Gilching in den 1950er

Als der Bauboom begann

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Gilching – In der Gemeinde Gilching ist das Bauen ein fortwährendes Thema. Aktuell beklagen Anwohner in der Waldkolonie eine zunehmende Verdichtung. Den Grundstein jedoch für eine rege Bautätigkeit legten Martin Schneider und Marianne Reich vor einem halben Jahrhundert.

Martin Schneider (1920 bis 2012), Bauunternehmer und Bürgermeister (1969 bis 1984) in Weßling, war nicht nur ein genialer Strippenzieher. Er zeichnet auch verantwortlich für viele Bauvorhaben, die ohne ihn nie möglich geworden wären. Inwieweit dabei Methoden angewandt wurden, die heute undenkbar sind, hat er 2007 in seinen Lebenserinnerungen „Wenn die Schellkopf Anna gwusst hätt‘…“ festgehalten. „Wenn man von den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts spricht, ist oft vom Wirtschaftswunder die Rede. Vielleicht wurden andere ja Zeugen eines Wunders – so weit ich die Sache überblicke, kann von Wundern keine Rede sein. Dafür umso mehr von Kerlen wie mir, die sich ihre Betonmaschinen und Bagger besorgten, als sich der Rest der Welt ans Hirn fasste, weil niemand sich vorstellen konnte, wo diese Maschinen jemals eingesetzt werden sollten.“ Schneider beschreibt die Trümmerlandschaften, die der Krieg hinterlassen hatte und berichtet von der Wohnungsnot, die unter anderem durch zahlreiche Flüchtlinge und ausgebomte Einheimische mit verursacht wurde. „Hunderttausende von Menschen sehnten sich nicht nach der Luxusimmobilie, sondern nach einer vernünftigen und bezahlbaren Wohnung.“ Und dann habe es damals schon Menschen gegeben, die nach Mittel und Wege suchten, dem Wirtschaftswunder etwas nachzuhelfen, betonte Schneider. Dazu gehörte nicht nur der Autor selbst, sondern auch Marianne Reich (1926 bis 2016) aus Gilching. „Die Tierarztgattin thronte Mitte der 1960er Jahre korpulent und gehbehindert auf einem Polsterstuhl in der Diele ihres Bungalows und spann von dort ihre Fäden.“ Von diesem Stuhl aus habe sie nicht nur den Haushalt und die Praxis ihres Mannes organisiert. Sondern sann auch nach weiteren Möglichkeiten, aktiv zu werden. „Sie suchte nach einer echten Herausforderung. Wo die liegen könnte, ahnte sie, als ich den Reichs einmal von jenem Wohnblock erzählte, den ich 1960 hinter meinem Geburtshaus in Weßling gebaut hatte. Die Wohnungen wurden im Nu vermietet… es gingen Mieten ein, mit denen ich meine Schulden abtragen konnte.“ Für Marianne Reich die Initialzündung für einen bisher nie dagewesenen Bauboom in Gilching. „Als sie mich das nächste Mal besuchte, brachte sie mir ein fertiges Leistungsverzeichnis für einen Wohnblock, den sie in der Landsberger Straße in Gilching bauen wollte.“ Auf die übliche Ausschreibung wurde verzichtet. Für Reich stand fest, in Schneider einen zuverlässigen Partner gefunden zu haben, bei dem ein Handschlag mehr galt als ein beschriftetes Papier. Sie selbst wollte sich um die Finanzierung und die kaufmännische Seite kümmern, Schneider sollte sich um den Bau kümmern. „Hoi!“, sagte ich zu ihr. „Du wirst doch jetzt nicht das Wohnblockbauen anfangen?“ „Doch“, antwortete sie. „Du hast mich motiviert. Das pack ich jetzt.“ Kurz und gut, trotz anfänglicher Finanzierungsschwierigkeiten, der erste Wohnblock an der Landsberger Straße wurde fertiggestellt, die Wohnungen schnell verkauft. Von nun an ging es Schlag auf Schlag. Grundstücke zu bekommen war kein Problem, denn so manch‘ ein Bauer sei damals noch froh gewesen, seinen Kiesacker loszuwerden. „Und so bauten wir einen Wohnblock nach dem anderen, an der Landsberger Straße und an der Römerstraße waren es insgesamt vier Häuser mit je 28, drei mit je zwölf Wohnungen und weil wir den Grund für die kleineren drei Blöcke umsonst bekamen, stellten wir für den Bauern auch gleich noch einen kleinen Wohnblock hin.“ Dem folgte unter anderem eine Anlage mit zehn Reihenhäusern. Auch hier stellte der Grundstückseigner das Bauland kostenlos zur Verfügung, bekam jedoch als Gegenleistung sein eigenes Reihenhaus hingestellt. Auf was Schneider besonders stolz war: „Das ganze lief ohne Vertrag und es lief gut.“ pop

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