Einblick in eine gebeutelte Branche

„Meine Arbeit und Einsatz in der Krise wird nun mehr wertgeschätzt“ - Reisebüroinhaberin Annette Selmer aus Weßling berichtet im Gespräch über den Arbeitsalltag in Pandemiezeiten und die positiven Seiten der Krise

Annette Selmerer
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Die Weßlingerin Annette Selmerer hofft, dass sich die Reisebuchungsbranche von der Corona-Pandemie baldmöglichst erholt und wieder ein Stück Normalität eintritt.

Weßling -  Annette Selmer (52) hat vor 24 Jahren die Berufung zum Beruf gemacht, als sie das Reisebüro in Weßling eröffnete. Es lief gut – und dann kam Corona und die Familie lebt seit Anfang März von 450-Euro-Jobs und vom Ersparten. Die Buchungen blieben aus, stattdessen war und ist sie mit Buchungsstornos beschäftigt. Für 19 Euro ein Wochenende nach Mallorca zu fliegen, gehört in den Augen der Weßlingerin der Vergangenheit an. Generell glaubt sie, dass die Flüge teurer werden. Grundsätzlich fördert das Reisen die Völkerverständigung, sagt sie und ist zuversichtlich, dass die Deutschen nach der Krise wie gehabt in andere Länder fahren.

Kreisbote: Die Reisebüros litten bereits vor dem ersten Lockdown und bis heute unter den Folgen des Virus. Wie machte sich die Krise bei Ihnen bemerkbar?

 Annette Selmer: Ab Anfang März buchte niemand mehr bei uns und es hagelte Stornierungen. Mein Mann arbeitet ebenfalls im Reisebüro und somit brach für unsere Familie von einem Tag auf den anderen die einzige Einnahmequelle weg. Obenauf mussten wir Provisionen an Veranstalter zurückbezahlen. Einen Hoffnungsschimmer gab es von Juli bis Mitte August, als die Leute verstärkt buchten. Ich erklärte meinen Kunden, dass ein entspannter Urlaub unter Coronaregeln durchaus möglich ist und so war es dann auch. Aber dann stiegen die Fallzahlen und es wurde wieder ruhig bei uns und Reisen wurden wieder storniert. Die gut verkauften Kreuzfahrten liegen seit neun Monaten komplett brach. Und das Weihnachtsgeschäft ist ebenfalls ausgefallen.

Kreisbote: Von den Einnahmen ihres Reisebüros ist ihre dreiköpfige Familie abhängig. Wie halten Sie sich über Wasser?

 Annette Selmer: Wir haben beim Staat Hilfen beantragt. Die decken allerdings lediglich einen Teil der Fixkosten. Als Solo-Selbständige haben wir keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld und wir müssen aus eigener Kraft für unsere laufenden Kosten wie Wohnungsmiete oder Lebensmittel aufkommen. Hinzu kommt, dass wir vielleicht einen Teil der Hilfen zurückzahlen müssen. Derzeit halten wir uns mit 450-Euro-Jobs, die im Dezember ausgelaufen sind, über Wasser und mussten teilweise auf unsere Altersvorsorge zurückgreifen. Auch Versuche in anderen Branchen langfristig einen Alternativjob zu bekommen waren bis Dato erfolglos. Wir wären für seriöse Jobangebote dankbar.

Kreisbote: Reisen die Menschen seit der Corona-Krise anders?

Annette Selmer:  Es ist abzusehen, dass das Fliegen teurer wird, was automatisch zu einem anderen Reiseverhalten führt. Ich denke, dass die Deutschen nicht mehr drei Mal im Jahr für eine Woche in die Ferne fliegen, sondern ein Mal im Jahr länger wegfahren. Außerdem sind Ziele in Deutschland und Europa populärer geworden. Bis die Langstreckenflieger wieder regelmäßig abheben, wird es voraussichtlich dauern. Es kann gut sein, dass in Zukunft der Massentourismus abnimmt und die Veranstalter vermehrt höherwertige Pauschalreisen und Luxusurlaube anbieten.

Kreisbote: Es gibt Stimmen, die sich im Sinne der Umwelt über die wenigen Flieger in der Luft freuen. Wie sehen Sie als Reisevermittlerin das?

Annette Selmer:  Ich habe einen Zorn auf alle Billigflieger. Man muss nicht für 19 Euro auf die Kanaren oder ein Wochenende nach Mallorca fliegen. Für einen Geschäftstermin mal kurz von München nach Nürnberg zu fliegen empfinde ich auch nicht als zielführend. Dennoch darf man nicht vergessen, dass das Reisen das Leben bunter macht. Viele arbeiten ein ganzes Jahr lang, um im Urlaub Kraft und Lebensqualität zu tanken. Der Blick über die Landesgrenze in andere Kulturen erweitert im Übrigen den Horizont und fördert die gute Völkerverständigung.

Kreisbote: Die erste Krise für die Reisebüros kam mit den Buchungen über das Internet. Haben Sie das gespürt?

Annette Selmer: Anfangs ja. Viele sind aber beim Buchen über das Internet auf die Nase gefallen und kamen zurück. Sie haben festgestellt, dass wir die meisten Urlaubsorte sehr gut kennen und fast immer den richtigen Ort für die jeweiligen Bedürfnisse finden. Wir wissen genau, wo Familien willkommen sind, wo Party gemacht oder viel Kultur geboten wird. Und unser Angebot ist durchaus mit dem Internet konkurrenzfähig. Mit dem Unterschied, dass - sollte irgendetwas schief laufen – wir in den allermeisten Fällen eine Lösung finden. Das hat sich besonders in der Krise gezeigt. Ich habe beispielsweise vergangene Woche kurzfristig eine Kundin auf den letzten freien Platz im letzten Flieger aus Südafrika nach München gebucht. Im ersten Lockdown habe ich einen anderen Kunden, der in USA festsaß, sicher nach Hause gebracht. Obwohl derzeit niemand bei uns bucht, bin ich verlässlich auf meinem Notfallhandy oder per Mail erreichbar. Das wird sehr wohl wahrgenommen und einige haben bereits signalisiert: „Wir kommen im nächsten Jahr auf alle Fälle wieder.

Kreisbote: Wann denken Sie, dass es wieder losgeht?

Annette Selmer: Bislang sind noch keine Buchungen für das kommende Jahr eingegangen. Es wird vermutlich noch dauern bis die Menschen sich trauen, einen Urlaub zu planen. In unserer Gesellschaft hat das Reisen einen hohen Stellenwert und ich bin zuversichtlich, dass die Deutschen auch in Zukunft wegfahren. Ich hoffe, dass nach der Impfung eine Art Normalität zurückkehrt und sich ab Pfingsten die Urlaubsorte füllen.

Kreisbote: Können Sie der Krise auch etwas Positives abgewinnen?

Annette Selmer: Ja meine Arbeit und Einsatz in der Krise wird nun mehr wertgeschätzt.

Kreisbote: Haben Sie schon die erste Reise nach dem Ende der Krise geplant?

Annette Selmer:  Wir würden gerne ans Meer fahren, vielleicht nach Griechenland.

Das Gespräch führte Michèle Kirner.

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