Symbiose von Literatur und Ortschaft

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Kempfenhausen – Wenn Elisabeth Carr und Gerd Holzheimer das Programm für den Literarischen Herbst zusammenstellen, dann wird jede Aufführung zum Unikat. Unwiederbringlich alleine durch die ungewöhnlichen Lokalitäten, die den Veranstaltungen Raum und diese einzigartige Atmosphäre verleihen.

Auf der Suche nach Themen und Orten verlassen sich die Organisatoren auf ihr gutes Gespür, folgen nicht selten ihrer Intuition, lassen sich manchmal auch einfach treiben. Etwa als sie bei der Auftaktveranstaltung „Nächster Versuch“ am vergangenen Wochenende den Sport im Visier hatten. Eine alte Sporthalle sollte es sein, wo noch der Schweiß aus Schulzeiten von Holzheimer und BR-Sprecher Peter Weiss hing. Als geradezu perfekt dafür erwies sich der Sportraum in der Alten Erlinger Schule, in dem sich alles darum drehte, ob Sport wirklich Mord ist. Am Sonntag reist die Veranstaltung ausnahmsweise über die Landkreisgrenzen ins Blaue Land: Im Kloster Benediktbeuern treten in „Bei aller Liebe“ Ehefrauen berühmter Künstler kurzfristig aus dem Schattendasein ihrer Männer ins Rampenlicht. Denn die Liebe der Malergattinnen Maria Marc (Franz Marc) und Charlotte Berend-Corinth (Lovis Corinth) konnte erdrückend schwer werden. Das Leben dieser zwei bemerkenswerten Frauen zeichnet Angelika Krautzberger in Briefauszügen und mit autobiographischen Texten nach. Wer Lust hat, wandert anschließend mit den Gastgebern auf die Staffelalm und zu dem Gemälde, das Marc einst auf die Küchenwand pinselte. Geradezu mystisch wird es im Schloss Kempfenhausen, wenn Kunsthistorikerin Katja Sebald mit ihren Zuhörern durch das Manthal streift und dabei „Geheimnis über Geheimnis“ lüftet. Endstation ist die kleine Kirche in Harkirchen – eines dieser unscheinbaren Gotteshäuser, das so unscheinbar dann doch nicht ist, denn auf deren Altar war möglicherweise die sogenannte Starnberger Heilige von Ignaz Günther zu Hause. Die nächste Veranstaltung führt in die jüngere Vergangenheit: Dabei öffnet Starnbergs ehemaliger „Gemischtwarenladen Johann Biller“ für den Literarischen Herbst noch einmal seine Türen und offenbart so manch Kostbarkeit, die der „gute, alte Gemischtwarenladen“ für seine Kunden bereithielt. 

Unter „Sein Ein und Alles“ plaudern Judith Huber und Elisabeth Carr im Rollenspiel „a bisserl aus dem Nähkästchen“ und könnten dabei den einen oder anderen durchaus nostalgisch stimmen. Weiter geht’s ins Jägerlatein im Schloss Kempfenhausen: „Piff, Paff, Puff!“ oder „Der lange Schatten Jennerweins“ hat mit Jäger und Wilderern, mit Räuber und Schandi, Cowboy und Indianer und mit Goethes „Faust und Mephisto“ zu tun. Dabei gehen Gerd Holzheimer und Elisabeth Carr der Frage nach, warum das Böse auf das weibliche Geschlecht eine geradezu magische Anziehungskraft ausübt – oder warum der Kriminologe, dem Holzheimer einst begegnet, lieber Räuber als Gendarm geworden wäre. In der Planegger Waldkirche kommt am letzten Oktobersonntag Luther zu Wort. Schauspieler und Kirchenvorsteher Ernst Matthias Friedrich und Holzheimer betrachten die „Stationen einer spirituellen Entwicklung“ und den Menschen Luther, der auch die deutsche Sprache maßgeblich beeinflusste. Und am Ende schließen der bekennende Ökumene (Holzheimer) und der Lutheraner (Friedrich) „vergnügt entspannt den Separatfrieden zwischen den Konfessionen“. Ins Finale geht die Veranstaltungsreihe mit „Der Lausbub von Ludwig Thoma“ im Pfarrhof Unterbrunn. Dabei erzählt Gastgeberin Angelika Göschl die Geschichte des Pfarrhofes und Gerd Holzheimer und Schauspieler Hansi Kraus befassen sich mit Ludwig Thoma: das Sprachgenie mit durchaus streitbarer Persönlichkeit. Man darf also auch diesmal auf diese spannende, mitreißende und immer bereichernde Symbiose gespannt sein, die Ort und Literatur miteinander eingehen. Mehr unter www.kunstraeume-am-see.de. Kartenvorverkauf bei Kunsträume am See oder bei der Tourist Information Starnberger Fünf-Seen-Land (Hauptstraße 1 in Starnberg; Telefon 08151/ 90 600). mk

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