Notrufnummer 0180 6553000

Für Menschen in seelischen Krisen

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Landkreis – Für Bezirkstagspräsident Josef Mederer ist es „ein Meilenstein für die wohnortnahe Versorgung psychiatrischer Notfälle in Oberbayern“. Gemeint ist die Notrufnummer 0180/6553000, die seit dem 1. Dezember täglich von 9 bis 24 Uhr schnelle Hilfe für Menschen in seelischer Not bietet.

Bereits seit Juni sind die Stadt und der Landkreis München am Netz - nun wurden die Landkreise Starnberg, Fürstenfeldbruck, Dachau, Freising, Erding und Ebersberg in den Krisendienst Psychiatrie für Oberbayern aufgenommen. „Für uns im Bezirkstag ist es ein wichtiges Anliegen, dass die Lebensverhältnisse in Stadt und Land gleichwertig sind. Mit dem Krisendienst für ganz Oberbayern können endlich auch Menschen in akuten seelischen Krisen, die nicht in München leben, einen Hilferuf an einer ausgewiesenen Fachstelle absetzen“, sagte Mederer bei einem Pressegespräch. Die Leitstelle unterstütze sie fachkompetent, das am besten geeignete Hilfeangebot zu finden – mit der bestmöglichen Wohnortnähe. „Dadurch wird hoffentlich eine ganze Reihe der in akuten Krisenlagen immer wieder vorkommenden Polizeieinsätze überflüssig.“ Der Bezirk Oberbayern investiert ab 2017 rund 7,4 Millionen Euro pro Jahr – laut Mederer eine „Kraftanstrengung, die wir leider alleine schultern müssen, weil sich die Krankenkassen nicht beteiligen“. Ausgelegt ist das Angebot auf bis zu 20.000 Anrufe jährlich. Es entstehen 88 neue Stellen unter anderem bei Sozialpsychiatrischen Diensten, für die aufsuchenden mobilen Einsatzteams und in der Leitstelle, die die Anrufe unter der Rufnummer 0180/6553000 entgegennimmt. Die von Michael Welschehold geführte Leitstelle in München übernimmt die Erstberatung mit der Koordinierung geeigneter Hilfen. „Bei uns liegt die zentrale Lotsenfunktion“, erklärt der Psychiater. „Wir hören zu, deeskalieren, beraten und vermitteln. Die Betroffenen wissen in ihrer Not am wenigsten, wo es passende Hilfe gibt.“ In den Landkreisen liegt die Krisenintervention unter anderem in den Händen von Sozialpsychiatrische Diensten und Psychiatrische Institutsambulanzen. Je nach Bedarf erfolgt die Krisenhilfe über kurzfristige ambulante Beratungstermine, Kriseneinsätze vor Ort oder stationäre Klinikeinweisungen. Netzwerkpartner für die Vor-Ort-Einsätze sind die Dienste der Freien Wohlfahrtspflege. Ein besonderer Schwerpunkt liegt in der aufsuchenden Krisenhilfe. Sie kann präventiv erfolgen, um die Zuspitzung einer Krise abzuwenden. Laut der Gebietskoordinatorin für die Region München und Umland, Andrea Kreppold-Roth, sind nach den bisherigen Erfahrungen bei etwa sieben Prozent der Krisenanrufe Vor-Ort-Einsätze erforderlich. „Unsere Aufgabe als Krisenhelfer ist es, möglichst passgenau und lückenlos zu den geeigneten Hilfestellen hinzuführen. So kann die Krisensituation gemeinsam gemeistert werden“, erklärte Kreppold-Roth. Ein Vernetzungsprojekt in dieser Größenordnung sei bisher in Oberbayern beispiellos und setze Maßstäbe über die Grenzen des Freistaats hinaus. „Die besondere Herausforderung bei diesem umfangreichen Projekt besteht darin, das Krisenhilfenetzwerk so optimal aufzubauen, dass die Leitstelle die eingehenden Anfragen schnell und verbindlich an verfügbare regionale Hilfestellen vermitteln kann“, so Kreppold-Roth. Aus Sicht des Diakonievereins Starnberg treten die Hilfeangebote des Sozialpsychiatrischen Dienstes künftig deutlicher ins Licht der öffentlichen Wahrnehmung. Der SpDi sei gefragt als „diskreter Helfer in plötzlicher Not, als offener Treffpunkt für Betroffene, als qualifizierter Partner der örtlichen Hausärzte sowie als kompetenter sozialer leistungsträger im Landkreis“, beschreibt der Vorsitzende des Diakonievereins Starnberg, Hans-Rainer Schuchmann, die neue Rolle in der Krisenhilfe. Für die Leiterin des Sozialpsychiatrischen Dienstes Fürstenfeldbruck, Monika Fußeder, schließt sich mit dem Krisendienst Psychiatrie eine Versorgungslücke im ländlichen Raum. Fußeder sieht das Angebot als „Chance niederschwellig auch mit Menschen in Kontakt zu kommen, welche bisher keine Verbindung zur gemeindepsychiatrischen Versorgung hatten.“ Für diese Menschen sei der Krisendienst ein „Türöffner“. Der Kontakt durch ein nichtärztliches Team helfe, „Hemmschwellen abzubauen“, so Fußeder. „Mein Appell an alle Menschen in psychischen Krisen und Notsituationen: Trauen Sie sich – rufen Sie an!“ Schnelle, wohnortnahe und passgenaue Hilfe – diese Erwartung hat Beate Sommer, Vorstandsmitglied Selbsthilfe Psychiatrie-Erfahrener im Landkreis Starnberg (Pelstar), an den Krisendienst. Das Krisentelefon leiste auch einen Beitrag zur Entstigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen. „Als Betroffener weiß man“, so Sommer, „am Krisentelefon sitzen Spezialisten, die sich mit psychischer Erkrankung gut auskennen. Sie können nachfühlen, wie es dem Anrufer geht, und so besser über die Möglichkeiten einer Hilfe informieren.“ Prominenter Fürsprecher des Krisendienstes ist übrigens der Extrembergsteiger Alexander Huber. Er hat bereits selbst eine seelische Krise überwunden, über die er offen spricht. Huber: „Wenn man einen Berg besteigen will, bringt es nichts, immer nur um den Berg herumzulaufen. Irgendwann muss man den Berg angehen. Gleiches gilt auch für Krisen im Leben. Wenn man merkt, dass es einem nicht gut geht, sollte man selbst aktiv werden.“ Er ermutigt deshalb Menschen in psychischer Not, sich Hilfe bei qualifizierten Stellen wie dem Krisendienst Psychiatrie zu holen: „Man muss dafür nur das Telefon in die Hand nehmen und die 0180/6553000 wählen.“ Den Beschluss zum Aufbau des Krisendienstes Psychiatrie hatte der Sozial- und Gesundheitsausschuss des oberbayerischen Bezirkstags im Juni 2015 gefasst. Im Frühjahr 2017 werden der Südosten und der Südwesten Oberbayerns in das Krisennetzwerk aufgenommen. Im Herbst 2017 folgt zum Abschluss die Region Ingolstadt. sb

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