Feldafing: "Herr Doktor" muss um seine Existenz kämpfen

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Feldafing – Für den Angeklagten ging es gewissermaßen um seine Existenz: Sollte das Amtsgericht Starnberg den 39-jährigen „wegen Missbrauchs von Titeln, Berufsbezeichnungen und Abzeichen“ zu mehr als 90 Tagessätzen verurteilen, würde dies eine Eintragung im Führungszeugnis bedeuten und damit wohl auch den Entzug des Gewerbescheins in seiner österreichischen Wahlheimat.

Mit dem deutschen Strafgesetz in Konflikt geraten war der Diplomkaufmann unter anderem dadurch, dass er bei der Heimat-Gemeinde Feldafing im April 2012 per Fax aus Wien einen neuen Personalausweis beantragt hatte: Hierbei und bei weiteren sechs Gelegenheiten zwischen 2012 und 2015 hatte der Mann sich laut Anklage als „Dr.“ bzw. „Dr. Phil.“ geriert, obwohl er nicht dazu berechtigt war - im Zuge eines langwierigen Erbschaftsstreits kam die Sache auf, der 39-Jährige musste sich bereits in Zivilverfahren gegen den Vorwurf zur Wehr setzen, er sei ein Urkundenfälscher. Als es nun der Starnberger Amtsrichterin Christine Conrad darum ging, eingangs des Strafprozesses die persönlichen Verhältnisse des Beschuldigten und seinen tatsächlichen Beruf festzustellen, gab der an, er sei „selbstständiger Kaufmann im Eisenwarenhandel“, dazu „Unternehmensberater“, „Immobilienverwalter“ und Inhaber eines „Piercing-Studios“ in Wien - darauf die Staatsanwältin: „In Österreich bekommt man bei manchen Studienabschlüssen automatisch den Doktortitel, da wundert es mich nicht, wenn ein Piercing-Studio-Inhaber auch einen hat.“ Die Frage, ob er denn Angestellte habe oder „selber pierce“, beantwortete der Wahl-Wiener dann im Sinne eines Ein-Mann-Unternehmens. Die Verteidigung kämpfte gegen den ursprünglich erlassenen Strafbefehl von 130 Tagessätzen mit großem Engagement: Der 2012 verstorbene Vater des Angeklagten habe es gerne gesehen, wenn der Sohn ebenfalls den Doktortitel führe und eines Tages die Geschäfte übernehme, so die Anwältin. Womöglich habe also schon der Papa im Jahre 2009 den „Dr.“ des Sohnes in Dokumente eingeschmuggelt, jedenfalls waren sie bei der Gemeinde bereits so als Kopie hinterlegt, als der Wiener 2012 seinen gefaxten Antrag auf Neuausstellung des Passes seinerseits „mit Titel“ unterschrieben sandte: „Mein Mandant hat sich im Nachhinein ja selber gewundert, wie problemlos das alles ging – es war eine Art Fortsetzungszusammenhang und wohl auch Eitelkeit, dass er das gemacht hat“, so die Verteidigerin. Die merkte noch an, der Angeklagte habe sich „keinerlei Vorteil verschafft“ und „nicht in Gewinnerzielungsabsicht gehandelt“. Die Strafvorwürfe räumte der Diplomkaufmann sofort umstandslos ein („War Riesenblödsinn“) , somit ging es nur noch um die bedeutsame Grenze von 90 Tagessätzen: Der Gewerbeschein, die Einbürgerung in Österreich, sogar der Jagdschein hingen vom Ausgang des Starnberger Verfahrens ab. Während die Staatsanwältin beim Antrag von 130 Tagessätzen blieb, ließ Richterin Conrad es mit 90 à 58 Euro bewenden – 5.220 Euro. „Die Dauer Ihres Handelns war eben auch deliktimmanent“, so Conrad. mps

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