Kunstwerk des NS-Bildhauers Kurt Schmid-Ehmen

"Die Frau aus Gips": Neue geschichtsträchtige Ausstellung im Starnberger Museum

+
Kunsthistorikerin und Autorin Katja Sebald und Museumsleiter Benjamin Tillig bei der Eröffnung der Ausstellung Die Frau aus Gips.

Starnberg – Ein lebensgroßer Frauenakt aus dem Stadtarchiv, namenlos, klassisch, einige Fehlstellen, aus Gips gegossen. Genau diese Figur bildet den Auftakt einer neuen Ausstellungsreihe des Starnberger Museums. Dass sich hinter der „Frau aus Gips“ so eine tiefe Geschichte verbirgt, hätte Museumsleiter Benjamin Tillig anfangs nicht gedacht.

Am Freitagmorgen eröffnete Tillig gemeinsam mit der Kunsthistorikerin und Autorin Katja Sebald die Ausstellung. Nach vielen Stunden intensiver Recherche, enger Zusammenarbeit mit Fachleuten und viel Arbeit, kann das Werk endlich der Öffentlichkeit präsentiert werden. Den Bildersaal des Museums ziert bis Mitte November die „Frau aus Gips“, die mittig im Raum steht. An der Wand ist ein außergewöhnlich langer Text, der weniger Erklärung, sondern eher Erzählung sein soll. Um Text mit Bildern zu verknüpfen, wurden durch den Raum rote Fäden gezogen, die die jeweiligen Textabschnitte mit passenden Bildern verbinden.

Wie man durch eine kleine Signatur auf der Sockelplatte der Figur erkennen kann, ist „die Frau aus Gips“ ein Kunstwerk des NS-Bildhauers Kurt Schmid-Ehmen aus dem Jahr 1939, der als Schöpfer des Reichsadlers gilt. Schon Anfang der 1930er-Jahre trat der Bildhauer in die NSDAP ein, die seine Kunstwerke nachhaltig prägte: Im NS-Regime stieg er zum „Adlermacher“ auf. Noch heute ist sein Adler auf dem Deutschen Museum erhalten. Neben NS-Symbolen schuf Schmid-Ehmen auch Porträtbüsten hoher Funktionäre sowie figürliche Darstellungen und erreichte nationale Bekanntheit. Ehrungen, ein Platz im „Reichskultursenat“, der die Gleichschaltung und Überwachung des deutschen Kunst- und Kulturlebens übernahm, sogar ein Professorentitel - von Hitler persönlich überreicht - zeigen, dass „Schmid-Ehmens Karriere steil bergauf“ ging, so Tillig.

Figur kam mit Schöpfer nach Starnberg

„Die Frau aus Gips“ führt das Rechercheteam rund um den Starnberger Museumsleiter zurück zu einem der wohl größten Aufträge Schmid-Ehmens: Den auf dem Nürnberger „Reichsparteitagsgelände“ erschaffenen Goldenen Saal sollten vier doppelt lebensgroße Figuren zieren. Der Saal wurde weder fertiggestellt noch eröffnet – Die Entwürfe für die Figuren waren allerdings schon gemacht. Durch einige Indizien, so zum Beispiel zwei Zeitungsausschnitte mit Bildern eines Bronzegusses, der der Figur sehr ähnelt, kann das Starnberger Ausstellungsstück wohl als Vorarbeit für eine der vier Figuren verstanden werden. Dass der Frauenakt nun im Starnberger Stadtarchiv gefunden wird, ist kein Zufall. Die Figur kam wohl 1947 gemeinsam mit ihrem Schöpfer und seiner Ehefrau Hetty Haelssig hierher. Zusammen mit der NS-Herrschaft endete auch Schmid-Ehmens Karriere. 

Zwar wurde er – wie viele andere – in einem Spruchkammerverfahren als „minderbelastet“ eingestuft und musste eine Geldstrafe von nur 200 DM zahlen, aber seine Werke wurden größtenteils entfernt und er bekam keine neuen Aufträge. „Die Frau aus Gips“ ist wohl eine Schenkung seiner Witwe an die Stadt Starnberg.

Als klaren Kontrast zur in der NS-Diktatur als schön empfundenen Kunst, die unter anderem den Kampf gegen die Freiheit und Individualität der Moderne verkörperte, ist in einer Hälfte des Raums das sogenannte „Stunde Null LAB“ entstanden. Hier hängt ein abstraktes Bild Rupprecht Geigers, der Mitglied der Gruppe ZEN 49 war, die nach dem NS-Regime versuchte die abstrakte Malerei einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Außerdem gibt es mehrere Essays zum Thema Neubeginn an diesem historischen Tiefpunkt, die sich Besucher mitnehmen dürfen. 75 Jahre nach Kriegsende zeigt das „Stunde Null LAB“ eindrucksvoll, dass es die sogenannte Stunde Null in der deutschen Kunstgeschichte gab – im Gegensatz zur Deutschen Gesellschaft. Die Ausstellung ist erst der Auftakt einer ganzen Reihe, in der je ein Objekt mit seiner Geschichte im Mittelpunkt steht. Der Nachfolger der „Frau aus Gips“ ist noch nicht bekannt. Das Stunde Null LAB wird allerdings auch weiterhin vorhanden bleiben und soll noch weitergeführt werden erklärte Tillig am Freitag. „Die Frau aus Gips“ kann noch bis zum 15. November dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr besichtigt werden.

Von Lisa Livancic

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Katastrophenfall in Bayern ausgesprochen: Notmaßnahmen für nächste 14 Tage
Katastrophenfall in Bayern ausgesprochen: Notmaßnahmen für nächste 14 Tage
Gastronomie im Kreis Starnberg: Gewerkschaft appelliert Corona-Krise als Chance zu nutzen
Gastronomie im Kreis Starnberg: Gewerkschaft appelliert Corona-Krise als Chance zu nutzen
Die Maskenpflicht im Landkreis kommt: Tücher und Schals sind auch erlaubt
Die Maskenpflicht im Landkreis kommt: Tücher und Schals sind auch erlaubt
Falsche Polizisten treiben in Gauting ihr Unwesen
Falsche Polizisten treiben in Gauting ihr Unwesen

Kommentare