Hamburger stellt neues Kabarettprogramm vor

„Warum Deppen Idioten wählen“ - Sebastian Schnoy zu Gast im Gautinger bosco

Sebastian Schnoy
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„Dummikratie – Warum Deppen Idioten wählen“ heißt das neue Programm des 51-Jährigen Hamburger Kabarettisten Sebastian Schnoy, das er unlängst in Gauting präsentierte.

Gauting -  Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben – es sei denn, der- oder diejenige macht das Beste draus wie damals „The late Monroe“ beim Geburtstag von John F. Kennedy (Marylin Monroe, „Happy Birthday, Mr. President“ hauchend). Oder eben auch Sebastian Schnoy, eines der jüngsten Unpünkt-lichkeitsopfer der Deutschen Bundesbahn: „Glück ist, wenn alles so ist wie früher,“ leitet der aus Norddeutschland angereiste Kabarettist Freitagabend um 20:41 Uhr seinen pandemiebedingt nach-zuholenden Auftritt im bosco ein, denn kaum habe er in Hamburg den ICE gen Süden bestiegen, „war die Kühlung kaputt“. Ja, die Durchsage, dass deshalb während der gesamten Fahrt das Bordrestaurant ausfällt, sei ihm nach „Corona“ schön vertraut vorgekommen, so Schnoy. Endlich also wieder Gewohntes wie der dreistündige Stillstand seines Zuges bei Bamberg, der letztlich auch den bosco-Besuchern ab 20 Uhr noch ein wenig Auslauf bescherte. An diesem lauen Frühsommerabend war das alles sogar ohne „bar rosso“(dem Bordrestaurant des bosco) verkraftbar, und so konnte „The late Sebastian Schnoy“ mit dreiviertelstündiger Verzögerung und quasi wehenden Rockschößen doch noch loslegen.

 „Dummikratie – Warum Deppen Idioten wählen“ war das Programm betitelt, mit dem der 51-Jährige Hamburger im sogenannten Superwahljahr auf Tour ist. Seine Ein-Mann-Forschungsgruppe spürt dabei der Frage nach, wer welche(n) Kandidaten/Kandidatin gut findet und warum – das Ganze natürlich schön pseudowissenschaftlich und gerne auch mal Klischees zitierend, wie etwa die allesamt FDP-wählenden Zahnärzte: „Endlich mal ´ne Frau als Kanzlerin!“ kommentiert er das Antreten von Annalena Baerbock für die Grünen. Diese begehen seiner Ansicht derzeit nach leider den Anfängerfehler, die Kosten für ihre Politik schon vor der Bundestagswahl zu benennen, so wie das der damalige SPD-Kandidat Oskar Lafontaine schon 1990 zum Thema „Deutsche Einheit“ gemacht hatte – Ergebnis: CDU-Kohl und seine „blühenden Landschaften“ obsiegten, das Preisschild wurde dann über viele lange Jahre hinweg nachgereicht. Schnoy („Ich war mal links“) ist erkennbar SPIEGEL-Leser, denn er zeichnet die Spuren politischer Langzeitentwicklungen in ähnlicher Weise minutiös nach – Tenor: Es musste ja alles so kommen, weil der Wähler bzw. die dann an die Staatsspitzen gewählten, teils reichlich wirren Akteure so und so handelten. Beispiel Boris Johnson: Der britische Premierminister glaubte noch während seiner Brexit-Klimmzüge allen Ernstes, er könne den EU-Italienern mit einem Prosecco-Importstopp kommen und Rom im Gegenzug „androhen“, die Ausfuhr von Fish & Chips drosseln (Schnoy: „12 Kilo pro Jahr, und die gingen an die britische Botschaft“). Die Geschichte, die Johnsons Größenwahn illustrieren sollte, stand ziemlich exakt so im „SPIEGEL“.

Sebastian Schnoy belässt es natürlich nicht bei der bloßen Bestandsaufnahme erratischen Politiker-Handelns. Er zeigt mit einiger Geduld und auf den Punkt gebracht auf, warum es verfehlt war, der beitrittswilligen Türkei die Tür zur Europäischen Union immer wieder vor der Nase zuzuschlagen: Jetzt habe man eben nicht die von Kanzlerin Merkel postulierte „strategische Partnerschaft“ bekommen, sondern mit Herrn Erdogan einen zunehmend anstrengenden Despoten. Beispiel Russland: Man hätte nur Eins und Eins zusammenzählen müssen, um zu erkennen, dass ein Wladimir Putin es nicht so toll finden würde, die Ukraine geradezu klammheimlich in die NATO aufzunehmen. Schnoys Forderung, um der beim deutschen Wähler seit Adenauer tiefsitzenden Urangst („Der Russe kommt“) ein für alle Mal zu begegnen: Russland in die NATO! Denn: „Wer soll uns denn sonst beschützen – die Bundeswehr etwa?“

Bei all solcher zutreffenden und detailgespickten Analytik gerät der entspannende Witz manchmal ins Hintertreffen, doch Schnoy, in jüngeren Jahren offenbar bekennender Mitstreiter bei den Hausbesetzern der Hamburger Hafenstraße und später beim dem Staatsschutz verdächtigen Links-Projekt „Rote Flora“ als Sympathisant mit von der Partie, fängt die Sache meist rechtzeitig wieder ein: Das aktuelle grüne Parteiprogramm sei 140 Seiten lang, stöhnt er hörbar leidend und fügt gleich süffisant an, „damit ist es 140 Seiten länger als das der CDU!“ Dass der geneigte Wähler es bei der kommenden Bundestagswahl fertig bringen könnte, den Kandidaten einer programmatisch weit-gehend entkernten Partei ins Kanzleramt zu wählen, bereitet ihm erkennbar Bauchschmerzen, so was lässt sich wohl nur mit Sarkasmus aushalten. Schnoys Ansatz ist, bei allem Galgenhumor, zutiefst humanistisch geblieben. Mit einer Französin und einer Russin habe er jeweils zwei Kinder, erzählt er: Das sei doch wahre Völkerverständigung! Gegen Ende seines Auftritts bündelt er das Ganze nochmals in dem Satz: „Wir sind doch alle Menschen, oder?“ Nur um nach kalkuliertem Gesinnungsapplaus des Publikums für den kleinsten gemeinsamen Nenner anzufügen: „Der Rest sind Holländer.“ Fazit: Eine Prise hanseatischer Ernsthaftigkeit zu viel, ein Schuss kabarettistischer Absurdität zu wenig, gerade im eher nicht „links-versifften Gauting“, dem die Grünen ja leider die Einfamilien-Häuser wegnehmen werden, diese „SUVs der Gebäude“. Doch wer halt zu spät kommt mit der Provokation, den bestraft im Herbst der Wähler.

Thomas Lochte

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