Flüchtlinge

Weinen und lachen nah beinander

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Gauting – Die Flüchtlinge haben sich unterdessen gut in Gauting eingelebt - und ließen die Bürger und Bürgerinnen am Freitag im Rathaus an ihren Innersten Gedanken teil haben.

Und die Veranstaltung rührte an und stimmte nachdenklich. Die acht Jahre alte Sarah lebt seit drei Monaten in Bayern. Akzentfrei singt die Afghanin „Schneeflöckchen Weißröckchen“. Samson Esaias und Ghirmatsion Gohnche flohen aus Eritrea. Aus einem Land, in dem 18-Jährige vom Militär eingezogen werden. Mohammad Roka ist Syrer. Die Unruhen in seiner Heimat beherrschen seit Jahren die Schlagzeilen. Sie alle leben an der Ammerseestraße 108 - und sie alle erfüllen am Freitag unter dem Motto „Flüchtlinge begegnen Bürgern“ das Rathaus mit Erinnerungen, Geschichten und Musik. Bürgermeistervize Jürgen Sklarek überreicht dem Helferkreis „Asyl Gauting“ die Einnahmen aus der Kunst-Ausstellung von Mitarbeitern der Asklepios Fachkliniken in Höhe von 1.200 Euro. Viel ehrenamtliches Engagement ging auch diesem Abend voraus, den die Asylbewerber, der Helferkreis und Musiker gemeinsam gestalteten. Längst sind die Flüchtlinge Gautinger, betont Bürgermeisterin Brigitte Kössinger. Trotzdem bleiben sie Vertriebene, denn freiwillig hat keiner die Heimat verlassen und Heimweh ist ihr ständiger Begleiter. Sie sehnen sich nach Frieden, der ihnen die Rückkehr ermöglichen würde - und diese Sehnsucht zieht sich durch die Veranstaltung, in der sie am Freitag die Besucher an ihren Wünschen, ihren Ängsten und ihre Dankbarkeit über die freundliche Aufnahme in der Kommune teilhaben lassen. Etwa Farhad Abassi aus Afghanistan. „Mein Zuhause ist immer wieder Opfer von Kriegen“, liest der IT-Ingenieur in hervorragendem Deutsch. Er spricht von unzähligen Toten in diesem unbarmherzigen Konflikt - und von 800.000 kriegsbedingten Behinderungen. Er selbst trägt eine Beinprothese. Das war eine von einer Million Minen. Eine Zahl, mit der Afghanistan trauriger Rekordhalter in Sachen Minen ist. Während er mit fester Stimme redet, wird es still im Foyer. „Wir alle sind glücklich, in dieser freundlichen Umgebung leben zu dürfen“, sagt er und bedankt sich. Die Gastfreundschaft ist nicht überall in Europa selbstverständlich, wie das Beispiel des Nigerianers Julius Oyatogun zeigt, der acht Jahre lang auf Italiens Straßen komplett auf sich gestellt war. Das Kir-chenasyl bewahrte den Krankenpfleger in Ausbildung davor, erneut dorthin abgeschoben zu werden. Mit den Zuschauern teilt er Momente aus der Schulzeit. Dass der Schulweg drei Stunden lang war. Da staunen die Kinder der 3. und 4. Grundschulklasse aus Stockdorf nicht schlecht, die zuvor die Flüchtlinge mit fröhlichen Liedern begrüßten. Viel gesungen hätten sie, fährt der Nigerianer fort und stimmt ein Lied an. In den Reihen der Besucher singt ein Landsmann inbrünstig mit. Es sind die Reste ihres Zuhauses. „Wir haben viele Probleme. Trotzdem singen und lachen wir viel“, erklärt Elie Tshibango Kayembe aus dem Kongo, der mit Selbstkomponiertem begeistert. Mohammad Roka entwarf eine Art Klagelied über Syrien. „Alle wollen ihre Pläne auf Dir ausbreiten. Sie wollen Dich verschönern und zerstören Dich“, bedauert der 15-Jährige seine geschundene Heimat. Musik schließt den Abend. Gisela Auspurg und Yorick Abel am Violoncello und Walter Erpf am Akkordeon begleiten Sebastian Hofmüller und sechs Asylbewerber. Sie fantasieren über eine Insel der Sehnsucht, in der das Glück nie versiegt. Hier verschmelzen das Leid, die gefährliche Flucht, Heimweh und Dankbarkeit über ihr Hiersein zu einem grandiosen Finale. Betroffen sitzen die Besucher da. „Sie möchten, dass wir lustig sind und nicht traurig“, durchbricht von Claudia von Maltitz vom Helferkreis die Betroffenheit und lädt zum Feiern ans Buffet. Weinen und Lachen liegen an diesem Abend eben sehr nah beieinander. Die Flüchtlinge haben mit dem Künstler Christian Trampler-Benzinger einen Kalender zusammengestellt. Zu kaufen gibt es ihn täglich von 10 bis 12 Uhr an der Ammerseestraße 108. Die Buchhandlungen Pollner in Planegg und Kirchheim in Gauting haben die Kalender ebenfalls ausgelegt. mk

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