„Impfen, impfen, impfen“

Landkreis Starnberg zündet den Impfturbo – Landrat Frey: „Kein Grund AstraZeneca abzulehnen“

Impftag
+
1.930 Impfungen wurden beim großen Aktionstag im Starnberger Landratsamt verabreicht. Hauptsächlich kam das Biontech-Vakzin zum Einsatz, Hausärzte sollen vornehmlich mit AstraZeneca impfen. Davon gibt es im Landkreis derzeit mehr als genug.
  • vonFlorian Ladurner
    schließen

Landkreis - „Es ist der einzige Ausweg aus dem Dilemma“. Mit diesen Worten rührte Landrat Stefan Frey am vergangenen Freitag die Werbetrommel für die groß angelegte Impfaktion im Starnberger Landratsamt, die tags danach über die Bühne ging. In rund zehn Stunden wurden 1.930 Impfungen vorgenommen. Nach dem schleppenden Impfstart drückt das bayerische Gesundheitsministerium nun auf die Tube. Das spüren auch die Landkreise. „Die Impfgeschwindigkeit hat sich deutlich erhöht [...] in den kommenden Wochen wollen wir die Impfgeschwindigkeit noch weiter erhöhen“, sagte unlängst Gesundheitsminister Klaus Holetschek. Um mit dem vom Ministerium vorgegebenen Takt mithalten zu können, hat Landrat Frey das Motto „Impfen, impfen, impfen“ ausgegeben. Helfen soll hierbei vor allem das Vakzin von AstraZeneca. Dies steht aber schon seit längerem in der Kritik.

Der Impftag im Starnberger Landratsamt war ein logistischer Kraftakt. Knapp eine Woche hatte das BRK Starnberg - als Betreiber der örtlichen Impfzentren - Zeit einen organisatorischen Rahmen für die Sonderaktion vorzubereiten. Der Freistaat Bayern hatte nämlich seinen Vorrat an gehorteten Impfdosen aufgelöst und diese ohne großen zeitlichen Vorlauf an die bayerischen Landkreise, darunter auch Starnberg, weitergereicht.

Mehr als 10.000 Dosen des Vakzins von AstraZeneca wurden letzte Woche angeliefert. Ebenso rund 6700 Fläschchen aus dem Hause Pfitzer/Biontech. Diese Woche erwartet das Landratsamt nochmal 3000 neue Impfdosen. „Wir kommen damit einen Schlag voran“, freut sich Frey.

Doch bei all der Euphorie ist das Thema „Impfen“ eine heikle Sache. Das liegt zum einen daran, dass die bereitgestellten Impfangebote in der Bevölkerung nicht den reißenden Absatz finden, wie erhofft. Meist muss das BRK Starnberg den ersten Schritt unternehmen und sich bei den Personen melden, die gemäß Impfverordnung eine Immunisierung gegen das Coronavirus aktuell in Anspruch nehmen dürfen.

Zum anderen schwindet das Vertrauen der Bevölkerung in den AstraZeneca Impfstoff zusehens. Aufgrund mehrerer Fälle von Hirnvenenthrombosen bei Patienten, denen der AstraZeneca-Impfstoff verabreicht wurde, zogen einige EU-Länder, darunter auch Deutschland, das Vakzin kurzzeitig aus dem Verkehr. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) bewertete nach eingehender Prüfung das Serum zwar als unbedenklich. Die Ständige Impfkommision (STIKO) schränkte allerdings die Verwendung ein. Das Vakzin von AstraZeneca soll nur an Personen über 60 Jahre verimpft werden, jüngere Generationen erhalten dieses nur auf eigenes Risko. Der Erhalt der 10.000 AstraZeneca Imfpdosen ist für den Landkreis Starnberg dementsprechend ein zweischneidiges Schwert.

Seit Beginn dieser Woche wird das britisch-schwedische Vakzin vorrangig von Hausärzten verimpft. Beim großen Imftag im Landratsamt wurden gerade einmal 215 Dosen von AstraZeneca ausgegeben. 1.715 mal wurde hingegen das Serum von Pfizer/Biontech verabreicht, das allerdings auch weniger lang lagerfähig ist als jenes aus dem Vereinigten Königreich.

