"Tanzania yangu ya adventure"

Ugali, kalte Duschen und eine Menge Herzenswärme: Ein Auszug aus meiner Zeit als "Lehrerin" in Afrika

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In den Pausen kuschelten und spielten wir gerne mit den Kindern.

Starnberg – Schon als ich klein war, träumte ich davon länger nach Afrika zu reisen. Diesen Traum verwirklichte ich mir in Form einer Freiwilligenarbeit als Lehrerin in einer Schule bei Arusha,Tansania, nach meinem Abitur 2018. Die Umstände hatten sich bis dahin natürlich ein bisschen verändert und so habe ich dieses Abenteuer mit meinem Freund Zlaja gemeinsam erlebt. Wir sind glücklich, es zu zweit gemacht zu haben, aber auch alleine ist die Erfahrung Gold wert. Ich glaube, jeder muss selber entscheiden, ob er so etwas alleine oder zu zweit machen möchte, da beides seine Vor- und Nachteile hat.

Die Angebote für eine Organisation oder ein Projekt sind so vielfältig, dass sie einen regelrecht erdrücken. Nach langer Suche und vielen Überlegungen fiel meine Entscheidung und ich stürzte mich in die Planung. Packlisten, Medikamententasche, Visum, Impfungen und vieles mehr. Aber am aller wichtigsten: die mentale Vorbereitung. Was erwartet mich? Welche Verhaltensregeln gibt es in dem anderen Land? Wie werde ich mit den Menschen dort klar kommen? Wird mir mein Projekt gefallen? Fragen über Fragen, die sich letztendlich alle von selbst klären und über die man sich gar nicht so viele Gedanken machen müsste. Meine Organisation „StepAfrica“ half den Volontären gerne bei Fragen in allen Bereichen und bereitete uns durch Handbücher und Skype-Gespräche sehr gut auf den Aufenthalt in Afrika vor. 

Das Abenteuer beginnt 

Der letzte Tag in Deutschland kommt immer näher und die Aufregung steigt. Alle wichtigen Papiere werden nochmal überprüft und dann geht es wirklich los. Wir setzen uns in Auto und fahren Richtung Flughafen. Mein Puls steigt mit jedem gefahrenen Kilometer und die Gedanken überschlagen sich, aber jetzt gibt es kein zurück mehr! 

Nach einem langen Flug kommen wir im Morgengrauen am Kilimanjaro Airport in der Nähe von Arusha, der viertgrößten Stadt Tansanias, an. Wir werden abgeholt und in unsere Gemeinschaftsunterkunft am Fuße des Mount Merus gebracht, wo wir die nächsten zwei Monate mit den anderen Volontären untergebracht sein werden. Hier bricht zum ersten Mal alles über mich herein. Die neue Umgebung, die schlaflose Nacht im Flugzeug, die Wärme und die Erkenntnis nun wirklich für zwei Monate in Afrika zu sein, zerrt an meinen Kräften und ich bin froh, dass ich mich den ersten Tag ausruhen kann, denn morgen geht es richtig los. 

1. Oktober, 8 Uhr: Der Wecker klingelt und wir machen uns auf, um heute Arusha kennen zu lernen. Mit unserer Koordinatorin Upendo setzen wir uns in das dicht gedrängt Dala Dala, das uns zu unserem Orientierungstag nach Arusha bringt. Dala Dalas sind restlos überfüllte Kleinbusse, die ohne Fahrplan zwischen größeren Städten und den umliegenden Dörfern hin und her pendeln, um die Bewohner für minimale Geldbeträge an ihr Ziel zu bringen. Diese Art von Bussen sind zwar praktisch, aber auch gewöhnungsbedürftig, wie wir gleich feststellen sollten. Wir stehen an der Straße und warten auf ein Dala … das Warten gestaltet sich übrigens äußerst kurz, da jede Minute eins vorbei fährt. Dann steigen wir ein und schieben uns unter den neugierigen Augen der anderen Passagiere auf die Rückbank. Schon das Einsteigen gestaltet sich sehr schwierig, da man nur in gebückter Haltung in den Bus kommt und sich dann mit weiterhin verrenkter Haltung einen Platz suchen, oder im schlimmsten Fall den Weg stehend hinter sich legen muss. Als wir endlich mit schmerzenden Hüften und Knien auf der Rückbank sitzen, spüre ich auf einmal eine Bewegung unter mir und höre ein schreiendes Huhn. Mein Herz macht einen Satz und ich mit ihm. Dann schaue ich unter meinen Sitz und sehe drei Hähne zusammengequetscht in einem Reifen. Solche Begegnungen sollten wir in unserem Aufenthalt noch öfters haben. In Handtaschen oder einfach an den Füßen kopfüber gehalten werden Hühner mit den Dalas überall hin transportiert und sogar im Bus zum Verkauf angeboten. 

