutterseelenallein zu Hause sitzen, sich einen Hund als Partner anschaffen. Ich beobachte auch, dass Familien sich für einen Hund entscheiden, weil das ins gegenwärtige Konzept Homeschooling und Homeoffice passt. Was ist aber, wenn der Alltag wieder los geht und der Hund von einem Tag auf den anderen allein zu Hause ist? Ein großes Problem ist die fehlende Beratung. Denn ein Hund sollte ins Lebenskonzept passen. Bei vielen Züchtern sind Welpen ausverkauft und die Käufer weichen auf Hunde aus dem Tierheim oder einer Tierschutzorganisation aus. Den meisten ist dabei nicht bewusst, dass diese Hunde eine Vorgeschichte haben. Da kann es passieren, dass der Hund nicht der Erwartungshaltung der Menschen entspricht oder nicht vorhersehbares Verhalten zeigt. Das geht von Flucht und übermäßigem Angstverhalten bis hin zum Einsatz der Zähne. Auch der illegale Welpenhandel erfährt aktuell eine Hochkonjunktur. In kleinen Wurfboxen geboren, krank und ohne jeglicher Umweltkontakte werden die Tiere ins Land geschmuggelt und sollen dann den Alltag in unseren Familien meistern. Zahlreiche Neuhundebesitzer sind überfordert, wenn das neue Familienmitglied bei jeder Gelegenheit ausbüxt und nicht auf den Rückruf reagiert. Nicht selten knurren die Hunde beim Fressen, sobald jemand ihnen zu nahe kommt. Das wird oft verniedlicht – und irgendwann kann das Tier eine Gefahr für die Familie werden und dann ist der Finger weg. Insgesamt befürchte ich, dass es in den kommenden Monaten mehr Beißattacken geben wird und viele Hunde einfach ausgesetzt werden. Ein Hundeführerschein könnte dem vorbeugen – und für Bayern würde ich mir angesichts der vielen neuen Hunde eine Hundeführerscheinpflicht wünschen.
Kreisbote Starnberg: Wie sehr fehlen in dieser Situation die Hundetrainer?
Birgit Götz: Sehr, denn viele Betroffene suchen Hilfe bei uns Hundetrainern. In den vergangenen Wochen hatte ich einige Anrufe. Eine Mutter erzählte von dem Welpen, der keine Beißhemmung hat. Eine andere verzweifelte, weil der Hund aggressiv auf Männer reagiert. Wir Trainer sind darauf spezialisiert, die Situation zu erkennen und mit Training zu entschärfen. Unser Ziel ist es, dass das Zusammenleben von Mensch und Hund funktioniert. Ich biete derzeit eine Online-Beratung auf meiner Webseite an, die allerdings das praktische Training nicht ersetzen kann.
Kreisbote Starnberg: Worauf legen Sie in Ihrer Hundeschule wert?
Birgit Götz: Ich schule nach dem Motto: „Jedes Mensch-Tier-Gespann dort abholen, wo es steht.“ In einem individuellen Erstgespräch frage ich, was der Hundehalter von dem Hund erwartet. Den meisten ist wichtig, dass die Hunde zurückkommen, sobald sie gerufen werden. Andere wünschen sich, dass sie nicht bei jeder Kleinigkeit bellen. Ich betone immer, dass die Hunde keine Maschinen sind und Gelerntes in unterschiedlichen Situationen geübt werden muss. Am Ende möchte ich ein zuverlässiges Verhalten des Hundes erreichen. Wichtig ist mir, dass die Hundehalter*innen ihrer Tiere lesen lernen. Was sind ihre Stärken und was ihre Schwächen? Ist die Schwäche beispielsweise eine aggressive Reaktion auf die Artgenossen, dann rate ich vorerst Begegnungen auszuweichen, denn Training braucht Zeit und durchdachte Situationen. Wir müssen dem Hund die Möglichkeit geben, sein Verhalten anzupassen, ohne überfordert zu werden. Letztendlich liegt der Fokus immer darauf, eine stressfreie Zeit mit dem Hund zu verbringen.
Kreisbote Starnberg: Am 15. März dürfen Sie wieder öffnen. Wie haben Sie den Lockdown finanziell überbrückt?
Birgit Götz: Im ersten Lockdown habe ich eine Überbrückungshilfe erhalten, im zweiten gar nichts. Das lag daran, dass ich keinen Steuerberater gefunden habe und kaum Fixkosten habe. Weil ich im November an Corona erkrankt bin, verdiente ich schon im Herbst nichts mehr. Die Krankheit wünsche ich übrigens niemandem, ich habe heute noch Probleme auf der Lunge, rieche und schmecke wenig. Ich bin dankbar für meine Schüler, die weiterhin ihre Monatsabos bezahlen und sich mit dem Onlinetraining zufrieden geben. Weil ich aufgrund des Lockdowns einen Hundeurlaub und Seminare absagen musste, verzichtete ich auf rund 20.000 Euro. Es war nie mein Ansinnen, mit dem Hundetraining viel Geld zu verdienen, aber mittlerweile sind alle meine Reserven aufgebraucht. Das ist bitter, denn ich hatte ein gutes Hygienekonzept und die Menschen können auf diesem großen Gelände auf dem Hundeplatz in Geisenbrunn den geforderten Abstand halten. Weil wir jedoch als außerschulische Bildungseinrichtung eingestuft wurden, spielte das keine Rolle und wir mussten schließen. Ich habe sogar mit dem Gedanken gespielt, ganz aufzuhören, habe aber keinen alternativen Job gefunden. Jetzt freue ich mich darauf, bald wieder meine Arbeit als Hundetrainerin aufzunehmen.

Das Gespräch führte Michèle Kirner

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