"ICE-Zeitalter" eingeläutet

Samstagmittag Mitte Dezember, gegen 12.20 Uhr: Irgendwie geht es am Tutzinger Bahnhof heute zu wie damals in Brescello, als „Don Camillo“ vom ganzen Dorf mit der Dampflokomotive ins Exil verabschiedet wurde: Die Blaskapelle Traubing bläst sich in der gesteckt vollen Halle vor der neuen Service-Station schon mal warm, denn die für 12.40 Uhr angekündigte „Hauptperson“, der ICE 527 „Wetterstein“ aus Dortmund, lässt fahrplanmäßig noch ein wenig auf sich warten.

An diesem frostigen Dezember-Tag sollen gleich zweierlei, nun ja, „bahnbrechende“ Dinge gefeiert werden: Zum einen gilt es, offiziell das „ICE-Zeitalter“ für Tutzing einzuläuten, zum andern – und das ist für die leidgeprüfte Tutzinger Bahn-Kundschaft (über 7.000 Personen täglich) kaum weniger bedeutsam - sind die Toiletten hier nach Jahren endlich wieder in einem benutzbaren Zustand. Bürgermeister Stephan Wanner ist positiv nervös, denn er kann heute sogar einen leibhaftigen Vertreter der Deutschen Bahn AG begrüßen: Guntram Nehls. Nehls ist dort Sprecher der Regionalbereichsleitung und als Diplomingenieur Leiter der Produktion und Technik. Ehe der Hamburger später, also gegen 12.40 Uhr, den ersten Samstag-ICE mit Zwischenstopp Tutzing besteigen und Richtung Oberau weiterfahren wird, sagt er zu den erwartungsfrohen Tutzingern noch ein paar bemerkenswert verbindliche Worte, die sie regelrecht begeistern: „Wir werden Ihren Bahnhof ab 2012 den modernen Zeiten anpassen, ihn renovieren, Barrierefrei ausbauen, Aufzüge installieren und ihm ein neues Dach verpassen.“ Bis zu sieben weitere ICE-Verbindungen sollen eines Tages regelmäßig auch in Tutzing halten, nicht nur samstags um 20 vor eins, sondern auch wochentags, wie Feldafings Bür-germeister Bernhard Sontheim es sich wünscht: Applaus für die Bahn, wann hat es das in dieser Republik zuletzt gegeben? Tutzings Rathauschef Stephan Wanner, der in Sachen Bahnhofshygiene zwischendurch schon mal geglaubt hatte, „einen Pudding an die Wand nageln“ zu müssen, um etwas zu erreichen, er spricht heute staatsmännisch von einer „politischen Entscheidung“ für Tutzing als Halte-Punkt: „Manchmal sind sogar die zielführend.“ Auch der Feldafinger Kollege Sontheim ist voll des Lobes und hebt in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Tourismusverbandes die Bedeutung des neuen ICE-Haltepunkts Tutzing für die gesamte Region hervor: „Das hat einen Riesenwert für die gesamte Gegend hier, denn endlich steht auch für uns die ganze Welt offen.“ Es sei aber doch keine politische, sondern eine pragmatische Entscheidung gewesen, frotzelt Sontheim seinen Freund Wanner: „Sonst hätte nämlich Feldafing den ICE-Halt bekommen!“ Der Vertreter des Bayerischen Landesverbandes von „Pro Bahn“, Matthias Wiegner, äußert sich ebenfalls sehr anerkennend über die Deutsche Bahn: „Was den Ausbau des Fernverkehrs betrifft, geht sie hier in Vorleistung“. Nun sei der Bahn-Kunde gefragt, das entsprechend zu würdigen, so Wiegner. Dann ist es endlich so weit: Ein beträchtlicher Teil der Tutzinger Bevölkerung marschiert samt der Blaskapelle entschlossen nach draußen, zu den weitgehend schneefreien Gleisen. Der ICE 527 „Wetterstein“ hat mittlerweile gut 20 Minuten Verspätung, aber dann ist er plötzlich da, schiebt sich den Bahnsteig entlang sachte vor bis auf Höhe der entfesselt aufspielenden Blechmusiker. Die Fahrgäste hinter den getönten Scheiben sehen auf dem Weg in die Alpen in diesem Moment womöglich die ersten echten Lederhosen ihres Lebens. Der Zugführer winkt, eine Tutzingerin winkt mit einem „Tutzing“-Fähnchen patriotisch zurück. Die sturmfesten Traubinger blasen wacker gegen den Wind an, die vorderste Zugtür gleitet auf. Guntram Nehls und einige Einheimische gehen zur „umstiegsfreien“ Jungferndirektfahrt Dortmund-Tutzing-Oberau-Garmisch an Bord, ebenfalls einige Geschenk-Packerl der Tutzinger fürs Zug-Personal. Noch ein historisches Foto vom Einstieg ins neue ICE-Zeitalter, dann schließt sich die Tür wieder. Der aerodynamisch-schlanke „Wetterstein“ fährt nach nur zwei Minuten Zwischenstopp und unter Zurücklassung mehrerer zufriedener Kommunalpolitiker davon, südwärts und irgendwie auch in eine goldene Tutzinger Zukunft: Eines Tages wird sogar ein ICE den Namen der Gemeinde tragen – das hat Tutzing „Don Camillos“ Dorf Brescello immerhin voraus.

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