"Für Kinder einfach mehr Zeit nehmen"

Jugendamtsleiter Bernhard Frühauf. Foto: Jaksch

Derzeit finden die bundesweiten Aktionswochen der Jugendämter statt – mit dem Ziel, die Arbeit der 591 Einrichtungen in Deutschland vorzustellen und transparent zu machen. Denn meist tauchen die Jugendämter in Negativ-Schlagzeilen auf, das bekannteste Beispiel dürfte der Fall Kevin aus Bremen sein. Für ein paar Wochen rückt also eine der ältesten Institutionen in Deutschland für Kinder und Jugendliche in den Fokus der Öffentlichkeit. Auch der Landkreis Starnberg beteiligt sich an den Aktionswochen und in den Breitwand-Kinos läuft ein von Kindern und Jugendlichen produzierte Kurzfilm, der auf die vielen Hilfs- und Beratungsangebote des Jugendamtes aufmerksam machen soll. In loser Folge wird der KREISBOTE Starnberg in den kommenden Wochen anhand von Fallbeispielen über das vielfältige Aufgabenspektrum des Starn- berger Jugendamtes mit seinen 70 Mitarbeitern informieren. Auftakt macht ein Interview mit Bernhard Frühauf, dem Leiter der Starnberger Behörde, über die tägliche Arbeit und Starnberger Besonderheiten.

