Erste Messie-Akademie in Deutschland feierte Geburtstag: Gründer Michael Schröter gab Buch heraus

"Das kann ich noch brauchen"

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Gründer der ersten Messie-Akademie in Deutschland: Michael Schröter.

Gauting – Sie brauchen Hilfe, denn sie leben in ihrem eigenen Müll. Sie können ihn nicht von alleine aufräumen, auch wenn sie selbst sehr strukturiert leben. Die Rede ist von sogenannten Messies oder Sammlern. Heuer feierte die erste Messie-Akademie Deutschlands mit Sitz in Gauting ihr einjähriges Bestehen. Michael Schröter, Gründer des Instituts, war früher für die Caritas im Einsatz. Nun hat er seine eigene Akademie gegründet und bildet „Messie-Hilfe-Fachkräfte“ aus. Im Interview mit Redakteurin Alma Jazbec erzählte er, wieso er seinen „Kopf“ vor der Tür lässt, wenn er „solch“ eine Wohnung betritt und was die Gründe dafür sein könnten, dass ein Mensch das Sammeln beginnt.

Herr Schröter, was glauben Sie, wie viele Messies gibt es denn in Deutschland? 

Michael Schröter: „Schätzungsweise geht man von zwei- bis zweieinhalb Millionen betroffenen Personen mit Messie- und/oder Vermüllungssyndrom in Deutschland aus. Diese Menschen sind in größter seelischer Not.“ Wenn ich das richtig verstanden habe, gibt es mehrere Formen des Sammelns, oder? Schröter: „Das ist richtig. Das Wort Messie ist ein schwerer Begriff, denn es gibt drei Arten von Sammlern. Circa 15 Prozent sind, ich sage es mal, einfache Sammler, etwa 15 Prozent leben in vermüllten Wohnungen und ungefähr 70 Prozent der Betroffenen sind eine Mischung aus beidem.“ 

Wieso leben Menschen in ihrem eigenen Müll? 

Schröter: „Das ist eine Frage, die nicht leicht zu beantworten ist. Jeder Fall ist anders. Keine Lebensgeschichte der Kunden ist gleich. Ich erkenne wenig Parallelen an den Geschichten, die ich erzählt bekomme. Diese Menschen leiden sehr unter ihrem Zwang. Sie möchten aufräumen und in einem sauberen Haushalt leben, aber ohne Hilfe schaffen sie es nicht. Um die 80 Prozent der Personen leiden an Depressionen und das führt manchmal zum Alkoholismus. Dann kommt der Moment, in dem die Wohnung sozusagen „kippt“. Ich erinnere mich an einen Fall, den ich auch in meinem Buch beschrieben habe. Richard (Name geändert, Anm. der Redaktion) ist 51 Jahre alt und erzählte mir, dass Messies Menschen seien, die sich schwer damit tun, Ordnung zu schaffen und zu halten. Ordnung brauche man im Kopf und damit auch draußen – das hänge irgendwie damit zusammen. Das bedeutet aber nicht, das Messies faul sind, ganz im Gegenteil." 

Man hast also ein falsches Bild von ihnen? 

Schröter: „Sie sind Perfektionisten. Alles wird aufgeschrieben. Sie stehen jeden Tag um die gleiche Uhrzeit auf – Tag für Tag. Sie gehen in die Arbeit und lassen dabei nichts anmerken. Sie haben allerdings wenig Kontakt mit Menschen, damit niemand mitbekommt, wie sie leben. Sie führen eine Art Doppelleben." 

Vereinsamen diese Menschen denn nicht? 

Schröter: „Aber natürlich. Sie wollen ihre Last geheim halten. Sie leben in einer Art Schatten, mit der Frage im Hinterkopf: Wer kommt in meine Wohnung? Das Leid bei den Menschen ist sehr groß, weil sie Außenseiter sind. Aber irgendetwas hindert sie daran, aufzuräumen.“ 

Und was könnte das sein? 

Schröter: „Manchmal ist es ein Erlebnis aus ihrer Vergangenheit. Ich hörte eine Geschichte von einer recht alten Dame aus München. Sie lebte in ihrem eigenen Müll. Ihre Wohnung wurde tagelang ausgeräumt und alles wurde in Containern vor dem Haus gelagert. Sie holte den Müll abends aber wieder rein. Warum sie das macht? Es ist wirklich tragisch. Sie erzählte, dass ihr Vater sie als Kind immer auf den Misthaufen schmiss, wenn sie was angestellt hatte. Und das hat das Leben dieser Frau beeinflusst. Sie will ihrem Vater zeigen, schau, ich lebe immer noch auf dem Müll – auch wenn sie schon knapp 80 Jahre alt war.“ 

Gibt es einen Trigger, der diesen Drang zum Sammeln auslöst? 

Schröter: „Ich denke, es ist in einem drin, also in der Veranlagung und wird dann durch Schicksale ausgelöst. Ich hatte einen Fall in Regensburg, da arbeitete ich mit einer Messie-Dynastie. Die Oma, der Vater und die Kinder – alle Sammler. Sie lebte auf einem großen Hof. Da war viel Platz – und das Totschlagargument bei Messies ist immer: „Das kann ich noch brauchen.“ 

Aber wieso braucht man Müll? 

