Evangelische Akademie Tutzing veranstaltet "Nachtung"

Die Entzauberung der Nacht

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Tutzing/München – Eine Tagung findet am Tag statt, eine „Nachtung“ in der Nacht. Die Idee zu diesem ungewöhnlichen Veranstaltungsformat kam von Martin Held, Studienleiter der Evangelischen Akademie Tutzing, der in Kooperation mit Philip Büttner, Referent des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, und Astrid Schilling von der Katholischen Akademie Bayern zu einem Selbstversuch in die Akademie nach München lud.

Damit erfüllte sich Held mit seiner letzten Veranstaltung – offiziell wurde er am 15. November in den Ruhestand verabschiedet – einen lang gehegten Wunsch, der ihn bereits seit den 90er Jahren umtreibt.

Die „Kolonisierung der Nacht“ 

Die Nacht umgibt etwas Mystisches. Oder muss vielmehr gesagt werden, umgab etwas Mystisches? Mit Edison und der Erfindung des Lichts Ende des 19. Jahrhunderts veränderte sich das Wesen der Nacht. Sie wurde immer heller gemacht. In Dubai etwa ist der Mond der einzig noch erkennbare Himmelskörper am Firmament. Licht ist in den vergangenen Jahren immer günstiger geworden und die Städte dadurch immer mehr beleuchtet. Das wirkt sich auf das Nachtleben aus. Der Wissenschaftler Murray Melbin spricht in diesem Zusammenhang bereits 1987 von der „Kolonisierung der Nacht“, man kann nun auch die Nacht nutzen. Super, könnte man sagen, somit steht einem nicht nur der Tag, sondern auch die Nacht als Lebenszeit zur Verfügung. Wären da nicht die Gene. Der Mensch ist ein tagaktiver Primat und das Vordringen in die Nacht nicht ganz unproblematisch, wird sie doch eigentlich als Regenerationsphase benötigt. Die sogenannte innere Uhr verbietet praktisch das dauerhafte Leben in der Nacht. Dennoch ließen sich 40 Teilnehmer von dieser Tatsache nicht davon abhalten, die Nacht von vergangenen Freitag auf Samstag wenig oder auch gar nicht zu schlafen und sich dafür mit dem Nachtleben zu beschäftigen, das sich keineswegs in Freizeit und Vergnügen erschöpft.

Je der Mensch „tickt“ anders 

Während der Nacht hatten einige Teilnehmer zweifellos mit ihrem Schlaf-Wach-Rhythmus zu kämpfen. Professorin Martha Merrow erklärte warum: „The circadian clock is pervasive“, die zyklische Uhr ist allgegenwärtig. Sie ist ein Zeitprogramm, das durch unsere Gene unseren Metabolismus reguliert sowie unser Verhalten beeinflusst. Gegen den Takt dieses Biorhythmus zu leben, sei auf Dauer schädlich, sagte Merrow. Dennoch „ticke“ jeder Mensch anders, jeder Biorhythmus sei verschieden. Er hänge von den jeweiligen Genen, dem Alter, dem Geschlecht und in besonderem Maße vom Licht ab. Auf diese Weise entstehen unterschiedliche Chronotypen. Die wohl bekanntesten sind „Eule“ und „Lerche“, wobei vereinfacht gesagt Eulen in die Abendstunden hinein aktiv sind und länger schlafen, während die Lerchen früh zu Bett gehen und morgens fit sind. Dies ist jedoch lediglich eine grobe Einteilung, die Chronotypen sind weitaus vielfältiger. Schlafdauer und die Dauer bis zum Einschlafen sind beispielsweise Faktoren, die ebenfalls berücksichtigt werden müssen. So bevorzugten etwa manche Nachteulen einige Stunden Schlaf, während andere „durchmachten“.

Muss Dunkelheit geschützt werden? 

