Das Idyll Weßling und der Bahnhof

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Weßling – Anders als in in den Gemeinden Gilching, Hechendorf und Steinebach, wo historischen Bahnhöfen saniert und zu kulturellen Treffpunkten umgebaut wurden und werden, ist die Zukunft des Bahnhofgebäudes in Weßling ungewiss. Derzeit wird die Wartehalle als Kleider- und Möbelkammer für Asylbewerber und das Nebengebäude als Bücherei genutzt.

Die Eröffnung der Bahnstrecke Pasing-Herrsching am 1. Juli 1903 hatte auch im idyllisch gelegenen Weßling touristische Auswirkungen. Erholungshungrige Münchner stürmten an schönen Wochenenden zu Tausenden an den Weßlinger See, um dort ihrem Bade- und Picknickvergnügen nachzugehen. Interessant liest sich einen Reisebericht eines Reporters, der sich kurz vor Eröffnung der Strecke als blinder Passagier auf einen Bauarbeiterzug geschlichen hatte. Seine enthusiastische Fahrtschilderung vermittelt einen Eindruck, wie die Menschen damals eine Reise mit der neuen Ausflugsbahn erlebten: „… bald sausen wir vorüber an Oberpfaffenhofen und – hier liegt das Idyll Weßling! Wahrhaftig wir kommen in eine herrliche Gegend. Wie rein und sauber hier die Häuser sind, dazwischen die stilvollen Villen einiger Münchener Patrizier… So nahe die Hauptstadt ein so niedlicher See mit mildem Badewasser muss eine Zukunft haben. Weßling hat Talente zu einem Miniatur-Ostende!“ (Anm. der Red.: Die Hafenstadt Ostende an der belgischen Nordseeküste war schon Anfang des 20. Jahrhunderts Ziel gut betuchter Erholungssuchender.) 

Der Kelch, ein berühmtes Seebad mit internationaler Bedeutung zu werden, ging an Weßling vorbei. Gleichwohl die zunehmenden Badegäste ausreichten, dem See den Sauerstoff zu entziehen. Der Gemeinde blieb nichts anderes übrig, als 1978 mitten im See eine Belüftungsanlage zu installieren. Positiv empfanden die Weßlinger, dass sich mit der Bahn auch die ärztliche Versorgung verbesserte. Um 1900 herum gab es weder in Gilching noch in Weßling einen Arzt. Patienten mussten per Fuhrwerk oder Postkutsche bis nach Seefeld fahren, um dort im einzigen Krankenhaus in der Region behandelt zu werden. Fortan aber bestand die Möglichkeit, per Zug nach Seefeld, aber auch nach München zu fahren, um dort Ärzte und Krankenhäuser aufzusuchen. Ein blinder Passagier sorgte in den 1950er Jahren für Aufmerksamkeit. Stieg doch in Weßling regelmäßig ein scheinbar herrenloser Hund aus dem Zug. Der Hintergrund der Geschichte: Ein pensionierter Eisenbahner aus Weßling fuhr in den Sommermonaten in Begleitung seines Vierbeiners mit seinem pferdebespannten Wägelchen zur Gras- und Heuernte nach Weichselbaum. „Scheinbar hat es dem Hund zu lange gedauert, bis das Herrchen wieder zurückfuhr. So lief er zur nahe gelegenen Station Weichselbaum und für mit dem Zug zurück nach Weßling“, erzählt Robert Bobb in seiner Chronik „100 Jahre Bahnstrecke…“. pop

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