„Wie eine Champions League-Niederlage“: Pächter Nicolas Schrogl über die Zukunft des Bayerischen Hofs in Starnberg

Bayerischer Hof
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Der „Bayerische Hof“ in Starnberg wird zum Politikum (Symbolbild).

Starnberg - Nicolas Schrogl ist seit 2009 Pächter des 1865 erbauten „Bayerischen Hofs“ und hat nach eigenen Angaben gemeinsam mit dem Vater „fast mein halbes Leben in diesem denkmalgeschützten Haus gearbeitet“. Es in eine erfolgreiche Zukunft zu führen, sei so etwas wie Familienziel und Lebenswerk, so Schrogl. Im Interview mit dem Kreisboten Starnberg spricht er über seine Hoffnungen, aber auch über einige schwerwiegende Versäumnisse der Stadt, in deren Eigentum sich der „Bayerische Hof“ seit über 20 Jahren befindet.

Kreisbote Starnberg: Ihnen ist vom Landratsamt Starnberg die Nutzung des Bayerischen Hof untersagt worden – wie wurde dies genau begründet?
Nicolas Schrogl: Den schriftlichen Nutzungsentzug habe ich am Freitag, den 12. Februar 2021, per Email und etwas später im Original per Post erhalten. Der Bescheid besagt, dass die Nutzung sämtlicher Räumlichkeiten bis zur Vorlage eines Standsicherheitsgutachtens eines zugelassenen Tragwerksplaners untersagt ist. Aus dem Nachweis muss hervorgehen, dass das Gebäude standsicher ist. Der Bayerische Hof hat wirklich viele Liebhaber: Ein Stammgast von uns hat vor einigen Wochen einen Tragwerksplaner beauftragt, um diese Standsicherheit zu prüfen. Am 18.April habe ich dann die Gefährdungsbeurteilung des Dipl. Ing. erhalten, welche die Standsicherheit des Gebäudes bestätigt – diesen kann ich jetzt einreichen. Es gibt einzelne notwendige Maßnahmen, jedoch beeinträchtigen diese die Standsicherheit des Gebäudes nicht. Zu dem selben Ergebnis kam im Februar bereits ein auf Denkmalschutz spezialisierter Zimmerermeister.
Kreisbote Starnberg: Sie wurden vom Landratsamt im Zuge der Nutzungsuntersagung ausschließlich auf den Klageweg beim Verwaltungsgericht verwiesen. Wie ist hier der Stand der Dinge?
Nicolas Schrogl: Sobald mir der Nutzungsentzug schriftlich vom Landratsamt vorliegt, habe ich genau einen Monat Zeit, um beim Verwaltungsgericht in München Klage einzureichen, natürlich nur, falls ich mit dem Nutzungsentzug nicht einverstanden sein sollte. Es wird im Nutzungsentzug explizit und ausschließlich auf diesen Weg verwiesen. Unsere Klage ist noch aktuell. So wie es aussieht, wird das Verwaltungsgericht noch einen öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen beauftragen.
Kreisbote Starnberg: Die Stadt argumentiert u.a. mit der Einsturzgefahr des Gebäudes. Es gibt zum Thema Statik aber bislang inhaltlich einander widersprechende fachliche Bewertungen – was erhoffen Sie sich von einem durch das Gericht bestellten Gutachten?
Nicolas Schrogl: Der Nutzungsentzug ist nicht einfach nur ein Blatt Papier, durch diesen verlieren auch über 20 Arbeitnehmer und die Pächter ihren Arbeitsplatz, und das in der bekannten wirtschaftlich brisanten Zeit. Es geht hier um Existenzen, ich möchte einfach eine Klarstellung: Das Gutachten eines vereidigten Sachverständigen wird endgültig klarstellen, wie der Zustand des Daches wirklich ist.
Kreisbote Starnberg: Sie sind schon sehr lange Pächter des Bayerischen Hof und hatten mindestens seit 2011 wegen des zunehmenden Sanierungsbedarfs des Gebäudes angeboten, selber Geld für dringliche Instandsetzungsarbeiten in die Hand zu nehmen. Die Stadt hat Ihnen in der Ära des früheren Ersten Bürgermeisters Ferdinand Pfaffinger offenbar versprochen, auf dieses Angebot zumindest zu antworten – warum ist das Ihrer Ansicht nach bis heute nicht geschehen?
