Gautinger Kulturspektakel

Vom Regen weitestgehend verschont

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Gauting – Das Timing hätte nicht „besser“ sein können: Genau in dem Moment, als die „Lischkapelle“ am Sonntagabend auf der kleinen Bühne des Kulturspektakels vom ein-setzenden Regen heimgesucht wird, wollen die sechs aus Trostberg stammenden Musiker ihr letztes Stück spielen.

Doch sie resignieren nicht etwa, sondern zaubern aus den widrigen Umständen einen wunderbaren Moment, steigen samt ihren Instrumenten von der Bühne hinab, zwischen die Bierbänke mitten ins Publikum und versammeln sich unter einem Schirm – dort intonieren sie „a cappella“ den Anfang eines ihrer schönsten Lieder - „P1“. Solche Augenblicke bringt das Gautinger Kulturspektakel immer wieder hervor, schon seit 33 Jahren, auch wenn sich seither einiges gewandelt hat: Inzwischen bewerben sich fast tausend Bands für die drei Spektakel-Tage, und die „Kult“-Veranstalter haben die Qual der Wahl, wer auf den drei Bühnen auftreten darf. Allein die straffe Abfolge der 40 „Auserwählten“ sorgt von Freitag bis Sonntag dafür, dass man von mancher Gruppe gar nicht so viel zu hören kriegt, wie man sich vielleicht gewünscht hätte – nach drei, vier Stücken heißt es bereits: „Der nächste, bitte!“ Gegenüber früheren Zeiten ist freilich zu beobachten, dass die Spektakel-Besucher eher mit sich selber beschäftigt sind als richtig zuzuhören: Die Einen machen pausenlos Selfies, andere reden noch bei den zartesten Gitarren-Stücken lauter als die Musiker – gesehen und gehört werden, das scheint für viele wichtiger zu sein als das künstlerische Angebot, das durchaus beachtlich ist. Gruppen mit leiseren Tönen wie etwa „Vorteilspack“, Gewinner des Kreisjugendring-Bandwettbewerbs 2014, gehen auf der „Waldbühne“ fast ein wenig unter. Der „Kult“-Jahrgang 2015 hat gleichwohl einen wohltuenden Akzent auf Bands, die stilistisch was riskieren und auch überraschen – und alles ist angeblich irgendwie „Indie“, Hauptsache, man passt in keine Schublade: am Freitag bringt „Rapid“ die Leute mit schnellem Ska-Polka-Punk-Sound zum Tanzen, am Samstag sind „Heischneida“ aus Traunstein die gefühlten Abräumer, und am Sonntag versucht sich „Polarbär Pollux“ als rockig-poppiger Gute-Laune-Bär, wenn auch etwas arg infantil. Die altgedienten Spektakel-Besucher sehen das alles mit Gelassenheit, ähnlich wie der stoische Buddha, der in Richtung der „Asia“-Garküche thront. Modisch war man schon mal weniger ange-passt als in diesem Jahr, auch die ziemlich präsente Polizei bleibt nicht ganz überraschend bei ihrem Berufsgrün – besondere Vorkommnisse, abgesehen von ein paar Kreislaufschwächen bei den Besuchern: Fehlanzeige. Angeblich haben sich heuer rund 200 junge Leute beim „Kulturspektakel“ ehrenamtlich engagiert, man kann das gar nicht genug loben, zumal fast alles reibungslos und wohlorganisiert vonstatten geht: „Bons oder Geld zurück?“ heißt es an den Bon-Buden, wo man Euros gegen rote und gelbe Jetons einlösen kann, für die man wiederum Essen und Trinken in allen Variationen von „Wrap bis Wurst“ bekommt. Das nicht-musikalische Geschehen beim „Kult“ ist ebenfalls beachtlich: Der Schachclub Gauting lockt mit seinen Brettern, nebenan kann man in der Wein-Louge bei einem „Hugo“ auf der Couch lümmeln, und auch die Drogenberatung ist Gott sei Dank nicht weit. An einem Stand kann man sogar die Anzahl an Kaffeebohnen in einem Glas schätzen, das „Kinder-Kult“ wartet unter anderem mit einer Hüpfburg auf, und der Burger-Braterei gehen irgendwann sogar die Burger aus – eigentlich ein gutes Zeichen. Die das Festival unterstützende Musikschule Gauting ist zwischendurch ein wenig verstimmt, weil private Musikschul-Konkurrenz aus Lochham plötzlich einen zugedachten Raum des Campus nutzen darf. „Meine Beschwerden wurden abgewimmelt“, ärgert sich Musiklehrer Tommy Rolle. Sonst noch Beklagenswertes? Das Wetter hat gehalten, obwohl es am Samstag und Sonntag lange damit gedroht hatte, zum Unwetter zu werden. Die Spektakel-Besucher haben sich aber wieder mal nicht einschüchtern lassen: Die letzte Band am Sonntagabend auf der großen Bühne spielt ab 21 Uhr schon unter einem ordentlichen Regenguss und vor begeistertem Publi-kum. Sie heißt „Otto Normal“. Auch das passt! mps

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