Die "zynische Geldmaschine"

Eine Ausstellung im Museum Starnberger See über die Geschäftemacherei hinter der Volksmusik

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Über die Sehnsucht, zusammenzugehören: Ausstellungsmacher Lois Hechenblaikner (vorne), Bürgermeisterin Eva John und Museumsleiter Benjamin Tillig.

Starnberg – „Als Fotograf muss man lernen, die Menschen und ihre Geschichten zu verstehen. Der Soziologe Gerhard Schulze unterteilte die Gesellschaft in seinem Buch „Die Erlebnisgesellschaft: Kultursoziologie der Gegenwart“ in fünf Milieus. Ich lichte das Harmoniemilieu ab. Das sind eben die Menschen, die nicht vom Glück geküsst worden sind und schon allerhand mitgemacht haben. Sie alle suchen nach einer harmonischen Welt.“ Mit diesen Worten beschreibt Lois Hechenblaikner seine Ausstellung „Volks Musik“, in der er viele verschiedene Gesichter und die Geschichten dahinter zeigt.

Gemeinsam mit der Bürgermeisterin Eva John und dem neuen Leiter des Museums Starnberger See, Benjamin Tillig, stellte der 61-Jährige seine Ausstellung beim Pressegespräch vor. Der gebürtige Tiroler porträtiert nun schon seit 23 Jahren Fans der Volksmusikszene, die aus der ganzen Welt anreisen, um bei einem Konzert von Hansi Hinterseer oder auf dem Kastelruther Spatzen für einen Moment Glück und Verbundenheit zu verspüren. Zehn Jahre lang gab es eine Hansi Hinterseer Fan-Wanderung, zu der jährlich rund 8.000 Fans nach Kitzbühel reisten. „Die Anhänger der Volksmusik verbindet alle die Suche nach dem Echten, dem Wahren. Genau das führt die Menschen zurück in die Berge, wo die Alpinschlitzohren – wie ich sie nenne – warten, um mit der Jodelindustrie Geld zu verdienen“, sagt der Fotograf. 

Genau solche Anhänger fotografierte Hechenblaikner jahrelang, um sie im April diesen Jahres in seinem Buch „Volks Musik“ zu veröffentlichen. „Durch die Bilder kommt man mit den Menschen in Kontakt und erfährt die Geschichten hinter den Personen. Es sind sehr berührende Bilder, die den Seelenzustand der Menschen zeigen“, erzählt der 61-Jährige. Die wertfreien Porträts sollen die Suche nach Harmonie, Geborgenheit und Zusammengehörigkeit dokumentieren. Aber auch die kulturelle Umdeutung der Landschaft und Tradition zum emotionalen Konsumartikel durch Großveranstaltungen und Konzerte wird thematisiert. „Diese Bewirtschaftung des einsamen Menschen würde ich wirklich eine zynische Geldmaschinerie nennen“, sagt er. 

Bilder auf 300 Quadratmetern im Starnberger Museum zu sehen

Mit der „Suche nach Reduktion von Komplexität“, erklärt Tillig die Verbundenheit der Fans zur Volksmusik. Der Museumsleiter sieht die Bilder als Dokumentation: „Die Porträts sind moralisch klar abgegrenzt. Es wurde eine ganz feine Typologie entwickelt und das von den unterschiedlichsten Leuten. Sie gehören aber doch alle einer Gruppe an – der Gruppe der Fans.“ Im Starnberger Museum werden die Bilder nun auf knapp 300 Quadratmetern erstmals als Kunstausstellung gezeigt. Als besonderen Zusatz gibt es einen Bereich, in dem Hechenblaikner Collagen eines geistig beeinträchtigten ehemaligen Hansi Hinterseer Fans präsentiert. Dieser sammelte über Jahre hinweg Zeitungsausschnitte und Fotos, die er mit eigenen Texten zu teils neun Meter langen Plakaten zusammenfügte. Diese Eindrücke lassen den Betrachter für einen kurzen Moment in eine komplett andere Welt abtauchen. 

Mitmachen und zuhören: auch in "einfacher Sprache"

Für die Premiere hat sich das Team so einiges einfallen lassen. Neben einem ausführlichen Rahmenprogramm mit zwei Konzerten, die in Kooperation mit dem Kulturbahnhof entstanden sind, einem Künstlergespräch des Museumsleiters mit Hechenblaikner und dem Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich und einem Gstanzlworkshop gibt es interaktive Kleinigkeiten. So zum Beispiel kleine Kärtchen mit Fragen, die die wesentlichen Themen aufgreifen. Jeder darf seine Antwort oder einzelne Gedanken aufschreiben. Außerdem gibt es eine „Volksmusikfabrik“, denn der Fotograf sieht eine Ersetzbarkeit in den Texten der Volksmusik. Einzelne Strophen können durch Zeilen aus anderen Volksmusikliedern beliebig ausgetauscht werden. Es gibt Stempel mit verschiedenen Zeilen aus unterschiedlichen Liedern, mit denen die Besucher ihren eigenen Liedtext bilden können. Zum ersten Mal gibt es neben Texten in Englisch und Deutsch auch Texte in „einfacher Sprache“ – einer sprachlich leichteren Version von normaler Sprache.

Eröffnung am Freitag 

Jedes der Bilder ist mit einer analogen Großformat-Plattenkamera entstanden. „Der Prozess für ein Bild dauert schon 20 Minuten und um ein fertiges Bild zu produzieren sind es sogar vier Stunden“, erzählt der Tiroler. Er ist auf rund 20 Konzerten im Jahr größtenteils im Schweizerischen und Österreichischen Raum unterwegs. „Was ich schon an Musik gehört habe … nach den ganzen Konzerten möchte ich eigentlich Schmerzensgeld von den Volksmusikgruppen verlangen“, scherzt Hechenblaikner. Die Vernissage findet am Freitag, 27. September, statt. Zur Eröffnung spielt Hans Well mit seinen zwei Töchtern. Die Ausstellung ist im Museum Starnberger See bis zum 12. Januar zu sehen. 

Weitere Infos und die Öffnungszeiten gibt‘s unter www.starnberg.de/kultur-freizeit/museum-starnberger-see/ueber-das-museum.

Von Lisa Livancic

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