Nicolas Schrogl: Mit meinem Vater arbeite ich fast mein halbes Leben in diesem (seit 1999; Anm. d. Red.) denkmalgeschützten Haus, und es war immer das Familienziel, es in eine erfolgreiche Zukunft zu führen, sozusagen (m)ein Lebenswerk. Da dies natürlich nur mit Investitionen möglich ist, habe ich nach der Sperrung von 18 Zimmern (2011, Anm. d. Red.) den Bürgermeister mehrfach gebeten, zumindest den 2.Stock voll zu ertüchtigen. Ich wäre selbst in Vorleistung gegangen dabei, weil die Situation mehr als unbefriedigend für uns und unser Team war. Nach Rückantwort von Herrn Pfaffinger sollte die Angelegenheit am 9.2.2012 im Bauausschuss beraten werden. Erst ein Jahr später, am 7.2.2013, wurde über „Sofortmaßnahmen“ entschieden: Es blieb aber bei einer Entscheidung ohne Taten, was dafür sorgte, dass wir seit Ende 2011 durch geringeren Umsatz weniger in die Erhaltung des Hauses investieren konnten.
Kreisbote Starnberg: Wie sehen wegen der fehlenden Sanierung die Folgen für das historische Gebäude aus, und wie nach Ihrer Einschätzung die Einnahme-Einbußen der Stadt im fraglichen Zeitraum? Welche wirtschaftlichen Folgen hat die Nutzungsuntersagung für Sie ganz persönlich?
Nicolas Schrogl: Das Haus könnte heute bereits teilweise saniert sein, bis zu einer Million Euro hätte ich allein in den letzten neun Jahren durch den Mehrumsatz zusätzlich investieren können. Je nach Zimmerbelegung hätten wir für Starnberg 3.500 bis 5.000 Gäste mehr jährlich beherbergen können. Dies entspräche einem Gesamtumsatz für Starnberg von ca. 4,3- bis 6,1 Millionen Euro, wenn mit Zahlen des Tourismusamtes gerechnet wird. Der Übernachtungsumsatz macht hier einen großen Teil aus. Die Ertüchtigung bzw. Sofortmaßnahmen hingegen hätten maximal 200.000 Euro inklusive Puffer betragen, das wies Anfang 2019 die Schätzung unseres Architekten aus. Das Geld hätte ich liebend gerne investiert. In meinem Schreiben an den Bürgermeister (Pfaffinger; Anm. d. Red.) im Januar 2012 sprach ich von 3.000 fehlenden Gästen pro Jahr, bei der positiven Tourismus-Entwicklung in Bayern steigert sich dies noch.
Kreisbote Starnberg: Wieviel Geld haben Sie selbst effektiv in das Gebäude gesteckt und wann? Kam die Stadt Ihnen wegen der schon seit 2011 eingeschränkten Hotel-Nutzung bei der Pacht entgegen?
Nicolas Schrogl: Wir investieren stetig – wieviel, ist wirklich schwer zu sagen, weil mein Vater seit Januar 2004 das Haus in Eigenleistung mit mehr als 25.000 Stunden nahezu unentgeltlich renoviert hat. Dies mit Hilfe einer weiteren Person, welche heute noch unser Hausmeister ist. Ich erinnere mich noch an einen Kostenvoranschlag für eine Fenster-Einheit über 1.250 Euro aus dem Jahr 2004, bei 180 Türen und Fenstern wäre da einiges zusammengekommen. Wir haben sie dann in Eigenleistung renoviert. Eine Million Euro insgesamt (an Investitionen; Anm. d. Red.) reicht jedoch nicht aus: Im Jahre 2010 haben wir wohl für die größten Veränderungen, da ich im Dezember 2099 den Pachtvertrag offiziell übernommen hatte und nur einen Monat später die MWSt auf 7 Prozent gesenkt wurde. 2010/2011 haben wir den Sisi-Raum und die König-Ludwig-II-Stube mit einem erweiterten Frühstücksbuffet sowie das Café Prinzregent renoviert, darüber hinaus über 20 Zimmert neu möbliert. Allein die komplette Sanierung der Junior-Suite hat damals 24.000 Euro gekostet. Ein Entgegen-kommen der Stadt mittels der Pacht sowie der Energie-Zahlungen war eine schöne Geste, letzten Endes jedoch hat ganz Starnberg Federn gelassen, und das Denkmal hat mit am meisten daran gelitten. Bei fehlendem Umsatz bleibt es ja nicht, auch der Stadt selbst sind in nicht unbeträchtlicher Höhe Kosten durch das Entgegenkommen entstanden, da der Zustand bald zehn Jahre anhält.
