Flüchtlinge

"Nacht- und Nebel-Aktion"

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Feldafing – Bis zu 150 Flüchtlinge sollen in einer Art Erstauffanglager an der Koempel- straße untergebracht werden, 86 davon sind in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch bereits eingetroffen, darunter 20 Kinder.

Malteser Hilfsdienst, BRK Gauting und Security-Teams der Regierung von Oberbayern waren vom frühen Dienstagabend bis in die Morgen- stunden damit beschäftigt, die Unterkünfte auf dem Gelände einer ehemaligen Fabrik für Diamantschleifwerkzeuge herzurichten, die Flüchtlinge mit Essen zu beliefern und medizinisch zu versorgen. Anwohner und Rathaus waren von der Aktion überrascht worden: „Um Viertel nach Drei habe ich einen Anruf der Vizeregierungspräsidentin Maria Els bekommen,“ so Bürgermeister Bernhard Sontheim, ihm sei dabei die Zuweisung der Flüchtlinge und die noch am gleichen Tag anlaufende Instandsetzung der Unterkunft mitgeteilt worden. „Inzwischen habe ich viele Anrufe von Feldafinger Bürgern erhalten, die Hilfe anbieten, Kleidung oder Möbel zum Beispiel“, freute sich der Rathauschef über die ausnahmslos positiven ersten Reaktionen. Weniger erfreut zeigte er sich über die Bayerische Staatsregierung: „Die haben politisch total versagt, haben nichts getan, obwohl sie doch seit Jahren wissen, was da auf sie zu kommt. In Nacht- und Nebel-Aktionen wie dieser müssen die Bezirke, Landkreise und Kommunen das jetzt ausbaden.“ Es gebe da eine unsinnige „Durchführungsver- ordnung“ (DVO), die besage, dass den bayerischen Bezirken „je nach Wirtschaftskraft“ Flüchtlinge zugeteilt werden sollen, ärgert sich Sontheim angesichtes der prekären Lage in seiner Gemeinde. 

In Oberbayern sind das mithin 33 Prozent. „Dabei gäbe es, in Franken etwa, viel mehr als Unterkünfte geeigneten Leerstand.“ Um keine Missver- ständnisse aufkommen zu lassen, betonte Sontheim zugleich, dass er sich darüber freue, „wenn ich als Bürgermeister helfen kann.“ Es seien Menschen, „die ihre Heimat aufgegeben haben – eine Entscheidung, die ich niemals würde treffen mögen.“ Die Gemeinde werde jedenfalls alles in ihren Kräften stehende veranlassen, praktische Hilfe für eine menschenwürdige Unterbringung zu leisten: „Wir wissen gar nicht, wie lange die Flüchtlinge bei uns sein werden, überlegen uns aber, wie wir sie integrieren können – vielleicht können die Kinder bei uns ja in den Kindergarten, die Schule gehen?“ Was möglich beziehungsweise erlaubt ist, gelte es noch zu prüfen, so Sontheim. Auch Karin Bergfeld, die Kulturbeauftragte des Gemeinderats, werde er ansprechen. Die unmittelbaren Nachbarn des neuen Auffanglagers gaben sich relativ gelassen: Nur dass der Lkw-Generator am Dienstagabend stundenlang lief, habe sie gestört, sagt Marion Dreyer. Die direkt gegenüber der Notunterkunft wohende Familie Förster war gänzlich unaufgeregt: „Hier wurde in jüngerer Zeit sowieso ständig gebaut.“ Das jetzt bereit gestellte Areal an der Koempelstraße gehört seit etwa zwei Jahren dem Berliner Geschäftsmann Andreas Bienert. Dieser hatte das ehemalige Fiirmengebäude laut Sontheim erst umgestalten wollen und, als dieses Konzept im Gemeinderat abgelehnt worden war, vor zwei Monaten, einen Bauantrag beziehungsweise einen Um- nutzungsantrag für vier Mehrfamilienhäuser eingereicht, der ebenfalls abschlägig beschieden wurde – Anwohner hatten mit einer Normenkontrollklage gegen den Bebauungsplan gedroht. Kommenden Dienstag will Feldafing eine Veränderungssperre aussprechen, „damit unser Beschluss nicht vom Landratsamt ersetzt wird.“ Gemeinderat Günther Hansel war gestern Morgen in der Koempelstraße vor Ort, um sich ein Bild zu machen. Er sagt: „Vielleicht hätte man dem Bauantrag doch zustimmen sollen?“ Landrat Karl Roth und die Gemeindespitze besuchten gestern Mittag die Unterkunft und sprachen persönlich mit den Flüchtlingen. mps

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