Hauptlast trägt Gräfelfing und Neuried

Die Überraschung war groß, vor allem bei den betroffenen Bürgermeistern im Münchner Süden und Vertretern von Bürgerinitiativen und Umweltverbänden: Die Autobahndirektion Südbayern empfiehlt in ihrem Abschlussbericht zur Machbarkeitsstudie für den A99-Südring zwei Varianten. Und beide nehmen ihren Anfang am Autobahndreieck bei Gräfelfing – keine 300 Meter weit entfernt vom nächsten Wohngebiet. Von dort führt die Trasse nach Planegg und verschwindet kurz vor der Gemeindegrenze unter der Erde. Nach der Querung des Würmtals kommt der Tunnel südlich von Neuried wieder an die Oberfläche – mitten im Forsten Kasten.

Die Verkehrsplaner gehen von einer Fahrzeugbewegung von rund 60.000 pro Tag aus. Die Entlastung für den Mittleren Ring wird mit etwa 15.000, bei der A99 Nord/Ost mit 10.000 Kfz prognostiziert. Die möglichen Kosten bewegen sich heute bei zirka 1,2 Milliarden Euro. Zurück zum Streckenverlauf: Ein Anschluss an die Kreisstraße M4 (bei Neuried) wäre bei der Trassenführung möglich. Bis zum Anschluss an die A95 (Garmisch) geht’s oberirdisch durch den Forsten Kasten und Teile des Forstenrieder Parks, kurz dahinter verschwindet die Südautobahn dann wieder im Tunnel, um das Isartal zu passieren – entweder über die Trasse Geiselgasteig oder über Neugrünwald. Erstere würde vor der Gemeinde Unterhaching an die Oberfläche kommen, die zweite Lösung würde Taufkirchen an den Südring anbinden. Mit der Einschleifung an die A995 wäre der Ring um München denn geschlossen, eine Anbindung an die A8 (Salzburg) ebenfalls geschaffen. Und so staunten die angereisten Landräte, Rathauschefs und die zahlreich erschienen Vertreter der Bürgerinitiativen über das Ergebnis nicht schlecht. Denn entgegen zuletzt getroffener Aussagen der Autobahndirektion Südbayern, es könne genauso gut eine Nulllösung herauskommen, gibt es jetzt zwei konkrete Varianten für den Ringschluss. Womit weder Gegner noch Befürworter gerechnet haben. So lautete ein wesentliches Kriterium bei der letzten Zwi­schenpräsentation am 15. Dezember vergangenen Jahres etwa die Entlastung der Umlandgemeinden. Überhaupt überwogen vor einigen Monaten noch die Bedenken, was die Zweckmäßigkeit des Projekts angeht. Der Sinneswandel bei den Planern ist für die Süd-Bürgermeister daher kaum nachvollziehbar. Wenig Beifall erntete Paul Lichtenwald, der Präsident der Autobahndirektion Südbayern, mit seiner Äußerung, „der Lückenschluss ist grundsätzlich sinnvoll und realisierbar“. Erst vor ein paar Monaten noch versicherte Lichtenwald, die Machbarkeitsstudie, vom Bayerischen Landtag 2002 so beschlossen und in den vergangenen zwei Jahren durchgeführt, sei „ergebnisoffen“ und man könne genauso gut zu der Erkenntnis gelangen, dass aus vielerlei Hinsicht die A99 Süd nicht realisierbar sei. Den vom Ausbau betroffenen Bürgermeistern drängte sich dagegen der Verdacht auf, dass vielmehr mit biegen und brechen nach einer Variante gesucht wurde. Christoph Göbel etwa, das Gemeindeoberhaupt von Gräfelfing, kann keinen verkehrlichen Nutzen erkennen. „Das geht gegen Null“, so Göbel, der auch Vize-Landrat im Landkreis München ist. Vielmehr würde das Projekt die Planungshoheit seiner Kommune dauerhaft einschränken. So wie er reagierten nahezu alle Gemeindechefs aus dem Münchner Süden. Einen „breiten Widerstand“ kündigte Oberhachings Bürgermeister Stefan Schelle an, der Sprecher aller Süd-Gemeinden. Einen breiten Widerstand wünscht sich auch die Neurieder Bürgermeisterin Ilse Weiß. Vor allem, dass der Naturschutz in dem Abschlussbericht plötzlich keine Rolle mehr gespielt habe, enttäuscht Weiß, die weiter von einem „Wahnsinnsprojekt§ spricht, das man aber gemeinsam stoppen werde. Und wie sieht's auf der anderen (Ring-) Seite aus? Da verschaffte sich nach der Präsentation der Ismaninger Bürgermeister Michael Sedlmair Luft und begrüßte unter lautstarkem Protest den Abschlussbericht der Machbarkeitsstudie: „Die Zeit der Denkverbote sind vorbei.