Kerzen statt Feuerwerksraketen

Keine Böller zu Silvester: Über 150 Menschen folgten Ruf von Weßlinger Kulturgruppe

+
Fröhlich wurde in Weßling das neue Jahr begrüßt - auch ohne Raketen und Böller.

Weßling – Der Ruf nach einem Verbot gegen Feuerwerk klang zum Jahreswechsel lauter als je zuvor. Weil die Böller in wenigen Stunden 5000 Tonnen Feinstaub produzieren. Dieser führt zu Atembeschwerden – und die Knallerei bringt verdrängte Kriegserinnerungen zurück. Ulrike Roos vom Weßlinger Helferkreis Asyl wollte kein Verbot, sondern mit einer Demo an die Vernunft der Menschen appellieren.

Bei Bürgermeister Michael Muther habe sie mit der Anmeldung offene Türen eingerannt, freute sie sich gegenüber unserer Zeitung. Gut 150 Menschen folgten dem Ruf der Kulturgruppe vom Helferkreis und wollten unter dem Motto "Kerzen statt Feuerwerksraketen" den herzförmigen Weßlinger See zum Leuchten bringen. Im Vorfeld klebten Hawa (18), Sara (9) und Zabiullah (19) im Seehäusel rotes, grünes und blaues Transparentpapier auf Marmeladengläser, stellen eine Kerze hinein und zogen damit zum Kiosk am See. Amir (4) drückten sie auch eine Leuchte in die Hand. Er wollte vorher nicht basteln, sondern lieber malen. Jetzt wärmte ihm das Licht die kleinen Finger und er beobachtet mit großen Augen, wie die Instrumentalisten von Weßlings Blaskapelle die Musikständer aufbauten und die Instrumente positionierten. Zu den Klängen schwangen die Bürger erst im Takt ihre Laternen und am Ende ausgelassen ihr Tanzbein.

Eine schöne Idee
 Unter ihnen Ralf Lauer mit den Töchtern Sophia (9) und Isabell (7), die aus Wörthsee hergekommen waren. Sie würden Silvester vermutlich verschlafen, gestand der Wörthseer. "Lieber gehen wir morgen früh an die frische Luft – wenn sie denn noch frisch ist", relativierte er. "Die Demonstration ist eine schöne Idee, die wir unterstützen möchten", sagte Birgit Fiedler (46). Die Stockdorferin hatte über die Aktion in unserer Zeitung gelesen, sich ihre Tochter Lea (17) und deren Freundin Sophia Bienert (17) geschnappt und war nach Weßling gefahren. "Die Böller produzieren viel zu viel Schwefel und Dreck", lehnte die 46-Jährige die Knallerei zur Jahreswende ab. Lea fand die Böller "einfach unnötig" – und kurz darauf ging im Dorf die erste Rakete hoch und ein Schwefelgeruch zog über den See bis zu den Protestierenden. Wolfgang Waechter von der Blasmusik bevorzugte ein zentral "schön orchestriertes Feuerwerk", statt dass "jeder blind sein Zeug raushaut". Daraufhin begeisterten die Bläser die großen und kleinen Demonstranten mit "Smoke on the water", luden später mit einem "Tschtschatscha" zum Tanz und erspielten sich ein anhaltendes "Zu-ga-be". 

Ans Trauma erinnert

Vom Krabbelkind bis zum Erwachsenen drehten sich die Zuhörer zur Musik. Eine 90-Jährige betrachtete das fröhliche Treiben wohlwollend. Sie hatte ihren Rollator von Oberpfaffenhofen zum Kiosk geschoben, die Aktion sei ihr ein echtes Anliegen. Sie war im Zweiten Weltkrieg aufgewachsen; die Knallerei löste in ihr Bilder von Bomben und Zerstörung aus. Kriegsvertriebene würden da auch an ihr Trauma erinnert, vermutete sie in Gedanken an die Geflüchteten. Margit und Manfred Schöffel motivierte drei Dinge: Das gesellige Miteinander, das Engagement der Helfer würdigen und die Alternative zu Raketen unterstützen. Und noch etwas: "Mir sind hier dahoam", fassten die Ü60iger aus Oberpfaffenhofen das unbeschwerte Beisammensein im Kerzenlicht zusammen, bevor das Paar sich mit den anderen auf den Weg um den See machte. Eine Kette um den ganzen See kam nicht zustande, dafür war die Veranstaltung ein nachhaltiges Signal an die Menschheit, dass auch viele kleine Lichter ein großartiges Feuerwerk sein können.

Von Michele Kirner

Auch interessant

Meistgelesen

DLRG und THW aus dem Landkreis in bayerisches Katastrophengebiet gefahren
DLRG und THW aus dem Landkreis in bayerisches Katastrophengebiet gefahren
THW und DLRG mit mehreren hundert Einsatzkräften in den bayerischen Katastrophengebieten im Einsatz
THW und DLRG mit mehreren hundert Einsatzkräften in den bayerischen Katastrophengebieten im Einsatz
Morgen Schulausfall im Landkreis Starnberg
Morgen Schulausfall im Landkreis Starnberg
Gautinger Bürgerbus muss wegen Schneechaos eingestellt werden
Gautinger Bürgerbus muss wegen Schneechaos eingestellt werden

Kommentare