Früher ein Novum, heute etabliert

30 Jahre Gleichstellung im Landkreis Starnberg: "An die Nerven und auf die Nerven gehen"

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Ein Prosit auf 30 Jahre Gleichstellung im Fünfseenland: (v.l.) Ministerialrätin Dr. Christine Nichler-Leibl, die Präsidentin des Bayerischen Landfrauenrats, Hildegund Rüger, Gastgeberin Sophie von Wiedersperg und Landrat Karl Roth bei der Feierstunde im Gilchinger Rathaus.

Gilching – 1988 ernannte Landrat Rudolf Widmann die Juristin Rose Schaffrath auf Drängen der Kreisunionsfrauen (einem überparteilichen Zusammenschluss engagierter Frauen) zur ersten Frauenbeauftragten des Landkreises. In seinen Augen eher eine Nebentätigkeit, die Schaffrath ehrenamtlich ausführte. „Damals bestand die Tätigkeit hauptsächlich aus Einzelberatung in Trennungs- und Scheidungsfällen. Die Arbeit wurde eher belächelt“, erklärte die heutige Gleichstellungsbeauftragte Sophie von Wiedersperg am Donnerstagabend bei der Jubiläumsfeier im Gilchinger Rathaus.

Unter den zahlreichen Gästen tummelten sich neben Landrat Karl Roth Gilchings Bürgermeister Manfred Walter, der Behindertenbeauftragte des Landkreises, Maximilian Mayer, sowie Mitglieder des Zonta Clubs, der Wirtschaftsförderung gwt Starnberg, des Kinderschutzbundes und viele weitere. Neben Powerpointpräsentationen zur Entwicklung der Gleichstellung gab es zahlreiche Flyer zu Hilfsangeboten und Einrichtungen. Außerdem wurden künstlerische Beiträge zum Thema „Geschlechtergerechte“ von Lisa Fitz gezeigt. Für musikalische Untermalung sorgte die Bürgermeister „Dr. SchiWaGu Band“.

In seiner Begrüßungsrede hob Roth neben den anderen Gästen unter anderem Karla Duba hervor, die 1987 als erste Beauftragte für Frauen und Kinder bei der Polizei in Bayern für den Regierungsbezirk Oberbayern zuständig war. „Wir waren gemeinsam sittenmäßig oft unterwegs“, scherzte der Landrat. „Elf Jahre lang haben wir Tür an Tür gearbeitet“, erzählte wiederum die 81-Jährige.

Heute, nach 30 Jahren, hat sich die Gleichstellungsstelle im Landratsamt mehr als etabliert. Inzwischen darf die Gleichstellungsbeauftragte auch nach innen tätig werden und wichtige Entscheidungen im Haus mit bestimmen. Der Türöffner dafür war der damalige Landrat Heinrich Frey, der 1996 die Verwaltungsmodernisierung in Angriff nahm und die zweite Gleichstellungsbeauftragte Johanna Demler-Gewehr mit einbezog.

Das Arbeitsfeld einer Gleichstellungsbeauftragten ist heute vielschichtig

Im Jahr 2004 wurde Elfirede März ihre Nachfolgerin und seit 2006 ist Sophie von Wiedersperg in ihrer Rolle als vierte Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises tätig. Ihre Karriere im Landratsamt beginnt jedoch schon viel früher: 1990 holt Schaffrath sie als sozialpädagogische Hilfe bei Einzelberatungen und macht sie zur stellvertretenden Frauenbeauftragten. Ihre Tätigkeit beschreibt die Gleichstellungsbeauftragte heute so: „An die Nerven und auf die Nerven gehen“. Wiedersperg schaut dankbar auf ihre Vorgängerinnen zurück: „Das erste wichtige Gremium wurde von Demler-Gewehr ins Leben gerufen. Vor 25 Jahren wurde der Arbeitskreis Fraueninteressen gegründet und besteht heute immer noch.“ Inzwischen wird aus jeder Kreistagsfraktion eine Frau in den Arbeitskreis entsandt. Durch den Kontakt von Fachfrauen und der Lokalpolitik ist es ein „wahnsinnig wichtiges Gremium“, wie Wiedersperg betont.

Ließ die Geschichte der Gleichstellung im Landkreis Revue passieren: Sophie von Wiedersperg.

