Wahre Ehrenmänner

In besonderer Würdigung ihrer hervorragende Verdienste um die Gemeinde Gräfelfing wurden Bürgermeister Josef Schmid a.D. und Altbürgermeister Eberhard Reichert vergangenen Mittwoch die Ehrenbürgerwürde verliehen. Gräfelfing vergibt seit jeher äußerst selten Ehrungen. Dies gelte nicht nur für die Ehrenbürgerwürde, betonte Bürgermeister Christoph Göbel in seiner Laudatio, sondern auch für die silberne oder goldene Bürgermedaille. Denn „es ist allemal besser, Ehrungen zu verdienen und nicht geehrt zu werden, als geehrt zu sein und es nicht zu verdienen“, wie Mark Twain einmal gesagt habe, unterstrich Göbel.

Dank Schmidt und Reichert hat auch Gräfelfing jetzt wieder lebende Ehrenbürger unter sich. „Wir sind mächtig stolz darauf, dass ihr es uns durch euer Wirken über Jahrzehnte überhaupt erst ermöglicht habt, heute Abend hier zu sein“, betonte Göbel. „Gerade einmal acht Bürger Gräfelfings brachten es in der nun fast 1246 Jahre alten Geschichte Gräfelfings und Lochhams zur Würde eines Ehrenbürgers und die Reihe derer, die ihr beide nun ergänzen werdet, liest sich zweifelsohne mit besonderem Klang: Josef Geiger, Simon Spitzelberger, Josef Huber, Josef Weinbuch, Rudolf Freiherr von Hirsch, Paul Diehl, Johann Winter und Siegfried Segl“. Alle acht Ehrenbürger seien aus der Ortsgeschichte nicht wegzudenken, so Göbel. „In keinem Fall waren es einzelne Heldentaten, die die Ehrung begründeten. Stets waren die Verdienste um die Gemeinde von außergewöhnlich zeitloser, nachhaltiger Wirkung“. Göbel zitierte den italienischen Schriftsteller Luigi Pirandello: „Es ist leichter, ein Held zu sein als ein Ehrenmann. Ein Held muss man nur einmal sein, ein Ehrenmann immer.“ Für Göbel sind Schmid und Reichert wahrlich Ehrenmänner. „Euer größter Verdienst in dieser Zeit war es, den vielen Irrungen und Wirrungen des Zeitgeistes, der modernen kommunalen Selbstverwaltung oder auch der starken Siedlungsentwicklung im Raum München erfolgreich widerstanden zu haben und so die Gemeinde mit ruhiger und sicherer Hand, mit Herz und Augenmaß, mit klugem Verstand und bisweilen gewitzter Strategie durch unruhiges Fahrwasser gelenkt zu haben“. Gräfelfing befand sich in den späten 60er beziehungsweise den frühen 70er Jahren inmitten des größten Umbruchs seiner Geschichte. Die Gemeinde sah sich einem erheblichen Siedlungsdruck gegenüber. Wie vielerorts drängte der Wohnungsmarkt nach stadtnahem Geschoßwohnungsbau. Gleichzeitig war dem ehrgeizigen Unterfangen der verkehrlichen Infrastruktur Münchens im Vorfeld der olympischen Spiele 1972 der folgenschwere Bau der so genannten B 12 neu, der heutigen BAB A 96, mitten durch das Gemeindegebiet geschuldet, so Göbel. Wertvollste Wohngegend drohte kurzfristig zu verstädtern und seinen Charakter als Gartenstadt zu verlieren. Josef Schmid, gebürtiger Gräfelfinger, Lehrer und Mitbegründer der Jungen Union Gräfelfings, war in der CSU als der junge Wilde bekannt. Der junge Gemeinderat ließ sich nicht in seinem engagierten Kampf gegen die geplanten Hochhäuser und die Autobahn bremsen. Rechtzeitig erkannte er die politische Entwicklung und brachte die Junge Union dazu, sich öffentlich zum 30-jährigen Bürgermeisterkandidaten Eberhard Reichert zu bekennen. „Reichert war wohltuend anders in seinem ganzen Auftreten und in seiner Art, Politik und Kommunalverwaltung zu interpretieren.“ Mit 66,36 Prozent wurde er als der jüngste Bürgermeister im ganzen Landkreis gewählt. Er schaffte es schnellstmöglich zu sachlich-konstruktiver Arbeit im Rathaus zurückzukehren, angesichts der beinahe verfeindeten Lager im unruhigen Gemeinderat keine leichte Aufgabe für den jungen Bürgermeister. Gräfelfings Bürger wollten unbedingt ihren Gartenstadtcharakter beibehalten und dies bedeutete für Reichert weit mehr als nur die Verfolgung politischer Ziele. Es lag an ihm die „Hand zu reichen und Zeichen für eine konstruktive und an der Sache orientierte Politik Gräfelfings zu geben“. Josef Schmid wurde an Reicherts Seite gewählt. Ihr Vertrauen untereinander und ihre freundschaftliche Partnerschaft war das Erfolgsrezept der beiden Politiker, die sich gemeinsam über 30 Jahre für die Belange der Gemeinde Gräfelfing einsetzten. Dieser neue Politikstil prägte und gestaltete eine ganze Generation lang Gräfelfing und Lochham. „Uns junge Generation prägte die ruhige, sichere und souveräne Art des Gemeindeoberhaupts, aber auch die loyale und grundsatzfeste politische Haltung des 2. Bürgermeisters. Das Miteinander von höchster Sach- und Fachkompetenz auf der einen, das werte- und geschichtsbewusste Handeln auf der anderen Seite paarten sich wohltuend mit dem Gegenteil – wie ich heute wohl weiß weit verbreiteter – eher provinzieller Tellerrandvision.“ Als Jugendlicher faszinierte Göbel vor allem der würdige Umgang untereinander. Keine noch so abwegige Position war unaussprechbar, jedes Argument wurde gehört, abgewogen und diskutiert. „Reichert und Schmid haben uns in ihrer Amtszeit gelehrt, auf was es letztlich ankommt, nämlich Charakter zu beweisen.“ In der Politik dürfe es nicht auf die Zugehörigkeit zu einer Partei oder Gruppierung ankommen, sondern auf den persönliche Einsatz und die Überzeugung, dass die Politik die Kunst der Abwägung der Argumente, die Zusammenführung der Interessen und die Moderation eines am Ende möglichst breit getragenen Entscheidungsprozesses ist. „Das haben wir junge Gemeinderäte bei Eberhard Reichert und Josef Schmid über Jahre kennen und schätzen gelernt, die jeweils weit über alle Parteigrenzen hinweg das Vertrauen der Bürger gewonnen haben. Ihr habt die Chance genutzt, unsere Gemeinde für die Zukunft mit all ihren Stärken und Schönheiten zu rüsten und mit Blick auf Tradition und Fortschritt maßvoll zu entwickeln und dabei in ihren Werten und Eigenheiten zu erhalten.“

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