Zweitschnellste wird Erste

Lilly Reik aus Weßling triumphiert beim Kultrennen am Arlberg

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Platz eins: Lilly Reik hat am Ostersonntag alle abgehängt.

Weßling – Skirennen ist nicht wirklich Lilly Reiks (22) Steckenpferd. Höchstens beim Weßlinger Skirennen fährt sie mit. Allerdings meistens ziemlich erfolgreich. Vor drei Jahren beschloss sie, mit mehreren hundert anderen Wintersportlern gleichzeitig in St. Anton den 2.665 Meter hohen Vallugagrat hinunterzurasen. Vor einem Jahr war sie am alpinen Skirennen „Der Weiße Rausch“ die zweitschnellste Frau – und am Ostersonntag überholte sie auf den letzten Metern ihre Konkurrentin und bestieg als schnellste weibliche Teilnehmerin das Siegerpodest.

Ein „unglaubliches Gefühl“ sei das gewesen, erzählt die 22-Jährige. „Ich fahre ja nicht so häufig Rennen“, sagt sie. Vielmehr sei sie Freeriderin, Skitourengeherin. In dieser Saison stand sie an 50 Tagen auf den Skiern. Unter anderem am Arlberg, wo sie seit ihrer Kindheit Ski fährt und den sie wie ihre Westentasche kennt. 

Seit ihrem Geburtsjahr werfen sich immer am letzten Tag der Wintersaison hunderte Wilde im Rahmen des Skirennens in den Hang. Seit ihrem 19. Lebensjahr steht auch Lilly Reik mit ihnen am Start. Heuer war sie eine von 555 Mitwirkenden aus Ländern wie Österreich, Frankreich, Deutschland, Schweiz, Neuseeland. Ein Kandidat kam sogar aus Japan. Auf dem Snowboard, Telemarkskiern oder Abfahrtsskiern gaben die Wettbewerber im wahrsten Sinne volle Kante. 

Mit der Startnummer 609 stand die Weßlingerin in ihrem luftigen Skianzug zwischen Teilnehmern in teilweise hautengem Renndress oder lustig verkleideten Spaßfahrern. „Die Älteste war 84 Jahre alt“, staunte sie. Das Durchschnittsalter lag allerdings zwischen 20 und 40 Jahren – und wer den Massenstart auf den ins Netz gestellten Videos verfolgt, versteht, warum das so ist.

Sie fiel geradezu ins Ziel

Am Tag, an dem die Lifte schließen, jagen die Fahrer im Pulk auf eine Verengung zu. Und zwar nicht über platt gewalzte, sondern über buckelige Pisten. Da brennen schon beim Zuschauen die Oberschenkel. 

Der eine oder andere Sturz auf dem ersten Kilometer ist da schon Programm – und wer heil unten ankommt, auf den wartet die nächste Herausforderung in Form eines etwa 200 Meter hohen Buckels. Reik bewältigte den Aufstieg mit geschulterten Skiern. „Die Männer skaten teilweise hoch“, berichtet die Medizinstudentin. Das sei ihr viel zu anstrengend, gesteht sie und stellt nicht ohne Bewunderung fest: „Viele Männer sind ganz schön fit.“ Deshalb landete die Siegerin der Frauen in der Gesamtwertung hinter 55 Männern „nur“ auf Platz 56. 

Fit muss sie aber auch gewesen sein, bedenkt man, dass sie nach dem ersten Hindernis eine sage und schreibe acht Kilometer lange Abfahrt weitgehend in der Hocke abfuhr. Bis zu diesem Zeitpunkt führte die Damenklasse noch Reiks Landsmännin Petra Zeller mit der Startnummer 662 an – die aber vor dem finalen aufgeschütteten Schneeberg die Bindung nicht aufkriegte, sodass sie an ihr vorbeiziehen konnte. 

Nach 12 Minuten und 21,08 Sekunden fiel Lilly Reik geradezu ins Ziel und riss überwältigt ihre Arme hoch. „Das war ein sehr intensives Erlebnis“, beschreibt sie jetzt dieses Gefühl. Unter anderem intensiv, weil sie kurz vor dem Startschuss eine Nanosekunde daran zweifelte, ob sie den Mut aufbringen würde, sich in das steile Gefälle hineinzuwerfen.

Von Michele Kirner

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