„Gewalt kommt nicht in die Tüte“ und die Notrufkarte

Das zweite wichtige Gremium ist der runde Tisch gegen häusliche Gewalt. „In diesem Arbeitskreis haben wir schon viel bewegt. Zum Beispiel haben wir eine Notrufkarte in Form einer Visitenkarte erarbeitet. So was alleine auf die Beine zu stellen: Schwer. Zusammen: Gut möglich“, freute sich die Gleichstellungsbeauftragte. Außerdem wurden in Kooperation mit fast 20 Bäckereien Tüten mit der Aufschrift „Gewalt kommt nicht in die Tüte“ und der Notrufkarte entworfen. Insgesamt arbeiten über 50 Prozent Frauen im Landratsamt, mit denen „nur gute Erfahrungen gemacht“ wurden, wie Roth betonte. Wiedersperg bedankte sich für die hervorragende Zusammenarbeit mit dem Landrat und seine tatkräftige Unterstützung. Zum Beispiel wurde im Landratsamt die Ausstellung „Was sehen Si, Frau Lot“, die sich mit sexueller Gewalt befasst, gezeigt, was nicht nur positive Rückmeldung gab. „Ich kenne kein anderes Landratsamt im Umfeld, das den Mut hatte diese Ausstellung zu zeigen“, lobte Wiedersperg.

"Müssen aufhören Frauen als Opfer und Männer als Täter zu betrachten"

„Diese 30 Jahre waren nur möglich, weil gut kooperiert wurde und wir viele Netzwerkpartnerinnen mit offenem Ohr und tätigen Händen hatten“, bedankte sich die amtierende Leiterin. „Wir haben schon viel erreicht trotzdem müssen wir noch mehr gemeinsame Aktionen zu teils auch unangenehmen Themen machen.“ So fordert Wiedersperg zum Beispiel eine Fachberatungsstelle für sexuellen Missbrauch an Kindern. Auch Dr. Christiane Nischler-Leibl, Leiterin der Abteilung Frauenpolitik, Gleichstellung und Prävention im bayerischen Staatsministerium, sieht noch einige Missstände: „Wir dürfen Familienarbeit nicht mehr mit Frauenarbeit identifizieren. Außerdem müssen wir aufhören Frauen als Opfer und Männer als Täter zu betrachten.“ 

"Schade, dass es uns noch gibt"

Um weitere Fortschritte in der Gleichstellung zu erzielen, wurden im bayerischen Staatsministerium neue Referate wie „Politik für Frauen“, eine Landeskoordinierungsstelle für häusliche Gewalt und Referate mit dem Schwerpunkt Gewaltprävention etabliert. Insgesamt wurden 16 Millionen Euro mehr an neuen Fördermitteln für den Bereich erzielt. „Der Weg bis zur rechtlichen Gleichstellung war lang und steinig. 75 Prozent der Angestellten im öffentlichen Dienst sind weiblich und die Zahl des weiblichen Geschlechts in Führungspositionen hat sich mit 37 Prozent schon verdoppelt, trotzdem ist das Ziel noch lange nicht erreicht“, sagte Nischler-Leibl. Hildegund Rüger, die Präsidentin des bayerischen Landesfrauenrats – der die Frauen in Bayern schon über 46 Jahren in ihrer Entwicklung begleitet – sieht noch einen langen Weg bis zur Gleichstellung der Frau: „An dieser Stelle muss ich sagen: Schade, dass es uns noch gibt. Das zeigt nur, dass wir noch weit von der vollständigen Gleichstellung entfernt sind.“ In der Weimarer Republik waren vor 100 Jahren nur neun Prozent Frauen im Parlament vertreten. Die Zahl ist mit gegenwärtigen 31,2 Prozent schon deutlich angestiegen. „Die paritätische Besetzung haben wir auch nach einem Jahrhundert nicht erreicht. Ich hoffe, es dauert nicht noch ein Jahrhundert“, sagte die Präsidentin in ihrer Abschlussrede.

Sie fordert, dass Mädchen und Frauen nicht mehr in alte Rollenschubladen gesteckt werden, denn das habe Auswirkung auf die eigene Selbstwahrnehmung und auf die Leistung. „Statt Topmodels brauchen wir tatsächliche Vorbilder in den Medien“, fordert Rüger. So seien die weiblichen Trickfiguren und Frauen in Musikvideos immer noch stark sexualisiert. „Die Ziele müssen es sein, eine tatsächliche Verwirklichung der Gleichstellung zu schaffen und die Rolle der Frau zu verbessern“, beschreibt es die Präsidentin. Ihre Rede schließt Rüger mit den Worten der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm: „Glaube nicht, es muss so sein, weil es so ist und immer so war. Unmöglichkeiten sind Ausflüchte steriler Gehirne.“

Von Lisa Livancic

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