Upendo zeigt uns Arusha, eine bunte, laute, lebhafte und typisch afrikanische Großstadt. Zurück am „Kilumbero“, dem Busbahnhof werden wir von allen Seiten angesprochen, in Dalas gezogen und angefasst. Aus der Ferne ruft noch jemand „Wazungu“, was auf Suaheli „Weißer“ heißt. 

Als wir endlich in unser kleines Dorf „Bara bara mpya“, etwas außerhalb von Arusha, zurück kommen, sind wir froh dem afrikanischen Stadtdschungel entkommen zu sein. Zu dieser Zeit wussten wir noch nicht, dass wir einmal froh sein werden, Arushas vielfältiges Angebot mit Kino, Disco und gutem Kaffee nutzen zu können. 

Ein interessanter Ausflug zu den Maasais.

2. Oktober, 6 Uhr: Heute ist der erste Tag in der Schule! Wie sind die Kinder und die Lehrer? Was werden wir machen dürfen? Werden uns die Kinder mögen? Um 6.30 Uhr holt uns der Schulbus vor unserem Hostel ab und wir fahren mit den Kindern und Lehrern zur Schule. Der Schulweg führt durch einfache Dörfer und löchrige Straßen den Berg hoch und alle drei Minuten sammeln wir ein Kind in blau-gelber Schuluniform ein. So füllt sich der Bus in kürzester Zeit und jeder Platz ist doppelt besetzt. Die letzten Kinder kommen herein und suchen mit ihren großen, dunklen Augen nach einem freien Platz auf dem Schoß der Lehrer oder der älteren Kinder. Um 8 Uhr fahren wir durch ein Wellblechtor und kommen zu unserer Schule, der „Ikirwa School“. Wir fahren auf eine große Wiese. Auf dem Gelände verteilt stehen mehrere gelb gestrichene Gebäude, die an jeder Ecke liebevoll gemalte Figuren zeigen. 

Jeden Tag versammeln sich die Schüler auf einem mit Pflastersteinen ausgelegten Platz, der vom Schulgebäude umgeben ist. Dann fängt das Morgengebet an und danach werden noch Lieder gesungen und verschiedene Bewegungen dazu getanzt. Anschließend müssen immer drei Kinder ein kurzes Referat halten über etwas, was sie am Vortag gelernt haben. Diese Referate werden immer am Ende des Schultags an die Schüler verteilt, wenn sich wieder alle in ihren Reihen aufstellen und gemeinsam ihre Lieder singen. 

Nach diesem Morgenritual gehen die Kinder in ihre Klassen und der Unterricht beginnt. Am ersten Tag werden wir von dem „Head Teacher“ der Schule, Mr. Kilinga, in die einzelnen Klassen geführt und am Ende sollen wir uns für eine entscheiden. Die kleinsten an der Schule sind die 3-jährigen Kinder der sogenannten „Baby Class“. Danach folgt die „Middle Class“ und die „Preparatory Class“. Ab da fängt - wie bei uns - die erste Klasse an und geht bis zur sechsten weiter. 