Kreisbote: Herr Frühauf, welche Aufgaben hat eigentlich das Jugendamt, das in Starnberg Fachbereich Jugend und Sport heißt? Bernhard Frühauf: Ich verstehe das Jugendamt als Dienstleister, der gesetzliche Auftrag lautet, Familien mit Kindern zu unterstützen, wenn Schwierigkeiten auftreten und die Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen so zu begleiten, dass sie ein gutes Leben mit Zukunftsperspektive führen können. Im Wesentlichen hat unsere Arbeit drei Kernbereich: Beratung, Unterstützung und Ergänzung. Wir bieten Beratung zu Fragen der Erziehung an, beraten, wenn es um einen Betreuungsplatz geht, also wenn bei berufstätigen Eltern die Nachmittagsbetreuung fehlt. Oder wenn eine allein erziehende Mutter mal Zeit für sich zum Durchschnaufen braucht, vermitteln wir eine Kinderbetreuung – und übernehmen, wenn es notwendig ist, auch die Kosten. „Ich verstehe das Jugendamt als Dienstleister“ Bei der Unterstützung geht es meist um finanzielle Angelegenheiten. Also, wenn einer Familie das Geld für den Hortplatz, für den Kindergarten oder für die Krippe fehlt. Im Landkreis Starnberg sind das knapp 500 Kinder, die wir finanziell unterstützen. Unter Ergänzung fällt unsere Hilfe, etwa bei so tragischen Fällen, wo die Mutter gestorben ist und der Vater arbeiten muss. Dann sucht das Jugendamt in enger Abstimmung mit Vater und Kind eine geeignete Pflegemutter für den Tag. Auch Therapeutenbesuche für Kinder mit Förderbedarf oder die Hilfe für ausländische Mitbürger, beim Ausfüllen eines Fragebogens, fällt darunter. Sie sehen, in dieser Beziehung sind wir richtige Dienstleister. Welche Qualifikation/Ausbildung/Studium muss man für einen Job im Jugendamt mitbringen? Unsere insgesamt 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter teilen sich in Sozialpädagogen, Psychologen und Verwaltungsberufe auf. In der ambulanten Hilfe sind rund 30 Sozialpädagogen beschäftigt, auch bei unseren Jugendberatern finden Sie ausnahmslos Sozialpädagogen. In der Kinder-, Jugend- und Familienberatungsstelle arbeiten überwiegend Psychologen, die etwa bei einer Trennung versuchen, die Eltern zu einem zweiten Versuch zu bewegen, beziehungsweise gemeinsam mit ihnen nach einem Weg suchen, wie die neue Situation für das Kind gestaltet werden kann. Im Bereich der Unterhaltsbeistandschaft etwa bei Gericht, oder bei Fragen zur Vormundschaft, haben wir ausgebildete Verwaltungsfachkräfte im Jugendamt. Herr Frühauf, wie sind Sie eigentlich zum Starnberger Jugendamt gekommen, beziehungsweise dessen Leiter geworden? Von Beruf bin ich eigentlich technischer Zeichner, ich habe mich aber schon sehr früh ehrenamtlich in der Jugendarbeit engagiert. Und so kam es, dass ich eben noch Sozialpädagogik studiert habe. Meine erste Stelle hatte ich dann bei Siemens in der Betriebsfürsorge. Dort hilft man Mitarbeitern, die suchtgefährdet sind oder unter einem Burnout-Syndrom leiden. Später wechselte ich zur Stadt München, während der Olympischen Spiele 1972 organisierte ich unter anderem das Jugendlager für die vielen jungen Besucher, die kein Geld für ein Hotel hatten. In Starnberg bin ich seit 1973 und Jugendamtsleiter seit 1983. Was ist Ihr negativstes, beziehungsweise Ihr positivstes Erlebnis in all den Jahren gewesen? Welcher Fall hat Sie am meisten berührt? Das schlimmste Erlebnis war für mich zweifelsohne der Tod von Jürgen Bergbauer, der in den 1980er Jahren im Gautinger Jugendhaus von einem Polizisten erschossen wurde. Damals haben wir uns – und auch der damalige Landrat Rudolf Widmann – sofort auf den Weg gemacht, um mit den Jugendlichen zu sprechen und ihnen ein bisschen Halt zu geben. Wir waren geschockt und ich bin sehr froh, dass ich derartiges nicht mehr erleben musste. Positives gab’s vieles, ein wahres Highlight ist für mich aber nach der Schließung der Jugendherberge in Jägersbrunn 1987, dass wir einen Platz für eine noch schönere und größere Jugendherberge in Possenhofen finden konnten. Am 30. April 1996, also nach neun Jahren Suche, konnte der damals scheidende Landrat Widmann den Vertrag mit dem Jugendherbergswerk unterzeichnen. Wo sehen Sie im Landkreis die größten Probleme, wo muss das Jugendamt verstärkt entgegenwirken und Aufklärung leisten? Die Suchtproblematik beschäftigt uns sehr. Ganz massiv haben die Kindersaufgelage im Landkreis zugenommen. Wir haben Jugendliche, die bis zur Besinnungslosigkeit Unmengen an Alkohol in sich ’reinschütten und dann ins Krankenhaus müssen. Da müssen wir ran. Erstaunlicherweise sind es ganz häufig Mädchen. Die Zeit der harten Drogen dagegen ist vorbei, wir haben auch schon sehr lange keinen Drogen-Toten mehr gehabt. Der zweite große Suchtbereich sind Computerspiele. Es gibt auch bei uns Jugendliche, die nicht mehr von ihrem Computer wegkommen und langsam in eine Parallelwelt abdriften. Das hat ganz schlimme Folgen, auch für das soziale Gefüge in der Gesellschaft und den Zusammenhalt in der Klasse. Was sind Ihre Forderungen an Politik und Gesellschaft? Mehr Geld oder geht es um ideelle Unterstützung? Ich habe mit den bisherigen Landräten und Kreistagen sehr viel Glück gehabt. Wir stoßen immer auf sehr viel Verständnis, ideell erfahren wir sehr viel Unterstützung und wir haben auch immer ausreichend Geld für unsere Arbeit erhalten. Seit 2003 haben wir keine Netto-Steigerung im Jugendhilfehaushalt verzeichnen müssen, was bei der Politik bestimmt Vertrauen geschaffen hat. „Ich habe mit den Landräten und Kreistagen sehr viel Glück gehabt“ Durch unsere Präventivarbeit mit Erziehungsbeistandschaften oder Jugendsozialarbeit an den Schulen konnten wir einer Kostenexplosion – anders als in den Landkreisen Fürstenfeldbruck und Dachau – entgegenwirken. Von der Gesellschaft, allen voran von den Eltern, fordere ich ganz deutlich, sich für Kinder und Jugendliche einfach mehr Zeit zu nehmen, sich für sie und ihre Bedürfnisse zu interessieren. Durch die zunehmende Individualisierung leidet das Gemeinschaftserlebnis, auch die Jugendgruppenarbeit ist sehr rückläufig. Eine Diskrepanz haben wir bei den Ganztagsschulen. Was für einen bestimmten Kreis von Kindern und Jugendlichen ganz gut ist, weil sie so einen strukturierten Ablauf erfahren, ist für andere, denen man so die Selbständigkeit und die Nachmittagsaktivitäten beschneidet, wenig hilfreich. Was wird nach den Aktionswochen bleiben? Wie sieht Ihr Ausblick aus? Ich hoffe, dass die Öffentlichkeit über unsere Arbeit besser informiert ist, dass Eltern und Kinder frühzeitiger zu Info und Beratung kommen, genauso wenn es in der Nachbarschaft einem Kind nicht gut gehen könnte. Übrigens garantieren wir grundsätzlich Anonymität und Informantenschutz. Ich glaube, die Aktionswochen machen unsere tägliche Arbeit transparenter und verständlicher. Und wir, die sie leisten, bekommen in der Öffentlichkeit ein stärkeres Gesicht.

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