Schröter: „Wir brauchen ihn nicht. Man sollte auch nicht versuchen, einen Messie mit seinem eigenen Kopf zu verstehen. Wenn ich zu meinen Terminen gehe, um eine Wohnung aufräumen, dann lasse ich meinen Kopf vor der Türe, und fühle nur. Ich versuche mich in die Personen hinein zu fühlen. Für Messies sind diese Berge an Müll und Dingen eine Art Schutzwall und dann komme ich, und möchte diesen einreißen.“ 

Wie läuft denn so eine Räumung ab? Wer ruft sie an? 

Schröter: „Entweder die betroffene Person ruft an, der Vermieter oder eine Hilfsorganisation, wie die Caritas oder Diakonie. Dann machen wir einen Termin aus. Ich spreche viel mit den Personen vor Ort, ich versuche mich, wie gesagt, in ihre Situation zu versetzen, zu verstehen. Schritt für Schritt wird dann geräumt. Wenn ich merke, dass sich das Gesicht des Kunden verändert, dann mache ich eine Pause. Ich mache ihnen klar, dass sie sehr weit gekommen sind, und lade sie auf einen Kaffee ein. Danach geht es weiter. Es wird aber nichts weggeschmissen, wenn sie die Zustimmung nicht geben. Ich muss das Vertrauen des Kunden gewinnen. Ich stelle viele Fragen und mit jeder Frage steigt dieses auch. Ich lasse mich auf die Gefühlsebene des Menschen ein. Wenn meine Arbeit vorbei ist, dann mache ich die Türe zu und bin draußen. Das zerreißt mich innerlich auch manchmal. Es ist wie eine Art Liebe auf Zeit.“ 

Wie lange dauert dann so eine Räumung? 

Schröter: „Das ist ganz unterschiedlich. Es kann einen Tag dauern oder länger. Ich komme auch alle zwei Wochen oder einmal im Monat. Das kommt auf den Kunden darauf an.“ 

Das muss doch schwer sein, oder? 

Schröter: „Das kommt auf den Kunden darauf an. Der eine Mensch öffnet sich schneller, der andere langsamer. Es ist wie aber wie im Beichtstuhl beim Pfarrer – sie sind froh, dass ihnen jemand zuhört.“ 

Werden denn diese Menschen, denen Sie helfen, wieder rückfällig? Gibt es da eine Quote? 

Schröter: „Ja, das gibt es. Es ist schwer zu sagen, wie viele rückfällig werden, aber wir gehen davon aus, dass 80 Prozent der Kunden wieder das Sammeln anfangen. Wir bieten ihnen einmal im Monat ein kostenloses Messie-Frühstück an und so bleiben wir auch in Kontakt. Wenn ich bei manchen nachfrage, wie es denn in der Wohnung aussieht, bekam ich mal die Antwort: „Zehn Prozent des alten Mülls ist wieder da. Das bin ich und das kann nicht weg.“ 

Das bin ich? Die Menschen identifizieren sich damit? 

Schröter: „So ähnlich. Viele dieser Menschen sind innerlich leer und möchten diese Leere kompensieren.“ Woher kommt das? Schröter: „Ich denke, dass sie einen Mangel an Liebe erfahren haben. Erfährt man Liebe in seinem Leben, dann liebt man sich selbst und kann diese auch weitergeben. Erfährt man diese Liebe nicht, naja, dann können Sie sich denken, wie es den Menschen geht. Deswegen arbeite ich mit ihnen auch auf der Gefühlsebene zusammen. Da komme ich auch an sie ran.“ 

Das klingt nach einem Teufelskreis. Können Psychologen nicht helfen? 

Schröter: „Nun, es gibt in Deutschland zwei Psychologen, die sich auf das Messie-Syndrom spezialisiert haben. Das Messie-Syndrom ist in Deutschland als Krankheit nicht anerkannt. Das einzige, was den Kunden vielleicht hilft, ist die Erinnerung an das positive Gefühl, das sie hatten, als ihnen geholfen und vor allem auch zugehört wurde. Sie haben ein Buch herausgegeben: „Messies, ein Versuch zu verstehen“. 

Worum geht es in diesem Buch? 

Schröter: „In diesem Buch sprechen Betroffene über ihr Leben mit dem Messie-Syndrom. Es sind sieben Interviews, bei denen der Leser erfährt, wie diese Personen leben und vielleicht auch warum sie so leben.“ 

In Ihrer Akademie bilden Sie Messie-Hilfe-Fachkräfte aus?

Schröter: „Das ist richtig. Ich bringe den Helfern bei, wie sie am besten mit Messies und ihren Problemen arbeiten. Seit vier Jahren gibt es das Messie-Hilfe Team in Gauting und seit knapp über einem Jahr nun die Akademie. Wir arbeiten auch mit dem Kunstverein Gauting zusammen und stellen verschiedene Ausstellungen aus. Bis zum 15. Dezember stellen zum Beispiel Hansjörg Gartner (Malereien) und Susanne Posegga (Fotografie) ihre Werke bei uns in der Galerie am Hauptplatz und im Rathaus aus. Sie arbeiten in ganz Deutschland. 

Werden Sie auch aus dem Ausland angerufen?

 Schröter: „Wir sind in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz gefragt.“ 

Vielen Dank für das offene Gespräch, Herr Schröter.

Von Alma Jazbec

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