Als wir unsere Runde über das Schulgelände beendet haben, entscheiden wir uns für die 3. Klasse, in der fünf Jungen und vier Mädchen dem Unterricht lauschen. Dort beginnen wir in den ersten Tagen mit der Hilfe von den Lehrern , den Englisch-, Mathe- und Biologieunterricht zu gestalten. Schnell gewöhnen wir uns an die grüne Umgebung und an die Kinder, sowie sie auch an uns. Wir haben den ganzen Schultag (von 8 bis 4 Uhr) volles Programm. Entweder unterrichten wir, spielen Spiele oder gestalten Plakate zu wichtigen Themen, wie zum Beispiel AIDS. Wenn wir in der dritten Klasse nicht gebraucht werden, gesellen wir uns gerne zur sechsten Klasse und helfen dort ein wenig aus oder machen mit ihnen Sport. Bald konnten wir sogar schon den ganzen Unterricht selber gestalten. An jedem Tag haben die Kinder ein oder zwei Freistunden. Das waren unsere Lieblingsstunden, denn dort konnten wir Spiele wie „Hangman“, „Ich sehe was, was du nicht siehst“ spielen oder Bilder malen. Aus Deutschland haben wir ein Malbuch und Buntstifte mitgenommen und die Kinder haben unheimlichen Spaß damit. Aber nicht nur die Kinder, die Lehrer finden das ausmalen genauso lustig und malen munter mit. Nach einem Monat haben wir uns so gut in das Schulleben eingefunden, dass wir sogar die Tests für die Schüler erstellen und anschließend korrigieren dürfen. Der beste Tag der Woche ist der Freitag – Sporttag, an welchem immer eine neue Sportart durchgenommen und eingeübt wird. Mit verschiedensten Mitteln lässt sich sogar ein Volleyballnetz zaubern. 

"Ugali und Makande"

Pro Tag gibt es zwei Essenszeiten. Zur „Breakfast-Time“ wird sogenannter Porridge serviert, der eine warme Mischung aus Maismehl und Milch ist. Zum Mittagessen gibt es meistens das Nationalgericht Tansanias: Ugali (Maisbrei). Manchmal aber auch Reis und Bohnen oder Makande (Futtermais mit Kidneybohnen). Nach dem ersten Monat wurde sogar der Porridge ungenießbar für uns ... von Ugali brauchen wir gar nicht zu reden. 

Die Kinder waren froh, dass wir da waren und schenkten uns viel Liebe. Jeden Tag nahm uns ein anderer Schüler an der Hand und führte uns zur „Küche“. Diese bestand aus einem Zelt, in dem es zwei Feuerstellen gab, auf denen in riesigen Töpfen gekocht wurde. Die Hygiene kam leider manchmal zu kurz, denn wir tranken mit den Kindern aus einem Becher, aßen von den selben Tellern und die Löffel wurden nur mit ein bisschen kaltem Wasser und den (meist nicht so sauberen) Händen der Köchin gewaschen. Viele Kinder hatten Husten, laufende Nasen oder einen Schnupfen, was sie aber nicht davon abhielt, auf uns zu zu stürmen, uns überall zu berühren und uns lautstark etwas zu erzählen. Das war natürlich total süß und wir freuten uns eine so enge Bindung zu den Kindern zu haben, aber man konnte sich nun mal nicht vor den Bakterien retten und so ist es glaube ich kein Wunder, dass wir uns öfters ansteckten und auch mit Magendarm Beschwerden und Infektionen zu kämpfen hatten. 

Die dritte Klasse der „Ikirwa School“.

Das Wetter und die Stimmung war betrübt 

Nach zwei Monaten, die wir Montags bis Freitags in der Schule verbrachten, näherte sich irgendwann der Abschied. Die Gefühle standen Kopf. Auf der einen Seite waren wir froh wieder in eine gewohnte Umgebung nach Hause zu kommen, auf der anderen Seite waren wir auch unheimlich traurig die Ersatzheimat, zu der Tansania und die Schule nach zwei Monaten wurden, zu verlassen. Besonders fehlen werden uns die Kinder und Lehrer, die uns in der Zeit unglaublich ans Herz gewachsen sind. Zu wissen, dass man die meisten wohl nie wieder sehen und vielleicht nie mehr in dieses Land zurück kehren wird, war einer der schlimmsten Gedanken. 

An unserem letzten Schultag regnete es und die Stimmung war – wie das Wetter - betrübt. Aber die Uhr tickte unaufhaltbar. Als es dann soweit war und ein Kind zum Eisenrad rannte um den letzten Gong für den heutigen Tag zu schlagen, überschlugen sich die Gefühle und die Emotionen waren nicht mehr zurück zu halten. Die Tränen flossen bei uns und bei den Kindern. Während der Verabschiedung kamen die Schüler der Klassen drei und sechs und überreichten uns zusammengefaltete, bemalte Zettel, auf denen sie uns für unseren Einsatz dankten. Diese Briefe ergriffen unsere Herzen und wir werden weder die Kinder noch unsere Zeit dort jemals vergessen. 

