Neues aus dem Gerichtssaal

Wenig polizeiliches Finderspitzengefühl und eine Ehrverletzung endeten vor dem Starnberger Amtsgericht

Die zuständigen Polizeibeamten müssen in Sachen kulturelle Unterschiede wohl ein wenig die Schulbank drücken. Die Angeklagten sollten ihrerseits ihr Temperament beim nächsten Mal etwas zügeln, wenn sie es mit der Polizei zu tun haben. Dann klappts auch mit der Harmonie.
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Die zuständigen Polizeibeamten müssen in Sachen kulturelle Unterschiede wohl ein wenig die Schulbank drücken. Die Angeklagten sollten ihrerseits ihr Temperament beim nächsten Mal etwas zügeln, wenn sie es mit der Polizei zu tun haben. Dann klappts auch mit der Harmonie.

Krailling - Eine völlig unerwartete Hausdurchsuchung brachte eine afghanische Familie an den Rand der Belastbarkeit. Ende Juni 2019 drangen Polizeibeamte zu früher Morgenstunde in das Zimmer der Kraillinger Asylunterkunft ein. Die jetzt wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung, Sachbeschädigung, tätlichem Angriff auf Vollstreckungsbeamte und versuchter Gefangenenbefreiung angeklagte junge Afghanin und ihre Mutter empfanden den unverhofften Beamtenbesuch vor allem deshalb als Ehrverletzung, weil sie noch nicht vollständig bekleidet waren.

Im Sitzungssaal des Starnberger Amtsgerichtes ließ der Verteidiger der jungen Frau durchblicken, dass die Zimmerdurchsuchung ohne jeden Anlass erfolgt sei. Die erschrockenen Frauen verständigen den Bruder der Angeklagten. Als dieser auftauchte, kam es vor der Kraillinger Unterkunft zum Tumult und die Beamten wollten den Bruder ins Dienstfahrzeug verbringen. Um die Festnahme zu vereiteln, griff die 25-jährige Angeklagte spontan zu Boden und schleuderte den Polizisten Kieselsteine und eine Flasche entgegen. Die Kiesel prallten an der Schutzkleidung ab und die Glasflasche verfehle ihr Ziel. Lediglich zwei Streifenwagen wurden durch die Steinwürfe beschädigt. Der Sachschaden beläuft sich auf gut 5000 Euro. Laut Anklage versuchte die 25-Jährige zudem, die Festnahme ihres Bruders zu verhindern, indem sie sich in den Weg stellte.

Ihre Mutter wurde im Tumult von den Polizisten weggeschleudert und brach sich dabei den Arm. „Sie war aufgebracht und laut. Hysterisch“, beschrieb ein Polizist im Zeugenstand das Verhalten der Angeklagten. „Es war eine absolute emotionale Ausnahmesituation. Meine Mandantin hat sich dazu hinreißen lassen, Steine vom Schotterfeld auf die Polizisten und eine Glasflasche in Richtung der Beamten zu werfen. Sie wusste nicht, was sie mit ihrer Wut machen kann, mit ihrer Verzweiflung. Dass man anlasslos eine Hausdurchsuchung macht“, so der Verteidiger. Bereits seit einem halben Jahr zahlt die 25-Jährige den entstandenen Schaden an den Dienstfahrzeugen ab.

Der Hausmeister der Kraillinger Einrichtung ließ auf die ihm seit 2016 bekannte afghanische Familie nichts kommen: „Aufrührer? Nein. Garnichts. Null. Nur höflich und freundlich.“ Offenbar nahm der Vorfall die Angeklagte derart mit, dass sie psychosomatisch reagierte und eine Zeit lang unter einer halbseitigen Gesichtslähmung litt, die sich inzwischen wieder gebessert hat. 

Um eine Verurteilung kam die zierliche Frau dennoch nicht herum. Kraft Urteil von Richterin Karin Beuting wurde die verhängte zehnmonatige Freiheitsstrafe zur Bewährung ausgesetzt. Bewährungsauflage ist die ratenweise Schadenswiedergutmachung. „Werfen mit Steinen ist eine gefährliche Sache, da hätte auch was Schlimmes passieren können“, so die Amtsrichterin, die der Angeklagten zu Gute hielt, dass kein Polizist verletzt wurde. Die Bewährungszeit beträgt drei Jahre. 

Nilda Frangos

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