Kreisbote Starnberg: Obwohl die Gebäude-Statik und andere Mängel lange bekannt waren, wurden Pachtverträge seitens der Stadt immer wieder verlängert – zuletzt nach Informationen des Kreisboten Starnberg jeweils um ein Jahr, bis zur Sperrung durch die Stadt Starnberg und zur Nutzungsuntersagung durch das Landratsamt. Stehen solche Vertragsverlängerungen nicht im diametralen Widerspruch zu den Ende 2020 / Anfang 2021, in der Ägide des „neuen“ Bürgermeister Patrick Janik und des „neuen“ Landrats Stefan Frey, verfügten Maßnahmen? Oder anders gefragt: Hat die Stadt in der Zeit der Bürgermeister Pfaffinger (2002 – 2014) und John (2014 – 2020) in Bezug auf eine Gebäudesanierung Unterlassungen begangen – auch in wirtschaftlicher Hinsicht zum Schaden der Stadt -, und hätte die Kreisbehörde den Betrieb des unsanierten Bayerischen Hof in den fraglichen Jahren überhaupt dulden dürfen?
Nicolas Schrogl: Hier beziehe ich mich wieder auf den bereits erwähnten BayVGH-Beschluss vom September 2018: „Der Eigentümer der Immobilie (in diesem Fall also die Stadt Starnberg; Anm. d. Red.) ist ohne Rücksicht auf auf seine finanzielle Leistungsfähigkeit für den ordnungsgemäßen Zustand seines Gebäudes verantwortlich.“ Drei Monate vorher hatte ich die Unterlagen zum Interessenbekundungs-verfahren „Bayrischer Hof“ eingereicht, welche mich seiner-zeit 36.000 Euro netto gekostet haben. Die Interessensbekundung aus dem Jahr 2018 ist heute noch online zu finden. Grundsätzlich ist die Kreisbehörde für die Konzessionen zuständig, welche ich 2009 beantragt und problemlos erhalten hatte, ebenso wie den Pachtvertrag, für welchen wiederum die Stadt Starnberg zuständig ist. Da ich selbst kein Statiker bin, kann ich den Bau- und Sicherheitszustand nicht wirklich beurteilen. Auch nicht, ob Unterlassungen seitens der Behörden begangen wurden. Als ich die Nachfolge meines Vorgängers Rudi Gaugg antrat, der von 1984 bis 2009 25 Jahre lang Pächter des Bayerischen Hof gewesen war, hätte ich mir allerdings spätestens beim Pächter-Wechsel eine Begehung gewünscht. Dann wären die Brandschutzmängel früher aufgefallen und meine Vertragsunterzeichnung samt Schuldenübernahme des Vorgängers unwahrscheinlich gewesen – oder es wäre eine schnelle Entscheidung seitens der Stadt wie jetzt auch bevorgestanden. Nachdem wir im Jahr 2010 die größten Investitionen getätigt hatten, fühlte sich die ein Jahr später erfolgte Zimmersperrung von zwei Dritteln des Hotels an wie eine Champions League-Niederlage – kurz vor dem Ziel ausgebremst.
Kreisbote Starnberg: Wie bewerten Sie die bislang in der Öffentlichkeit gehandelten Konzepte für eine Zukunft des Bayerischen Hof – werden Sie dann noch mit von der Partie sein und falls ja, in welcher Form und mit welchem Beitrag?
Nicolas Schrogl: Das derzeit wichtigste und größte Gebäude auf dem Areal ist zweifelsohne der Bayerische Hof. Erhaltenswert ebenso die Villa Bayerlein (heutiges VHS-Gebäude; Anm. d. Red.). Alles was auf dem darüber hinaus freien Gelände entsteht, gehört zu Starnbergs Zukunftsvision. Ich habe bereits sehr gute Entwürfe gesehen und kann mir eine Zukunft weiterhin vorstellen. Auf dem Areal sind zahlreiche Optionen denkbar. Was ich heute schon sicher sagen kann, ist, dass eine Hotel-Erweiterung um mindestens 22 Zimmer sowie ein Wellness-Bereich sinnvoll ist, um ganzjährig eine gute Auslastung des Hotels zu generieren. In welcher Form wir uns beteiligen könnten, hängt dann von den Gegebenheiten ab.
Kreisbote Starnberg: Wie sehen Sie die finanzielle Lage der Stadt in Bezug auf einen „großen Wurf“ rund um den Bayerischen Hof – gibt es hierfür überhaupt eine realistische Chance?
Nicolas Schrogl: Ganz nach dem Motto: „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“ gibt es immer Möglichkeiten. Darüber hinaus sprechen wir über eine Denkmalsanierung, als auch staatliche Zuschüsse, die beantragt werden können. Das Hotel könnte, wie gesagt, heute bereits teilweise saniert sein, wenn direkt nach dem Erkennen der Brandschutzmängel Ende 2011 ein konstruktives Gespräch oder ein Arbeitskreis stattgefunden hätte. Der Bayerische Hof ist sozusagen im Dornröschenschlaf und wartet nur auf seine neue Blütezeit.