“ Auch der Süden müsste sich solidarisch zeigen und einen Teil der Verkehrslast mittragen. Was die Bewohner aus dem Würmtal, Isartal und dem Hachinger Tal nur mit Kopfschütteln quittierten. Der letzte Rest intakter Natur würde ein für alle Mal zerstört werden – und somit ebenfalls eines der verbliebenen Naherholungsgebiet aller Münchner. Man müsse sich im Sinne von Mensch und Natur von der „zwanghaften Vorstellung“ verabschieden, „dass jeder Ring geschlossen werden muss“, sagte ein Anwohner. Und ein Vertreter einer der vielen Bürgerinitiativen bedankte sich bei Lichtenwald und seiner Behörde für den Bärendienst, den sie dem Münchner Süden erbracht hätten: „Mit ihrer Empfehlung für eine Trasse haben sie einen Dauerbrenner geschaffen, der der den Süden noch viele Jahre beschäftigen wird.“ Als nächstes wird Lichtenwald den Abschlussbericht an seinen nächsten Vorgesetzten weiterleiten. Das ist Innenminister Joachim Herrmann. Und dieser wird das weitere Vorgehen ab 2011 vom Landtag beraten lassen. Danach könnte die Trasse in den Bedarfsplan für Bundesfernstraßen aufgenommen werden. Voraus gesetzt, der Landtag spricht sich für den Bau aus. Unterschiedliche Stimmungslage zur A99 Süd Entsetzen bei den Vereinigten Bürgerinitiative Südlicher Erholungsraum München, der 24 Gruppen angehören: Fünf große Waldgebiete (u.a. Forst Kasten, Forstenrieder Park) würden durch den Ringschluss zerschnitten. Auch bei den geplanten Abluftkaminen, die bei derart langen Tunneln notwendig sind, werde die Bürgerinitiative Widerstand leisten. „Lösung gefunden, auf koste was es wolle“, schreibt auch Joachim Bender vom Grünzug-Netzwerk Würmtal. Er argumentiert ähnlich wie die Vereinigte Bürgerinitiative, beide monieren die geringe Entlastungswirkung für die A 99-Ost mit gerade einmal 7,6 Prozent des täglichen Verkehrs. Und Martin Hänsel, stellvertretender Geschäftsführer des Bund Naturschutz, ärgerte sich, „der Süden ist nicht das Auffangbecken für die Verkehrslawine, die im Norden und Osten durch das Ausweisen immer neuer Gewerbegebiete losgetreten wird“. Dagegen begrüßen die Liberalen im Landkreis Starnberg das Ergebnis. „Wenn der Autobahnring schon kommt, dann muss aus Rücksicht auf die Anwohner und zum Schutz der Landschaft das Würmtal untertunnelt werden“, so die einheitliche Meinung der Kreisvorsitzenden Sigrid Friedl-Lausenmeyer und der Vorsitzenden der Ortsverbände von Gauting und Krailling. Nur der Beginn des Tunneleinstiegs ist nicht im Sinn der FDP, dieser müsse viel früher, und zwar direkt nach dem Autobahnkreuz bei Gräfelfing, beginnen“, so die Ortsvorsitzenden von Krailling, Rainer Sobek, und von Gauting, Britta Hundesrügge. Grundsätzlich sehen die Liberalen in dem Südring auch eine Chance für die Region. „Wir erhoffen uns eine Entlastung der Orte und Gemeinden von dem Durchgangsverkehr und gleichzeitig eine wirtschaftliche Belebung des Landkreises“, meint Sigrid Friedl-Lausenmeyer. „Die SPD-Fraktion im Münchner Kreistag unterstützt die Forderung der ganz besonders vom Verkehr geplagten Menschen im Norden und Osten nach Entlastung. Angesichts der gutachtlich prognostizierten, wohl nur geringen Entlastungswirkung eines Südrings und angesichts der gewaltigen Kosten hält es die Fraktion (mehrheitlich) aber für nahezu ausgeschlossen, so Dietrich Heyne, der Fraktionsvorsitzender im Kreistag. Vielmehr müsse der ÖPNV mit Tangentialverbindungen ausgebaut und Lärmschutzmaßnahmen an den Autobahnen vorgenommen werden. Und Susanna Tausend, die Grünen-Landtagsabgeordnete und Kreisrätin aus Pullach, meint, der Bau der Autobahn sei schlicht nicht zu verantworten. Unter anderem werde durch eine (mögliche) Anschlussstelle bei Neuried der Verkehr in Neuried und Gauting zunehmen.

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