In Zeiten der Ignoranz

Physiker und Philosoph Harald Lesch spricht beim Neujahrsempfang der Kreis-Grünen

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Voller Saal, prominenter Redner: Beim Neujahrsempfang des Grünen-Kreisverbands Starnberg sprach Professor Harald Lesch (Mitte)über politische Ignoranz und irritierte Wähler. Die beiden Kreisvorsitzenden Kerstin Täubner-Benicke und Bernd Pfitzner freuten sich über seinen Besuch in der Evangelischen Akademie Tutzing.

Tutzing – Einmal mehr ist es dem Grünen-Kreisvorstand gelungen, einen echten Publikumsmagneten als Gastredner für ihren Neujahrsempfang zu gewinnen. Der als Fernsehmoderator einer breiten Öffentlichkeit bekannte Astrophysiker, Naturphilosophen und Münchner Hochschulprofessor Harald Lesch beschrieb in der Evangelischen Akademie Tutzing, was ihn derzeit in der aktuellen politischen Entwicklung umtreibt.

Bei den Neujahrsempfängen der Landkreis-Grünen ist es bereits gute Tradition, sich von prominente Zeitgenossinnen und -genossen aktuelle Debatten und Entwicklungen erklären zu lassen. Freilich nur von denen, die auch wirklich etwas zu sagen haben. So folgten etwa 2016 Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler, der Grünen-Landtagsabgeordnete Sepp Dürr und der Kabarettist Hans Well der Einladung der beiden Kreisvorsitzenden Kerstin Täubner-Benicke und Bernd Pfitzner. Ein Jahr später war es die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan, die nach Weßling in den Pfarrstadel kam. Und heuer eben der Physiker und Philosoph Harald Lesch, der sich neben unverrückbaren naturwissenschaftlichen Erkenntnissen mit irritierten Wählern, den Gefahren für die Demokratie und der, wie er es nennt, „Business-as-usual-Republik“ beschäftigte.

"Wir glauben nicht mehr großartig an dieses Land"

Volles Haus in Tutzing: Selbst Gastgeber Professor Udo Hahn stellte am Montagabend fest, dass der Musiksaal im ehemaligen Tutzinger Schloss selten so voll besetzt sei. Über 200 Besucher – neben Grünen aus dem Landkreis folgten unter anderem viele Kreispolitiker, Vertreter der Kirchen, Haus-Nachbarin Professorin Ursula Münch von der Politischen Akademie Tutzing, die Vorsitzende des Freundeskreises der Evangelischen Akademie Tutzing, Brigitte Grande, und der Schondorfer Bürgermeister Alexander Herrmann der Einladung. Letzterer ist übrigens das, was Bernd Pfitzner am kommenden Sonntag werden möchte: ein grüner Bürgermeister.

Akademieleiter Udo Hahn warnte davor, die aktuellen politischen Entwicklungen einfach hinzunehmen oder gar zu ignorieren und erinnerte an die Nazi-Diktatur. Damals habe durch die Gleichschaltung aller Vereine, Verbände, ja sogar der Kirchen die Willkürherrschaft auf einer breiten gesellschaftlichen Ebene so erst Fuß fassen können. Diesen Faden nahm auch Professor Harald Lesch auf, der seine Verwunderung darüber äußerte, dass sich niemand mehr über Äußerungen wie „die Energiewende wäre ein Wettbewerbsnachteil für Deutschland“ eines Wirtschaftsverbandschef aufrege. „Morgens geht die Sonne auf, abends geht sie wieder unter und dazwischen ist irgendetwas“, schilderte Lesch seine Eindrücke einer ökonomisierten, hektischen, ignoranten Gesellschaft. Was an der – vermeintlichen – Nachrichtenflut liegen könnte: Aus zu vielen Kanälen stünden 24 Stunden lang zu viele Nachrichten zur Verfügung, ein Filtern nach dem Wichtigen werde nahezu unmöglich. Oder sei schlicht zu anstrengend. Aber auch Ohnmacht mache sich zunehmend breit: „Wenn das Ei nicht keimfrei ist, wird sofort der Kopf der Umweltministerin gefordert. Stinkt der Diesel, sind alle still“, legte Lesch nach. Das liege zum einen an falschen Wahrheiten und zum anderen schlicht an der eigenen Ignoranz. Denn Wissenschaftler würden von bestimmten politischen Gruppierungen, aber auch von Wirtschaftsverbänden schnell unter Generalverdacht gestellt mit dem Vorwurf, „wir würden Blödsinn reden“. Ein Grund dieses Vorwurfs sei, „dass heute alles in Geld berechnet werden muss, unser Leben wird zunehmend ökonomisiert“. Vorbei seien die Zeiten des Respekts, der Achtung des Anderen und seiner Meinung. Die Sprache sei verroht, die Kultur des Vertrauens sei Skepsis, Ignoranz gewichen, kritisierte Lesch in deutlichen Worten.

Und wohin verschwindet das Geld?

 In der „Business-as-usual-Republik“ regiere die Oberflächlichkeit, Sachkompetenz müsse heute dem Streben nach dem besten Platz weichen, ganze Lebensbereiche wurden ökonomisiert. Als Beispiel nannte Lesch die Fraport AG, die dem Bund und dem Land Hessen gehört und eine Niederlassung auf Malta zur „Optimierung ihrer steuerlichen Position“ unterhält, schüttelte Lesch den Kopf. Warum nimmt man einfach die Privatisierung der Wasserversorgung und der Energie hin? Und wohin verschwindet das Geld? Und warum wird ständig eine Politik auf Kosten von Natur und Umwelt gemacht, wie jetzt wieder aktuell bei den Sondierungen zwischen Union und SPD? Vielleicht liegt es seinem Fazit: „Wir glauben nicht mehr großartig an dieses Land. Sonst würden wir auf die Straße gehen.“

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