Unterschriften-Listen und Ideen zum „Bayerischen Hof“

Die Starnberger – und nicht nur sie - machen sich Sorgen um die Zukunft des seit Dezember wegen angeblicher Einsturzgefahr gesperrten „Bayerischen Hof“: Während Starnbergs Bürgermeister Patrick Janik angekündigt hat, über das weitere Schicksal des unter Denkmalschutz stehenden, 1865 errichteten Gebäudes „bis zum Sommer“ eine politische Entscheidung herbei zu führen, und er das Thema auf die nächsten Sitzungen von Bauausschuss und Stadtrat gesetzt hat, sammeln einige Bürger bereits Unterschriften, um ihren Wunsch nach einem Erhalt des ortsbildprägenden Gebäudes öffentlich kundzutun. Auch die Unabhängige Wählergemein-schaft (UWG), die Gruppierung, aus welcher Janik stammt, macht sich für eine Sanierung des „Bayerischen Hof“ von Grund auf stark: „Wegen seiner prominenten Rolle“ im Stadtbild sei der historische Bau unbedingt zu erhalten, so Otto Gassner, der allerdings keinerlei Chance sieht, dass die finanziell klamme Stadt dies leistet: Als sinnvoll erachtet die UWG einen Verkauf des Areals durch die Stadt, dies nur unter der Bedingung des Gebäude-Erhalts, der Sanierung und der Garantie einer Fortführung des Hotelbetriebs. „Als lebendes Hotel mit einem lebenden Restaurant“ möge der Bayerische Hof künftig allen Starnbergern offenstehen und nicht bloß einer Luxus-Klientel, so der perspektivische Wunsch. Die UWG möchte das noch vor allen weitergehenden Entscheidungen dringlich zu lösende Thema der Gebäude-Statik von „anerkannten Fachleuten“ klären lassen. Derweil hat der frühere Kreisbaumeister Helmut Rauscher sein bereits im Januar vorgelegtes, flächenübergreifendes Konzept für das Areal „Bayerischer Hof“ und Villa Bayerlein nochmals aus-differenziert - um Varianten mit kleinerer Bebauung und versehen mit konkreten Nutzungsvorschlägen für die dann generalsanierten Bauten. Die Starnberger und alle an einer zu bewahrenden Identität der Stadt interessierten sorgen sich – und viele werden kreativ.

Das Gespräch führte Thomas Lochte

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