Malteser Kriseninterventionsteam

Sie helfen, wenn die Einsatzkräfte weg sind

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Starnberg – Ein gewöhnlicher Freitagnachmittag. Die Sonne scheint, Kinder spielen ausgelassen auf dem Gehsteig. Plötzlich geht alles ganz schnell.

Der Fahrer des anrollenden LKW kann dem Siebenjährigen nicht mehr ausweichen. Er verstirbt noch am Unfallort. Zurück bleiben der LKW-Fahrer, die Augenzeugen und nicht zuletzt die Angehörigen des Jungen, die noch nichts von dem tragischen Unglück wissen. In dieser Situation helfen Kriseninterventionsteams. Sie kommen, wenn die Einsatzkräfte weg sind. Im Falle des tragischen Unfalls des siebenjährigen Jungen wurde das Kriseninterventionsteam der Malteser in Starnberg gerufen. Sie betreuten die Anwesenden vor Ort und begleiteten die Polizisten zu den Eltern, um die Todesnachricht zu überbringen. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter betreuten die Eltern des Jungen über sieben Stunden lang, unterstützten sie mithilfe von Bewältigungsstrategien und begleiteten sie letztendlich dabei, von ihrem Sohn Abschied zu nehmen. Plötzlicher Kindstod, Suizid, erfolglose Reanimation. Aber auch Großeinsätze bei Bränden, Unfällen, Gewalttaten, Amokläufen: Das Kriseninterventionsteam kommt zum Einsatz, wenn Polizei, Rettungsdienst und Notärzte schon weg sind. Sie nehmen sich Zeit für die Betroffenen, beantworten Fragen, oder schweigen einfach mit ihnen. Sie helfen, die Situation zu begreifen, den Schmerz auszuhalten, den Schock zu lindern und Handlungen zu ermöglichen. Einer dieser Ehrenamtlichen ist Thomas Vötterl. Seit einem Jahr leitet er das Kriseninterventionsteam der Malteser in Starnberg. Damit ist der 45-Jährige der Kopf eines insgesamt sechs Mann starken Teams mit demnächst vier Hospitanten des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK). Im Laufe des Jahres 2015 ist eine Kooperation zwischen beiden Organisationen in der Krisenintervention geplant. Vötterl arbeitet unter der Woche von 8 bis 17 Uhr als Raumausstatter-Meister im elterlichen Betrieb. Kommt es währenddessen zu einem Einsatz, verlässt er seinen Arbeitsplatz – in der Regel für zweieinhalb bis drei Stunden. Die verpasste Arbeitszeit holt er am Abend nach. Auch an den Wochenenden bestehen Bereitschaftsdienste nach Dienstplan. Das Kriseninterventionsteam der Malteser Starnberg-Weilheim bestreitet etwa 100 Einsätze im Jahr – ehrenamtlich und für die Betroffenen komplett kostenfrei. Das Team wird zu Einsätzen gerufen, bei denen Menschen in psychische Ausnahmesituationen geraten. Sie unterstützen die Polizei unter anderem bei der Überbringung von Todesnachrichten. Dabei geben die Ehrenamtlichen den Angehörigen in erster Linie das Gefühl, nicht allein zu sein. Sie entschleunigen die Situation und klären die Betroffenen ruhig und ehrlich über die äußeren Umstände auf. Denn im ersten Moment wollen Angehörige nicht wahr haben, dass es sich um ihren geliebten Menschen handelt. Sie brauchen Zeit, um die neue Situation zu verstehen und zu begreifen. Das Team der Krisenintervention beantwortet Fragen und versucht, die Angst vor der kommenden Ungewissheit zu mildern: Was kommt in den nächsten Stunden und Tagen auf mich zu? Wen muss ich verständigen? Wie wird die Beerdigung organisiert? An wen kann ich mich wenden? Detailliert besprechen Kriseninterventionshelfer mit den Betroffenen das weitere Vorgehen, informieren gegebenenfalls die Familie und klären über mögliche Reaktionen auf. Gemeinsam mit den Angehörigen erstellen sie eine Art Konzept. Infomaterial mit Kontaktadressen und Telefonnummern vermittelt darüber hinaus Hilfe für spätere Zeitpunkte. Laut Thomas Vötterl sind seine Klienten, wie er sie nennt, in Ausnahmesituationen über jede Unterstützung dankbar: „Ich bin immer wieder überrascht, wie schnell Klienten Vertrauen fassen und ihre Nöte und Ängste mit uns teilen. Damit ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden kann, ist es besonders wichtig, ehrliche Antworten zu geben – so schlimm das im ersten Moment auch immer wieder ist.“ Thomas Vötterl kam 2010 durch eine Empfehlung der First Responder Feldafing zu den Maltesern. Seit über 25 Jahren ist er Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Söcking: „Durch meine lange Einsatzerfahrung wurde mir bewusst, dass immer wieder körperlich Unverletzte, Zeugen und Angehörige mit ihren Nöten, Fragen und Sorgen alleine zurück blieben“, so Vötterl. Er absolvierte diverse Zusatzausbildungen. 2011 wurde er Kriseninterventionshelfer, 2012 folgte die Zertifizierung. Seit diesem Jahr leitet er das Kriseninterventionsteam der Malteser der Kreisgliederung Starnberg-Weilheim. „Die schwierigsten Ereignisse unserer Arbeit sind jene, bei denen Kinder schwer verletzt werden oder sterben“, sagt Thomas Vötterl. Mit jedem Einsatz steht auch das Team der Krisenintervention erneut vor einer Extremsituation. Um dieser gewachsen zu sein und sie im Nachhinein besser verarbeiten zu können, gehen Teammitglieder nach Möglichkeit mindestens zu zweit in einen Einsatz. Nach den Betreuungen führen sie untereinander Gespräche und arbeiten das Erlebte gemeinsam auf. Zudem haben sie die Möglichkeit, mit einem Psychologen in einer regelmäßigen Supervision, über vergangene Ereignisse zu sprechen. Trotzdem bleiben die Bilder mancher Situationen für immer im Gedächtnis – auch wenn man noch so viel Erfahrung hat. Das Kriseninterventionsteam ist permanent auf der Suche nach ehrenamtlichen Helfern mit Interesse an einer Ausbildung zum Kriseninterventionshelfer. Wichtig ist, dass sie das 27. Lebensjahr bereits vollendet haben und „mit beiden Beinen im Leben stehen“. Da der Dienst für die Betroffenen kostenfrei ist und die Kosten für Einsatzfahrzeug, Kleidung, Supervision, Aus- und Fortbildungen über den Malteser Hilfsdienst abgedeckt werden, sind die Malteser zudem auf Spenden angewiesen. Spendenkonto: Malteser HilfsdienstPAX Bank MHDIBAN: DE62370601201201202180 BIC: GENODED1PA7 Verwendungszweck: KIT

kb

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