Leere Bankkoten, aufgebrauchtes Erspartes

Lockdown - Was nun? Ein Gespräch mit Weßlings Gewerbetreibenden

Gewerbetreibende Weßling
+
Tobias und Alexandra Aenishänslin leiten Weßlings Café am See – „Das Ersparte haben sie bereits aufgebraucht“.

Weßling -  „Lockdown light, harter Lockdown - und jetzt?“: In dem virtuellen Treffen mit 21 Teilnehmern sprachen Weßlings Gewerbetreibende über die wirtschaftlichen Folgen der Maßnahmen. Das Gespräch auf den Weg gebracht hatte der „Wirtschaftskreis Weßling – BDS Gewerbeverband Bayern“. Mit dabei waren neben Landrat Stefan Frey und Wirtschaftsförderer Christoph Winkelkötter die vier verbleibenden Gastronomen – und die kämpfen offensichtlich ums nackte Überleben. Zu ihnen gehört auch Carola Petrone, die ihr Geld mit dem Restaurant Il Plonner und einem Bio-Catering für Schulen verdient. Beeindruckend ruhig, sachlich und souverän moderierte sie durch den Abend. Das Fazit nach zwei Stunden: leere Bankkonten und aufgebrauchtes Erspartes. Oder Mitarbeiter, die ihre Miete nicht mehr bezahlen können.

Wie ist die Lage der Unternehmen?

Die Wortmeldungen klangen teilweise wie Hilferufe. Barbara Stephan, Schneiderin von Braut- und Abendkleidern, berichtete, sie habe bisher noch keine finanziellen Hilfen bekommen, obwohl bei ihr seit einem Jahr die Aufträge ausbleiben. „Alles, was wir erspart haben, ist aufgebraucht“, berichtete Tobias Aenishänslin vom Café am See. Und von den eingegangenen Hilfsgeldern gingen allein 1500 Euro an den Steuerberater, der sie beantragen musste. Das Kurzarbeitergeld für seine Mitarbeiter müsse er fünf Wochen lang vorstrecken. Aus leeren Konten. Aenishänslin wusste von Mitarbeitern, die ihre Miete nicht mehr bezahlen könnten. Das To-Go-Geschäft in seinem Café brummt – und rentiert sich nicht.   

Projektmanager Felix Wittmann wurde deutlich: „Viele Maßnahmen sind nicht mehr nachvollziehbar“, betonte er. „Warum sind Kirchen offen, aber Theater geschlossen?“ Er befürchte, dass sich die Menschen aus Frust radikalisieren würden. „An welche Partei kann ich mich mit meiner Kritik wenden?“, fragte er in die Runde. Außer der AfD positioniere sich keine. Eine Antwort erhielt er nicht.

Täglich verzweifelte Mails

Christoph Winkelkötter, Chef der Wirtschaftsfördergesellschaft gwt, berichtete von täglichen Mails, die ihm verzweifelte Menschen schreiben würden. Er monierte, dass die versprochenen Öffnungskonzepte genauso auf sich warten ließen wie dringend benötigte Hilfen. „Und dass jetzt die Inzidenz 35 die neue 50 ist, führt nur dazu, dass das Vertrauen in die Politik zurückgeht“. Dr. Stephan Hartmann, Betreiber einer Apotheke in Weßling, argumentierte, dass die Politik verantwortungsvoll gehandelt habe. „Man sieht ja, was in anderen Ländern passiert“, warnte er vor einer zu schnellen Lockerung.

Gewerbevereinsvorsitzender Andreas Klarwein fand, dass man bei den niedrigen Inzidenzwerten im Landkreis sukzessive wieder öffnen könnte. Landrat Stefan Frey erinnerte an 90 Prozent belegte Intensivbetten im Landkreis und an die angespannte Lage in den Altenheimen. Ich bin gegen die Negativ-Perspektiven, auch in der Politik“, sagte er. Und: „Ich bin für behutsames Öffnen für Gastronomie und Einzelhandel unter gewissen Bedingungen.“

Wie soll es weiter gehen? 

Christina Mörtl-Diemer schlug ein Frei-Testen mit Antigentests in Unternehmen vor, sollte dort ein positiver Fall eintreten. Damit könnten die finanziellen Verluste durch Quarantäne verhindert werden. Winkelkötter forderte eine bessere Unterstützung der Gewerbetreibenden. Rettungsschirme seien rechtlich schwierig, aber gwt-Aktionen wie „Heimat schenken“ könnten ein Weg sein. Bürgermeister Michael Sturm war offen für eine von der Gemeinde zur Verfügung gestellte Internetplattform, auf der sich Weßlings Gewerbe vorstellen kann. Hilfreich seien auch unkomplizierte Genehmigungen für Projekte, wie beispielsweise verkaufsoffene Sonntage, und mehr Geld für Veranstaltungen und Kultur. „Wir werden aus der Krise gestärkt hervorgehen“, war sich Frey trotz der schwierigen Lage sicher. Tobias Aenishänslin indessen schloss seinen Redebeitrag mit: „Ich bin ganz schön frustriert.“

 Michèle Kirner

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Corona im Landkreis Starnberg: 7-Tages-Inzidenz bei 27,80 - 3.733 Infizierte
Corona im Landkreis Starnberg: 7-Tages-Inzidenz bei 27,80 - 3.733 Infizierte
Öffentliche Diskussion um die Zukunft des „Bayerischen Hof“ in Starnberg nimmt weiter Fahrt auf
Öffentliche Diskussion um die Zukunft des „Bayerischen Hof“ in Starnberg nimmt weiter Fahrt auf
Das neue Wohn- und Geschäftshaus am Gautinger Bahnhof wird „KARLS – das Ortsquartier“ heißen
Das neue Wohn- und Geschäftshaus am Gautinger Bahnhof wird „KARLS – das Ortsquartier“ heißen
„Nie zu spät“ - Weßling wird zur Kulisse für Primetime-Film
„Nie zu spät“ - Weßling wird zur Kulisse für Primetime-Film

Kommentare