"Untragbarer Zustand"

Merkwürdige Blüten treibt die Gesundheitspolitik. „Ein Ende ist nicht absehbar. Ziel ist der entmündigte Patient“, befürchtet Stefan Hartmann aus Gilching. Der Apotheker gründete bereits im Februar den Bundesverband Deutscher Apothekenkooperationen und versucht nun, im Verbund mit Ärzten und Patienten, „das Schlimmste zu verhindern“.

„Die derzeitige Gesundheitspolitik führt zu einer nicht mehr hinnehmbaren Entmündigung des Patienten“, sagt Stefan Hartmann. Am Beispiel eines 96-jährigen Weßlinger zeigte Christine Huber, Apothekerin in Weßling, auf, was die Gesundheitsreform den Menschen eingebrockt hat. „Herr Meier ist schwer Stuhl inkontinent und muss täglich mehrmals die Windeln wechseln“, erklärt sie im Rahmen eines Pressegesprächs. „Bisher kam er mit seinem Rezept in die Apotheke und hat sofort entsprechende Einlagen bekommen. Neuerdings aber behalten sich die Krankenkassen vor, selbst mit den Herstellern zu verhandeln und auch die Windelbestellung in Auftrag zu geben.“ Dies bedeute, dass der Patient das Rezept erst einmal an die Krankenkasse schicken muss und dann nur hoffen kann, dass er innerhalb von 24 Stunden Nachschub kommt.“ Im Fall des Weßlinger Patienten jedoch kamen die Windeln über acht Wochen lang nicht. Völlig verzweifelt wandte er sich an die Apothekerin, die ihrerseits seit August keine Windeln mehr auf Rezept heraus geben darf. Nach telefonischer Rücksprache mit der Barmer Krankenkasse sei zwar für eine Notration eine Ausnahme gemacht worden, betont Huber. „Es tat sich aber nichts. Ich rief permanent den Sachbearbeiter der Krankenkasse an und mahnte über Wochen die Lieferung für Herrn Meier an.“ Des Weitern habe sie darauf aufmerksam gemacht, dass der Patient Pants braucht, da er eine Hand nicht mehr benutzen kann und sich Pants leichter anziehen lassen. Huber: „Als die Windeln schließlich kamen, waren es die falschen. Ich war völlig verzweifelt und rief zuletzt den Vorstandsvorsitzenden der Barmer an, um mich zu beschweren.“ Zumal die Barmer nun auch mitgeteilt hatte, sie werde die Kosten für die Notration Windeln nicht übernehmen, da die Weßlinger Apotheke kein Vertragspartner sei. „Dies ist kein Einzelfall“, weiß Niko von Hollander, Arzt in Weßling: „Die Nachbarschaftshilfen berichten ständig von ähnlichen Problemen mit den von ihnen betreuten Personen. Auch für uns Ärzte ist dies ein untragbarer Zustand.“ Ziel des Verbands, dessen Vorsitzender Stefan Hartmann ist, sei es nun, sich für den Erhalt der inhabergeführten Apotheken einzusetzen und sich nicht weiterhin die Lufthoheit nehmen zu lassen. Indem das Problem mit Windeln nicht das einzige ist. Ähnlich alleine gestellt seien die Patienten auch bei der Herausgabe von Medikamenten, die je nach Vertrag zwischen Krankenkassen und Hersteller variieren können. Dazu kommt, dass der Trend hin zu Internet-Apotheken und Supermarkt geht. Hartmann: „Es kann nicht sein, dass Patienten künftig ohne jede Beratung ihre Antidepressiva in Supermarktketten holen und hoffen müssen, das richtige Medikament erwischt zu haben.“ Er bittet nun Patienten und Ärzte, die ähnlich negative Erfahrungen gemacht haben, sich unter www.bvdak.de über das Kontaktformular bei ihm zu melden. „Wir werden alle Fälle prüfen und versuchen, geschlossen gegen diese Entmündigung von Patienten vorzugehen.“

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