Die Gemeinde Pöcking lässt ihre NS-Vergangenheit wissenschaftlich aufarbeiten

+

Pöcking – Wie schaut es eigentlich mit der NS- Vergangenheit von Pöcking aus? Wie haben sich die Dorfbewohner damals mit dem Regime arrangiert?

Haben sie tatkräftig mitgemischt? Diese und andere Fragen sollen nun zwei namhafte Historiker im Auftrag der Gemeinde beantworten - in einem Buch. Aus über 20 Aktenordern voller Material wird das Ehepaar Professor Marita Krauss und Erich Kasberger die dunkelste Phase der Ortsgeschichte durchleuchten. Damit ist Pöcking das erste Dorf im Landkreis, dass seine NS-Vergangenheit wissenschaftlich aufarbeiten lässt. Auslöser für den Buch-Auftrag war die Feststellung des Gemeinderats, dass noch im Jahr 2014 Adolf Hitler in vielen Gemeinden als Ehrenbürger aufgeführt war - so auch in Pöcking. Damit sich ein Schreckensregime wie es das Dritte Reich war, nie mehr wiederholt und man Fehler nicht noch einmal macht, ist es für Professor Krauss wichtig, aus der Geschichte zu lernen. Denn die politische Entwicklung in so manchen Ländern der Erde lässt nichts Gutes hoffen. So versucht die polnische Regierung derzeit gerade alles gleichzuschalten wie einst die Nazis 1933. In dem Buch über die NS-Vergangenheit von Pöcking soll niemand an den Pranger gestellt werden. Schließlich wohnen noch viele Nachfahren im Ort, die nicht für die Taten ihrer Vorfahren verantwortlich sind. Wie die Pöckinger Historikerin - Krauss lebt seit ihrem zweiten Lebensjahr in Pöcking und ist Professorin für Europäische Regionalgeschichte sowie Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte an der Universität Augsburg - schon einmal als erste Zwischenbilanz nach der Sichtung des Materials verkünden konnte: „In Pöcking gab es keine Kriegsverbrecher“. In ihrem Buch, dass sie mit ihrem Mann Erich Kasberger realisiert, beleuchtet die Historikerin unter anderem die Geschichte von Michael Ruhdorfer, nach dem auch heute noch eine Straße benannt ist. Der Großbauer war damals Bürgermeister der Gemeinde und Ortsgruppenleiter der NSDAP. Allerdings meldete er verfolgte Juden nicht weiter und schwärzte auch keine Dorfbewohner bei der Gestapo an, die sich im Wirtshaus kritisch über das Regime äußerten. Beleuchtet werden in dem Buch über die NS-Vergangenheit von Pöcking auch die Zwangsenteignungen von Villen jüdischer Eigentümer sowie das Kapitel Zwangsarbeit. Nach der Fertigstellung ist geplant, die in dem Buch zusammengefassten Forschungsergebnisse mit den Pöckingern zu diskutieren. Kosten für das Buch: 34.000 Euro. Davon zahlt die Gemeinde 14.000 Euro - der Rest wird von Sponsoren übernommen. aj

Auch interessant

Meistgelesen

Aidenried soll "Hotspot" werden
Aidenried soll "Hotspot" werden
Gilchinger Montessori-Schüler haben ihr neues Domizil in Besitz genommen
Gilchinger Montessori-Schüler haben ihr neues Domizil in Besitz genommen
Symbiose von Literatur und Ortschaft
Symbiose von Literatur und Ortschaft
Betten-Burg statt Auto-Haus
Betten-Burg statt Auto-Haus

Kommentare