Mein persönliches Fazit 

Ich würde gerne noch ein Wort über die Schulverhältnisse verlieren, damit dieser Bericht auch realistisch bleibt. In unserer Schule gab es Bücher zu jedem Fach und deren Inhalt bildete den gesamten Unterricht. Die Lehrer machten sich meistens nicht die Mühe einen Unterricht mit verschiedenen Lehrmethoden auszugestalten, sondern schrieben die Texte und Aufgaben aus den Büchern an die Tafel und die Kinder schrieben es ab. Als wir diese Form von Unterricht sahen, waren wir doch etwas geschockt und brachten uns umso mehr ein. Aber auch dieser Eifer vergeht nach gewisser Zeit, wenn man merkt, dass manche Kinder nicht versuchen mit zu arbeiten und eigentlich kein Interesse daran haben etwas zu lernen. Dabei ist aber zu bedenken, dass viele dort ohne Strom und fließend Wasser in Lehmhütten leben und es somit nicht gerade einfach ist zu lernen oder Hausaufgaben zu machen. 

Trotz dieser ernüchternden Realität, hatten wir unheimlich viel Spaß mit den Kindern, haben ihnen einiges beigebracht und waren froh eine Hilfe zu sein. Die erste Frustration über die Lehrmethoden der Lehrer, war ein noch größerer Anstoß, um den Kindern etwas bei zu bringen und auch offen mit den Lehrern zu reden, um ihnen unsere Sicht auf Schule näher zu bringen. Die Lernspiele und die Ausmalbilder haben den Kindern viel Spaß bereitet und werden auch heute noch in der Schule benutzt. 

Insgesamt ist es sehr spannend für eine längere Zeit in eine fremde Kultur einzutauchen, aber man muss auch Eingeständnisse machen. Vorn ab ist das Essen gewöhnungsbedürftig, sehr einfach, monoton und nicht immer sättigend. In unserer Unterkunft gab es bei teilweise Temperaturen von 10 bis 15 Grad (Arusha liegt auf knapp 2000 Meter Höhe) nur kaltes Wasser zum duschen und unsere Wäschen mussten wir mit der Hand waschen. 

In unserem Hostel gab es zwei „Mamas“, die unter der Woche für uns kochten, unsere Koordinatorin Upendo und einen Nachtwächter. Zu allen bauten wir während der Zeit ein gutes Verhältnis auf. Auch im Dorf lernte man schnell Menschen kennen, wie den Kioskbesitzer, den Obstverkäufer oder die Schneiderin. Wenn man offen und freundlich in ein fremde Land geht, spiegelt es sich in den Einheimischen wieder. Wir hatten viel mit dem Bild, Weiße seien laufende Bankautomaten zu kämpfen, aber viele waren auch sehr froh uns zu sehen und wollten uns nur begrüßen oder uns zu unserer Heimat befragen. Wir können meiner Meinung nach sehr viel von den Menschen lernen. Zum Beispiel die Hilfsbereitschaft: Wenn man in ein Dala einsteigt und einen großen Rucksack bei sich hat, ist sofort jemand bereit dir diesen abzunehmen, um dir das Einsteigen zu erleichtern. Bei der Frage „wo ist …?“ freuen sich die Menschen und führen einen gerne selber zum gewünschten Ort, anstatt nur eine gelangweilte Wegbeschreibung abzugeben. 

Abschließend bleibt mir nur zu sagen, dass es immer und überall leichtere und schwerere Zeiten geben wird, aber das so ein Volontariat einem dabei hilft diese zu überwinden, sich weiter zu entwickeln, selbstständiger und selbstbewusster zu werden und seinen Blick für die Welt zu öffnen. So ein Aufenthalt öffnet einem in vielen Bereichen die Augen und hilft die bestehenden Verhältnisse zu verstehen. Ich bin überglücklich, diese Erfahrung gemacht zu haben und kann es nur weiter empfehlen!

Von Lisa Livancic

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