Pöcking: Redeschwall auf Arabisch 

+

Pöcking – Der Redeschwall des Angeklagten wollte schon bei Angabe der Personalien kein Ende nehmen. „Wenn das so weitergeht mit den blumigen Antworten, sitzen wir heute Abend noch da“, stellte Amtsrichterin Christine Conrad gleich zu Beginn der Verhandlung fest. 

Laut Strafprozessordnung stand dem 55-jährigen Syrer dann gegen Ende auch noch das „letzte Wort“ zu, und so musste sich Conrad auf Arabisch noch einmal all das anhören, was der Mann schon während des Prozesses mehrfach vorgetragen hatte und der bestellte Dolmetscher nun Hände ringend ins Deutsche zu übersetzen suchte: Dass er unschuldig sei, dass er niemanden beleidigt und schon gar nicht tätlich angegriffen habe, so der aufgebrachte Beschuldigte. Trotz Aufforderung der Richterin, sich in der Lautstärke zu mäßigen, war der Mann einfach nicht zu bremsen. Die Anklage hatte dem Asylbewerber vorgeworfen, er habe im Juni 2016 in einer Pöckinger Flüchtlingsunterkunft einen anderen Zeltbewohner massiv beleidigt und gedroht, ihn umzubringen. Voraus gegangen war offenbar ein Auf-den-Boden-Spucken des Syrers, welches der später von ihm Attackierte auf sich bezogen hatte: „Es war Ramadan, und ich hatte einen sehr, sehr trockenen Mund“, ließ der Beschuldigte den Dolmetscher unter weitschweifigen Ausschmückungen übersetzen. Der Andere habe ihn deshalb zur Rede gestellt und damit beleidigt, „dass ich hier bin und meine Familie in der Türkei - und meine Frau hat er als Hure hingestellt“, ereiferte sich der 55-Jährige, der ständig wiederholte, er habe sich damals nichts zu Schulden kommen lassen. Drei Zeugen, darunter der 41-jährige Anzeigeerstatter und ein Security-Mann, berichteten die Sache weitgehend anders: Nur dem Eingreifen des Schichtleiters und des Sicherheitsdienstlers sei es zu verdanken gewesen, dass nichts Schlimmeres passierte: Man habe den Angreifer festgehalten, als der mit erhobener Faust auf den Anderen los gehen wollte, so die Aussagen. Der Angeklagte habe wüste Beschimpfungen ausgestoßen und gedroht, wer würde den Anderen töten, wenn er ein Messer hätte. Richterin Conrad und der Staatsanwalt hatten einige Mühe, Klarheit in die oft unpräzisen Angaben zu bringen, die in ihrer Girlanden-Sprache eher einem Karl-May-Band entnommen schienen: Zusätzlich erschwerend wirkte es sich aus, dass zwei der Zeugen bis auf Abweichungen in der Schreibweise fast den gleichen Namen trugen wie der Angeklagte und ebenfalls einen Dolmetscher benötigten. Der ohne Anwalt erschienene Syrer wiederum nutzte sein Fragerecht zu ausgedehnten Statements statt für Fragen an die Zeugen, so dass der zunehmend wütende Übersetzer begann, sich mit ihm lautstark in die Wolle zu kriegen. Nachdem der Beschuldigte es auch noch vehement ablehnte, seinen Einspruch gegen den ursprünglichen Strafbefehl von 70 Tagessätzen (zu je 10 Euro) zurückzunehmen, fiel das Urteil noch ein wenig härter aus. 75 Tagessätze à 15 Euro. Schlusswort des Angeklagten vor dem Urteil: „Sie sind sehr gerecht, und ich habe diesen Mann nicht angegriffen!“ mps

Auch interessant

Meistgelesen

Souveräne Beherrschung der Mittel
Souveräne Beherrschung der Mittel
Falsche Polizeibeamte
Falsche Polizeibeamte
Baugenehmigung hinfällig
Baugenehmigung hinfällig

Kommentare