Wer allerdings glaubt, dass mit einem Mehrangebot an Impfstoff die Wahlmöglichkeiten steigen, der irrt. Wer ein Impfangebot bekommen hat, sich aber nicht mit AstraZeneca gegen das Coronavirus immunisieren lassen möchte, der hat momentan kaum Chancen ein Vakzin eines anderen Herstellers verabreicht zu bekommen. „Es gibt keinen Grund AstraZeneca abzulehnen“, betont Landrat Stefan Frey. Das britisch-schwedische Serum biete einen rascheren Impfschutz als beispielsweise jenes Vakzin der Firma Pfizer/Biontech.

„Die Sachen, die wir machen sind sicher“, erklärt Markus Möbius, der mit der Projektorganisation der BRK-Impfzentren im Landkreis betraut ist. Möbius wie auch sein Kollege Roland Schwankhart wollen verunsicherten Bürgern ein wenig die Angst vor dem AstraZeneca Impfstoff nehmen. Personen, die für eine Immunisierung mit AstraZeneca vorgesehen sind, diese aber ablehnen, müssen sich darauf einstellen länger auf ein weiteres Impfangebot zu warten, gibt Landrat Frey klar zu verstehen. Ein wenig Hoffnung auf mehr Flexibilität machte unlängst Ministerpräsident Markus Söder.

Söder, der derzeit in Berlin einen parteilichen Machtkampf mit der großen Schwester CDU um die Kanzlerkandidatur ausficht, will im Freistaat auch bald einen russischen Impfstoff ausgeben. Dafür hat der Ministerpräsident sich mittels eines Vorvertrages über zwei Millionen Dosen des Impfstoffs „Sputnik V“ gesichert. Diesbezüglich kommt natürlich die Frage auf, ob der Landkreis auch in den Genuß dieses Vakzins kommt. Auf Nachfrage des Kreisboten erwiderte Frey, dass dies ein Thema der „großen Politik“ sei. Im Landkreis verfolgt man derzeit das Credo „Alles was kommt, soll verimpft werden“.

In Sachen Verwertung machen die Verantwortlichen allerdings klar, dass jede Dose, die den Landkreis erreicht, auch verwendet wird. Medien hatte am Wochenende berichtet, dass in anderen Regionen der Bundesrepublik immer wieder Fälle auftreten, wo unbenutzte Impfdosen im Müll landen. Derartige Vorfälle gibt es im Landkreis Starnberg nicht und wird es auch nicht geben, macht das BRK Starnberg deutlich, „Es wurde noch nie etwas weggeschmissen“, heißt es von Seiten der Impfzentren-Organisation. Wie unterschiedlich das Thema Impfen in der Bevölkerung aufgenommen wird, zeigen jüngst Hassbriefe und Droh-Mails, welche die Münchner Schauspielerin Uschi Glas erreichten.

Der Fernsehstar ist eines von zahlreichen prominenten Gesichtern, die sich für die vom Bundesgesundheitsministerium initiierte Aktion #Ärmel hoch engagieren. Ob der Impfturbo in Bayern und den Landkreisen wie erhofft zündet, wird sich erst in einigen Wochen herausstellen. Bis dahin bleibt nur das Prinzip Hoffnung.

Florian Ladurner

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Zunehmender LKW-Verkehr: Waldspielplatz-Anwohner gehen auf die Barrikaden - Janik verspricht Lösung
Zunehmender LKW-Verkehr: Waldspielplatz-Anwohner gehen auf die Barrikaden - Janik verspricht Lösung
Erster Verkehrsunfall am neuen Starnberger „Durchstich“
Erster Verkehrsunfall am neuen Starnberger „Durchstich“
Digitale Diagnose, gezielte Behandlung in der PhysioSTA in Starnberg 
Digitale Diagnose, gezielte Behandlung in der PhysioSTA in Starnberg 

Kommentare