Hartes Jahr für Kultur und Gastronomie

„Es wird nie mehr so sein, wie es einmal war“: Weßlinger Musiker Erik Berthold über seine Erfahrungen mit dem zweiten Lockdown

Musiker Weßling Foto
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Christine und Siegfried Krueger (von links), Monika Flurschütz, Sandro Neugebauer, Erik Berthold mit Tochter Lea hoffen auf ein baldiges Ende der Corona-Krise.

Weßling/Oberpfaffenhofen – Der Lockdown trifft den einen hart – und anderen doppelt: Erik Berthold etwa. Der Weßlinger ist Musiker und arbeitet als Musiklehrer und ist neuerdings auch Gastronom. Dass der 56-Jährige sich neu erfinden muss, ist nichts Neues. Aber seit der Pandemie kommt er scheinbar gar nicht mehr aus dem Sich-neu-erfinden heraus. Und die Kulturwelt wird nie mehr die sein, die sie einmal war, prognostiziert er und bedankt sich bei all den Menschen, die ihn in diesen schweren Zeiten unterstützt haben und unterstützen.

Herr Berthold, wie schwer trifft Sie der zweite Lockdown im Vergleich zum ersten?

Berthold: Im März wurden von heute auf morgen alle Auftritte abgesagt. Das war schlimm, schließlich waren Konzerte und Auftritte an Hochzeiten oder in den Kneipen meine Haupteinnahmequelle. Auch den Musikladen musste ich schließen und alle Musikkurse absagen. Mittlerweile habe ich mit meinem Café ein zweites Standbein aufgestellt, für das ein Hygienekonzept entwickelt wurde. Der Lockdown trifft mich diesmal nicht ganz so hart, weil die Reparaturwerkstatt, der Instrumentenverkauf und der Laden offen bleiben. Dass ich das Café schließen musste, ist allerdings bitter. Wie alle anderen Gastronomen habe ich einiges in das Hygienekonzept investiert. Ich habe sogar Heizpilze gekauft, damit die Gäste in der kälteren Jahreszeit draußen sitzen können. 

Und wie lief es bei Ihnen nach den Lockerungen im Sommer?

Berthold: Erstaunlich gut. Zwar sind große Veranstaltungen wie Tollwood oder das Kulturspektakel und das Oktoberfest abgesagt worden, stattdessen hatte ich aber viele Auftritte in den Biergärten von Wirtshäusern. 80 Prozent der Einnahmen waren „Hutumsatz“, also freiwillige Spenden. Geholfen hat uns natürlich das super Wetter in den Sommermonaten. Im Juli habe ich dann mehr oder weniger spontan beschlossen, das Café zu eröffnen. Wir haben langsam angefangen, uns zu etablieren und hatten bereits einige Stammgäste. Jetzt muss sich erst rumsprechen, dass wir Kuchen und Imbisse auch To-Go anbieten.

Die Veranstalter sagen von ihrer Branche, sie seien als erste von den Maßnahmen betroffen gewesen und kämen als letzte raus. Das trifft Sie als Musiker genauso. Wie sehen Sie die Zukunft?

Berthold: Es wird nie mehr so sein, wie es einmal war. Für uns Künstler laufen die Unkosten ja weiter, wie wenn nichts gewesen wäre. Ich kenne herausragende Musiker, die jetzt als Schreiner arbeiten, Regale auffüllen oder als Lastwagenfahrer ihren Lebensunterhalt verdienen. Man kann davon ausgehen, dass viele von ihnen damit weg vom Fenster sind und nie mehr auf der Bühne stehen. Das ist ein Verlust für uns alle. Und man darf nie vergessen, dass das Schlimmste für einen Musiker ist, wenn er nicht mehr spielen kann. Auch die Jungen hängen in der Luft. Meine Tochter Lea zum Beispiel hat ihren Realschulabschluss in der Tasche und macht jetzt bei mir ein Praktikum, weil sie nicht weiß, was sie tun soll. Auch Sandro Neugebauer hilft nach seinem Mittelschulabschluss bei mir aus, weil er keine Perspektive hat. Aber Jammern hilft nicht, wir müssen uns eben neu erfinden. Täglich beobachte ich die Entwicklungen und überlege, wie ich gegensteuern kann. Auf diese Weise kam der Laden zustande, mit dessen regionalen Produkten ich mich gerade für das Label StarnbergAmmersee bewerbe.

Wie gehen Sie mit der Maskenpflicht um?

Berthold: Wir halten uns an die Vorgaben, tragen Maske und halten Abstand. Das ist im Musikunterricht eine große Herausforderung, wie Sie sich vorstellen können. Wenn möglich gehen wir zum Singen raus. 

Gibt es auch Positives aus diesem Jahr zu berichten?

Berthold: Auf jeden Fall! Ich habe zum Beispiel gespürt, wie sehr die Menschen uns, die Kulturtreibenden, vermisst haben. Sie waren dankbar, dass wir gespielt haben. Auffällig war, dass sie intensiver zugehört und das Konzert regelrecht aufgesaugt haben. Und wir bekamen viel Unterstützung von den Menschen aus Weßling und dem Umland. Sie haben uns ihre im Speicher gefundenen Instrumente geschenkt oder eines gekauft. Und in unserem regionalen Laden haben wir treue Kunden, die teilweise noch Trinkgeld dalassen. Das tut uns nicht nur finanziell, sondern auch seelisch gut.

Das Gespräch führte Michèle Kirner

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