Für Friede und Freiheit

Neue Ausstellung: "Weßling 1945 – Kriegsende und Neuanfang" läuft bis Oktober

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Die laufende Ausstellung in Weßlings Gemeindegalerie befasst sich mit 75 Jahre Frieden.

Weßling - Bis Oktober ist in Weßlings Gemeindegalerie noch die Ausstellung "Weßling 1945 – Kriegsende und Neuanfang" zu sehen – und ganz bewusst Galerieleiter Erich Rüba das Thema in einer Installation im Garten ohne das Wort "Krieg" verewigt: In eine Stahlplatte ist "75 Jahre Frieden" eingestanzt. Die drei Friedenstauben von Künstlerin Renate Kaiser vervollständigen das Bild eines für uns selbstverständlichen Alltags in Frieden und Freiheit.

Ein kostbares Gut, betont Rüba und fordert: "Gemeinsam müssen wir allen entgegentreten, die Frieden und Demokratie gefährden." Eine Forderung, die der Ortshistoriker mit der Ausstellung untermauert, die streckenweise markerschütternd Kriegsschicksale nachempfindet. 

Dazu hat der Weßlinger Installationen und Informationstafeln auf die denkmalgeschützten Räume verteilt. Darunter ein Leiterwagen mit ein paar Habseligkeiten einer ausgebombten Familie. Geradezu bezeichnend für die Propaganda, mit der die Nazis die Bürger bei der Stange gehalten haben, ist der sogenannte "Volksempfänger", ein Transistorradio aus dem Jahr 1938.

In den hinter Glas präsentierten Schilfschuhen wiederum wärmten die Soldaten ihre Füße. Innehalten lassen die Fotos, die vermutlich ein Amerikaner in einem Schuhkarton hinterlassen hat: Es sind Bilder aus dem Konzentrationslager Dachau, nachdem die GIs von mehr als 30 000 Gefangenen "inmitten von Leichenbergen" jubelnd empfangen worden sind. Auch die Weßlinger haben das Kriegsende herbeigesehnt, müde von den über sie hinwegziehenden Bombern und den näher rückenden Besatzern. Der Heimatforscher berichtet in einem Buch zur Ausstellung vom "Volkssturm", der am 29. April quasi in einem letzten Aufbäumen am Wasserberg eine Panzersperre errichtete.

"Doch die kriegsmüde Bevölkerung konnte die Volkssturmmänner überzeugen, die Panzersperre wieder abzubauen, da durch die Gegenwehr nur das Dorf sinnlos gefährdet würde." Und einen Tag später übergaben "die Bürgermeister von Weßling, Oberpfaffenhofen und Hochstadt die Ortschaften ohne Gegenwehr an die Amerikaner". Aufnahmen an den Wänden im Gemeindehaus zeugen von den Bomben, die im April auf dem Flughafen in Oberpfaffenhofen abgeworfen worden sind und zeigen die zerstörte Dornier-Halle oder die zerbombte Landebahn. Die auf einer Tafel angebrachten Portraitfotos erinnern an Weßlings gefallene Soldaten, hinter den Namen steht ein "V" für Vermisst und ein Kreuz für gestorben. Die hinterbliebenen trauerten noch um ihre Toten, als Josef Wunderl "auf Verlangen der Militärregierung" im Sommer 1945 den gerade erst zum vorübergehenden Bürgermeister berufenen Thomas Ostermaier ablöste.

Im Rahmen der Entnazifizierung wurden Lehrkräfte, die einst der NSDAP angehörten, suspendiert – und "Heimatverlust, Traumatisierung, Hunger, Wohnraummangel und Zukunftsängste" prägten die kommenden Jahre. Traumatisiert war auch der Maler Hans Böttcher, der seiner Nachwelt "phantastische, bedrückende Federzeichnungen" hinterlassen hat. Etwa den Kriegsversehrten mit einem amputierten Bein und der blutleeren Fratze. Oder der "Verräter", der am Galgen baumelt, umringt von Skeletten genauso wie der Tuschzeichnung einer Menschenmenge vor der Holzbaracke hinter dem Stacheldrahtzaun. Einiges beschwingter sind die Tagebucheinträge von Maria Theresia Rebay von Ehrenwiesen. In ihren Notizen erzählt die Kunststudentin beispielsweise vom Ostersonntagsessen am 1. April 1945 mit dem Durchreisenden Roland und einem Freund.

"Bella war auch da. Wir haben eine Henne geschlachtet und Waffeln gebacken, heute alles Herrlichkeiten", plaudert sie und unterlegt ihre Zeilen mit einer Aquarellzeichnung der gemütlichen Runde. Nur einen knappen Monat später, am 30. April, bannt sie das Motiv der auf Panzern einrollenden Amerikaner auf Papier, die in regelmäßigen Abständen ins Haus gelaufen kamen und "nach Pistolen und Cameras" fragten. "Für ihren privaten Gebrauch natürlich", schreibt die Weßlingerin. Alles Momentaufnahmen rund um die nahende Kapitulation Deutschlands, der ein "langsamer Neubeginn" mit Lebensmittelmarken, Hunger und Arbeitslosigkeit folgen sollte. Erinnerungen, die die Ausstellung und das herausgegebene Buch eindrucksvoll wiedergeben. Rüba steht vor der Installation im Garten und sinniert, "dass wir in 25 Jahren hier "100 Jahre Frieden" stehen haben".

Die Sonderausstellung "Weßling 1945 – Kriegsende und Neuanfang" ist noch bis zum 4. Oktober 2020 in der Gemeindegalerie an der Hauptstraße 57 zu sehen. Öffnungszeiten sind Freitag und Sonntag 14 Uhr bis 17 Uhr Uhr. Für Gruppen nach telefonischer Vereinbarung über die Verwaltung unter der Telefonnummer (08153) 40 40.

Von Michèle Kirner

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