Coronavirus wütet in Südasien

Herrschinger Hilfsorganisation mit sorgenvollem Blick nach Indien: „Die Pandemie trifft die Ärmsten der Armen am härtesten“

Indienhilfe Herrsching
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Das Coronavirus wütet in Indien derzeit äußerst heftig. Die Herrschinger Indienhilfe beobachtet die Vorgänge mit großer Sorge.

Herrsching - Die Schlagzeilen über Indien sind erschütternd: Menschen, die auf der Straße ersticken, nachdem sie an Corona erkrankt sind, verzweifelte Angehörige, die die Toten betrauern. Und auch die ergriffenen Maßnahmen gehen nicht spurlos an der Bevölkerung vorbei.

„Die Ärmsten der Armen trifft das Coronavirus und die Pandemie-Maßnahmen der Regierung am härtesten“, sagt Sabine Jeschke. Die 44-Jährige ist die Assistentin der Geschäftsleitung der Indienhilfe. Der Fokus des Vereins liegt unter anderem auf der Bildung der Kinder – und auf der Hilfe-zur-Selbsthilfe für die armen Bevölkerung. Die Berlinerin berichtet von Eltern, die sich aus Verzweiflung das Leben genommen haben. Sie erzählt von Kindern, die nach einem Jahr geschlossener Schulen den Anschluss verlieren. Und von Vätern oder Müttern, die von einem Tag auf den anderen ihren Job verloren und deren Familien deshalb hungern.

Die gute Nachricht ist, dass Westbengalen mit seinen rund 90 Millionen Einwohnern kein Hotspot ist. „Aber die Zahlen steigen und Lockdown-Maßnahmen sind bereits in Kraft“, so Jeschke. In mehreren Distrikten dieses indischen Bundesstaats ist die Indienhilfe aktiv. Ein schwerer Covid-Verlauf eines Schützlings der Indienhilfe könnte schwerwiegende Folgen haben. Denn eine gute Krankenversorgung kostet viel Geld. Zuviel für Taglöhnerfamilien, denen der Verein seit 41 Jahren mit Hilfe-zur-Selbsthilfe-Maßnahmen unter die Arme greift. Sie arbeiten beispielsweise auf Feldern, in Fabriken, im Straßenbau, oft Tausende von Kilometern entfernt von daheim, oder in Privathaushalten. Als die Corona-Krise ausgebrochen ist, haben viele ihren Job und damit ihre einzige Einkommensquelle verloren. „Die in dem Land ergriffenen Maßnahmen haben zwar das Virus eingedämmt, aber auch die Armut weiter verschärft“, betont Jeschke. Ob sich die Eltern aus dem kleinen westbengalischen Dorf das Leben genommen haben, weil sie nicht mehr zu essen hatten, ist nicht abschließend geklärt. Deren drei Kinder leben nun bei den Großeltern. Sie und andere Benachteiligte unterstützen die indischen Projektpartner des Vereins vor Ort.

„Ein weiteres Problem ist, dass die Schulen seit einem Jahr geschlossen sind.“ Das bedeutet, dass die Heranwachsenden seit zwölf Monaten keinen Zugang zu Bildung haben – ihr vermutlich einziger Weg aus der Armut. In den Nachhilfezentren der Indienhilfe-Partner werden sie seit der weitgehenden Aufhebung der Maßnahmen im Sommer von den Helfern unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln unterrichtet. Auch die Hungersnot breitet sich aus. „Die Lebensmittelpreise explodieren – Reis, Kartoffeln, Eier kosten teils das Zehnfache. Durch die Schließung aller Schulen verlieren in Indien über 100 Millionen Schülerinnen und Schüler ihre täglichen Schulmahlzeiten“, schreibt Jeschke auf der Homepage. „Ein Teufelskreis, denn vom Hunger geschwächte Menschen sind für das Corona-Virus anfälliger, können sich aber keine teure intensivmedizinische Behandlung leisten.“ Zwar bietet der indische Staat Unterstützung an – aber selbst, wenn sie davon wüssten, könnten die Analphabeten die Antragsformulare nicht ausfüllen und hätten somit keinen Zugriff darauf. Das übernehmen die Projektmitarbeiter für sie.

Ebenso zugenommen habe die häusliche Gewalt und sexuelle Übergriffe während der Pandemie. Jeschke erzählt von dem Vater, der in der Stadt seine Arbeit verlor und erst nach einer zweiwöchigen Quarantäne am Rand seines Heimatdorfes zu Frau und Kind zurückkehren durfte. „Er kam nach Hause und hat seine Frau und sein Kind geschlagen, weil sie ihn nicht besucht haben.“ Die Helfer gingen zur Familie und klärten den Vater auf. Aufklärung in den Dörfern ist in diesen Zeiten ein wichtiger Teil ihrer Arbeit. Aufklärung über den Sinn der Quarantäne oder über die Hygiene- und Abstandsregeln. „Viele verstehen nicht, warum man diese Maßnahmen ergreift, denn das Virus ist für sie unsichtbar“, so Jeschke. Und ausgerechnet in dieser ganzen Katastrophe zog vor bald einem Jahr ein Zyklon durch das Land und verursachte zusätzliches Leid.

Ein Spendenaufruf der Herrschinger brachte im Juni 2020 rund 32 000 Euro zusammen. Geld, das unter anderem an Mütter ausbezahlt wurde. Die Frauen haben davon vor allem Nahrungsmittel und Hygieneartikel angeschafft oder Haushaltsgegenstände, die der Zyklon weggeschwemmt hatte. Auch das Virus ging um: Vier der indischen Mitarbeiter erkrankten in der ersten Welle. „Einer hatte einen schweren Verlauf, musste aber gottlob nicht ins Krankenhaus“, ist Jeschke dankbar, die seit 2004 Mitarbeiterin der Indienhilfe ist. Alle seien wieder vollständig genesen. Dennoch: „Sie sind vorsichtig und haben Angst.“ Glücklicherweise seien bereits einige geimpft. Überstanden sind die Pandemie und ihre Auswirkungen auch in Indien noch nicht und die Arbeit der Indienhilfe ist wichtiger denn je.

Mehr Informationen unter www.indienhilfe-herrsching.de. Spenden an die Indienhilfe Herrsching, Kreissparkasse München-Starnberg-Ebersberg, IBAN DE29 7025 0150 0430 3776 63.

Michèle Kirner

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