Gesine Schwan beim Empfang der Starnberger Kreis-Grünen  

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Weßling – Kleine Lichtblicke in rauen Zeiten lieferte beim Neujahrsempfang der Kreis-Grünen die Politikwissenschaftlerin, Präsidentin der Universität Viadrina Frankfurt/Oder, SPD-Politikerin und zweimaligen Kandidatin für das Bundespräsidentenamt Gesine Schwan. Rund 150 Besucher wollten im Weßlinger Pfarrstadel wissen, wie das gesellschaftliche Leben der Zukunft aussehen könnte.

Unter den vielen Gästen am Freitagabend waren erstaunlich viele Sozialdemokraten – die ehemalige Gautinger Bürgermeisterin Brgitte Servatius, Kreisrätin Elisabeth Fuchsenberger und der SPD-Bundestagskandidat Christian Winklmeier. Aber auch Starnbergs Ex-Rathauschef Ferdinand Pfaffinger, Andreas Lechermann, Weßlinger CSU-Gemeinde- und Kreisrat, sowie der Hausherr, Bürgermeister Micheal Muther, wollten von der prominenten Gastrednerin mit ur-sozialdemokratischen Wurzeln wissen, was auf sie in den gesellschaftlich und politisch unruhigen Zeiten zukommen wird.Und die Grünen-Chefin und Bundestagskandidatin Kerstin Täubner-Bennicke fasste es eingangs so zusammen: „Wir dürfen uns in diesen rauen und stürmischen Zeiten nicht entmutigen lassen und nicht den Optimismus verlieren.“ Anlass für einen fröhlichen Jahresauftakt sahen in den vergangenen Wochen auch die anderen Parteien im Landkreis nicht. Dass die Grünen im Fünfseenland ausgerechnet eine SPD-Politikerin als Gastrednerin eingeladen haben, lag laut Täubner-Bennicke an der großen Schnittmenge mit der Professorin. Und dass in Zeiten, in denen Populisten wie Trump oder Orbán an die Macht kommen, das Interesse an politischen Antworten einfach stark gestiegen sei. Die so viel Gelobte bekannte denn auch gleich, dass sie zwar schon immer mit den Grünen geliebäugelt hätte, aber aufgrund ihres Alters und der Sozialisation durch ihr Elternhaus, das während der Nazizeit protestantischen und sozialistischen Widerstandskreisen angehörte, ganz den sozialdemokratischen Themen verfallen sei. Freilich ist Gesine Schwan, die in den unruhigen 1960er Jahren Politikwissenschaften und Philosophie an der Freien Universität in Berlin studiert hat, auch nicht mit allen Entscheidungen und Strömungen innerhalb der SPD einverstanden. Dennoch überwiegen bei ihr die vielen offenen sozialen Fragen gegenüber den „nicht minder wichtigen“ Umweltthemen der Grünen. Mit der Frage „Wie wollen wir leben?“ streifte Schwan nicht nur die einzelnen Bedürfnisse der Menschen rund um den Globus wie Sicherheit, Frieden, Auskommen, Ernährung und eine eigene Zukunft, sondern holte weit aus, um sich mit der Zukunft der Demokratie und der Parteien zu befassen. Die Demokratie sieht sie gar in Gefahr, weil rund 20 Prozent der Bevölkerung – meist die ärmeren unter ihnen – „das Gefühl haben, gar nicht mehr gefragt und gehört zu werden“. Dieser Kreis sei anfällig für populistische Parolen, eben „weil sie das Gefühl haben, untergebuttert zu werden“. Den Parteien, so Schwan weiter, trauen heute viele nicht mehr zu, globale und individuelle Probleme lösen zu können. Was wiederum – als schönes demokratisches Beispiel – Bürgerinitiativen und NGOs hervorbringe. Eine Alternative zu den Parteien, die übrigens erst seit 1948 die „von-unten-nach-oben-Prägung“ erlangten, die Politikwissenschaftlerin nicht. Allerdings fordert sie politische Partizipationsformen, das heißt, dass die Bürger deutlich früher an Entscheidungen beteiligt werden sollen, die dann später von den politischen Akteuren diskutiert werden. Insgesamt forderte Gesine Schwan mehr Öffnung und Aufbruchsgeist, „Ausgrenzung und Abschottung sind keine Lösungen für die Zukunft“. po

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