Herrschinger Chronik

Streifzüge durch die Ortsgeschichte

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Herrsching – Als Jugendlicher habe er die von Hans Radl zusammengestellten Bildbände über Herrsching „verschlungen“, schilderte Bürgermeister Christian Schiller bei der Vorstellung der neuen Ortschronik sein einstiges Lesevergnügen.

Leider waren irgendwann die Radl’schen Unterlagen verschwunden, eine Neuauflage war also nicht mehr möglich. Jetzt hat Gemeindearchivarin Friedrike Hellerer in „Zeitsprünge Herrsching“ den Faden zur Freude vieler Neubürger wie auch Alteingesessenener wieder aufgenommen und in mühevoller Kleinarbeit eine neue Ortschronik zusammengetragen. Gemeinsam mit dem Fotografen Siegfried Polednik und Bürgermeister Schiller stellte sie am Dienstag im Rathaus den neuen Band vor. Schon vor anderthalb Jahren kam Friedrike Hellerer mit der Idee für eine neue Chronik ins Rathaus, erinnerte sich Schiller an die Anfänge zum Buch. Damals plante die Archivarin ihre vielbeachtete Ausstellung zur Geschichte Herrschings im Kurparkschlösschen und sichtete Unmengen an alten Fotos aus den vergangenen hundert Jahren. Gemeinsam mit Siegfried Poleding reifte die Idee, sich mit den historischen Aufnahmen auf den Weg zu machen und nachzusehen wie es an Ort und Stelle heute aussieht. Der Leser durchstreift die Ammerseegemeinde auf drei Spaziergängen, sie führen durch das obere und untere Dorf sowie entlang des Seeufers, heute die längste Promenade Deutschlands. Vieles hat sich verändert, stellten Hellerer und Polednik bei ihren Streifzügen fest. Und manches sei erstaunlicher Weise seit hundert Jahren nahezu gleich geblieben. Blättert man ein paar Seiten weiter, stößt man auf Ansichten, die freie Wiesen, Äcker und Bauernhöfe zeigen. Heute dominieren dort neue Straßen mit dichter Bebauung. Noch vor hundert Jahren hatte die „Ammersee-Metropole“ keine 500 Einwohner, inzwischen gibt es zwanzigmal so viele Herrschinger. Diese enorme Expansion – die Bahnlinie von Pasing nach Herrsching 1903 läutete den Wandel ein – und ihre Folgen haben auch das Ortsbild und das Leben in den Straßen tiefgreifend verändert. In der Regel stieß Fotograf Polednik auf breite Unterstützung bei den Herrschinger Bürgern. Nicht selten musste er nämlich auf Privatgrundstücke, um sein (Vergleich-) Foto machen zu können. „Oder er klingelte an der Haustüre, um im dritten Stock auf einem Balkon einen bessern Überblick zu haben“, ergänzte Friedrike Hellerer, die übrigens auch Führungen durch den Ort leitet. Die Chronik zeigt aber nicht nur die bauliche Veränderung in Herrsching, sondern auch das soziale Leben einst und heute. Etwa der Abriss über die Chöre der Ammerseegemeinde. Gustl Empfenzeder beschreibt den Beginn des traditionsreichen Herrschinger Gesangvereins malerisch: „Ein herrliches Herbstwetter lag über dem Kirchweihmontag des Jahres 1900, als eine Anzahl militärentlassener Burschen mit geschulterten Spazierstöcken von der Mühlfelder Alex-Wirtschaft kommend, singend heimwärts in ihr Dorf zogen. Sie zogen zum Postgarten und stellten dort ihre Stöcke zu ‘Gewehrpyramiden’ zusammen. Das Singen paßte einigen Stammtischbrüdern ‘auf der Post’ nicht, noch dazu fiel einer der Grantler über die aufgestellten Stöcke, so daß der Posthalter Kasimir Mayr den Burschen den frischen Trunk verweigerte. Noch an diesem Abend wurde die Gründung eines Burschen- und Sängerbundes beschlossen“. 90 Jahre später musste der Verein mangels Nachwuchs aufgelöst werden, er übergab seine Hinter- lassenschaft wie Vereinsfahne und Chronik dem Gemeindearchiv. Dafür entstand 2005 aus dem katholischen Kirchenchor der gemischte Chor Cantilena. Dieser gehört heute zur Herrschinger Musiklehrervereinigung. Herausgeber des von vielen „so sehnsüchtig erwartete“ (Schiller) knapp 100-seitige Buch zur Ortsgeschichte ist die Gemeinde Herrsching. Erschienen ist es Erfurter Sutton Verlag, kostet 19,95 Euro und ist ab sofort im Buchhandel sowie im Herrschinger Rathaus (Gemeindekasse) erhältlich. Oliver Puls

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