Der einzige Faktor, der allen Rhythmen gemein ist und den wir regulieren können, ist also das Licht. „Und es ward Licht“, sprach Gott laut Bibel als er die Erde erschuf. Er schied das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Nimmt man Finsternis als Voraussetzung der Nacht, würde nach dieser Definition nur noch in wenigen Teilen der Erde Nacht herrschen. Natürliche Dunkelheit wird knapper, der Schutz von „Dunkelgebieten“ als Weltkulturerbe wird ernsthaft in der UNESCO diskutiert. Jeder, der einmal einen Sternenhimmel fernab von Zivilisation und Lichtverschmutzung erleben durfte, weiß, wieso. Dennoch hält Professor Dietrich Henckel die Rede von einer ständig aktiven 24/7-Gesellschaft für übertrieben. Die meisten Rhythmen seien trotz Kolonisierung der Nacht erstaunlich normal. Zwar sei eine Ausdehnung der menschlichen Aktivität zu verzeichnen, aber mehr in den Abend, als in die Nacht hinein, sagte Henckel. Kritisch sieht er jedoch die voranschreitende Beleuchtung. Es gäbe Parks, in denen trotz Schließung die Laternen brennen würden. Überhaupt beleuchte man oft zu stark und zu viel. In den vergangenen Jahren haben sich Straßen- und Außenbeleuchtung sukzessive gegenseitig hochgeschaukelt, erklärte Henckel. Was eigentlich mehr Sicherheit schaffen soll, kann so schnell den gegenläufigen Effekt erzielen und in Blendung und unklaren Kontrasten enden. Mittlerweile herrsche weitgehende Einigkeit darüber, dass eine niedrigere Beleuchtung ohne Einbußen bei Komfort und Sicherheit möglich ist. Dennoch sieht Henckel diese nicht kommen. Er befürchtet in Zukunft die Ausstattung von Kommunen mit LED-Straßenbeleuchtung, die eine fünf- bis sechsfache Steigerung des derzeitigen Beleuchtungsniveaus nach sich ziehen könnte. Hintergrund ist das Verbot aus dem Jahr 2009 von 100-Watt-Glühlampen, nach dem viele Gemeinden bald auf LED umsteigen werden. Dieser Prozess wird laut Henckel sehr wahrscheinlich an private Unternehmen übertragen, die auf „Nummer sicher“ gehen und eher zu viel als zu wenig Helligkeit installieren werden. Doch es gibt gegenläufige Entwicklungen. Berlin ist die dunkelste Stadt Europas und das soll laut Stadtverwaltung auch so bleiben: Die Hauptstadt hat 2011 einen Lichtmasterplan entworfen, der wirtschaftliche, ökologische und energetische Aspekte gleichermaßen einschließt. Beispielsweise soll auf Beleuchtung in naturnahen Gegenden verzichtet werden und dort, wo Licht notwendig ist, soll es „warm“ sein, also von gelb-rötlicher Farbe. Auch Augsburg, Lyon und Zürich verfolgen einen „Lichtplan“.

Der „social jetlag“ 

Da zwar Licht und Beleuchtung in gewisser Weise gesteuert werden können, nicht aber Geschlecht, Gene und Alter gibt es Menschen, die sich im Zeittakt unserer Gesellschaft besser zurechtfinden als andere. Eine „Eule“ beispielsweise, die in einer Bank arbeitet, wird über die Woche gesehen zu wenig schlafen, da der Arbeitsrhythmus ihrem Biorhythmus widerspricht. Merrow spricht in diesem Zusammenhang vom „social jetlag“. Für die Betroffenen sei der extra Schlaf am Wochenende dann von großer Bedeutung. Generell gelte: Sieben bis acht Stunden Schlaf sind ein gutes Mittel. Eine andere Diskussion, wenn auch zum selben Thema, dreht sich um Schulzeiten. Gerade unter den Jugendlichen finden sich viele Eulen, ein Grund, weshalb der Ruf nach späterem Schulbeginn immer wieder laut wird. Dagegen bringen einige Eltern den Familienrhythmus ins Spiel: Ein späterer Schulbeginn würde am Nachmittag gemeinsame Familienzeit rauben und die Organisation am Morgen erschweren. Gerade in Prüfungssituationen kann eine Nichtberücksichtigung der Chronotypen jedoch ein Handicap darstellen, erklärte Merrow. Untersuchungen haben gezeigt, dass Eulen dieselben Leistungen erzielen können, wie Lerchen, nur zu verschiedenen Zeiten. Unterschiede zwischen Partnern hingegen werden oft als größer wahrgenommen, als diese tatsächlich seien, so Merrow. Studien dazu seien jedoch rar. Wer wissen will, welchem Chronotypen er angehört, kann sich unter https://www.bioinfo.mpg.de/mctq einem Test unterziehen. Das menschliche Nachtleben wirkt sich auch auf die Umwelt aus. Auf der Suche nach Vögeln und deren Rufen startete eine Exkursion um 1 Uhr in den Englischen Garten. Auf der von Manfred Siering geführten Tour wurde jedoch schnell klar, dass der Park von Licht und Lärm „verschmutzt“ ist. Zwar konnte man vereinzelt Enten und auch einen Waldkauz ausmachen, deutlicher zu hören, waren jedoch Autos und Feiernde. Zudem seien die menschlichen Sinne nicht für die Dunkelheit gemacht: Wir seien Menschen mit ohne Augen, sagte Siering, der etwas sehnsüchtig an die Dunkelheit zurückdachte, die er als Ornithologe im Amazonasgebiet erleben durfte. „Ohren wie ein Elefant“, habe er in der Finsternis gehabt. Davon konnte im Englischen Garten nicht die Rede sein. Die Stadt entzaubert die Nacht. Carolin Dameris

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