Lisa Livancic berichtet über ihr Abenteuer in einer Tierpflegestation in Ecuador

Willkommen im Dschungel

+
Lisa Livancic aus Söcking verbrachte nach ihrem Abitur im jahr 2018 eine erlebnisreiche Zeit im ecuardorianischen Dschungel.

Starnberg/Ecuador– Besonders in unserer heutigen Zeit und der jetzigen Situation wird vielen von uns erst wieder bewusst, wie glücklich wir uns schätzen können, ein Leben mit so vielen Möglichkeiten leben zu dürfen. Nach meinem Abitur 2018 habe ich mir ein Jahr Auszeit genommen. Neben arbeitsreichen Tagen, einem Volontariat in Tansania und anderen Reisen habe ich mich auch für das Freiwilligenprojekt „Merazonia“ in Ecuador entschieden

Das Projekt wurde 2004 ins Leben gerufen, um kranken und verletzten Tieren zu helfen, sie zu pflegen und wenn möglich wieder auszuwildern. Weit abgelegen von der bunten Hauptstadt Quito, findet sich das Projekt in der Provinz Pastaza inmitten des südamerikanischen Regenwalds. Von Quito aus führte mich eine sechs Stunden lange Busfahrt nach Mera - ein kleines Dorf am Fluss Pastaza. 

Über eine rund zehn Kilometer lange Schotterstraße ging es dann für fünf Dollar mit dem Taxi in den Dschungel. Zum eigentlichen Projekt führte eine selbstgezimmerte, enge Holzbrücke über einen Fluss. Ab da fängt eine ganz andere Welt an: Vorbei am Lagerfeuerplatz führt der Weg zuerst zu der Bodega – eine kleine Hütte gefüllt mit Obst und Gemüse für die Tiere. Ein paar Steinstufen weiter durch den Dschungel ging es vorbei an einer Drahttür zum Volontärhaus, in dem bis zu elf Volontäre schlafen konnten. Dieses ist – wie das gesamte Areal – aus Holz erbaut. 

Neben dem großen Schlafsaal gibt es auch kleinere Hütten für Freiwillige, die einen längere Zeitraum in Merazonia verbringen. Angrenzend an das Volontärhaus gibt es sogar einen begehbaren Kleiderschrank...allerdings mit alten, muffigen Klamotten, die man für die Arbeit benutzen konnte. Die nahe gelegene Küche war immer reich gefüllt mit Reis, Nudeln, Milchpulver und allem, was sich lange hält, denn einen Kühlschrank gibt es nicht. Da wir uns immer selbst bekochten, lernte jeder vom anderen und neben selbst gemachter Pilzsoße wurden auch Pfannkuchen, asiatische Soßen mit Reis und typisches Naanbread gezaubert. Das Essen wurde abends immer im Kerzenschein gemacht, da Strom im Projekt Fehlanzeige war. So blieb das Gefühl im Dschungel zu leben erhalten. Nur zweimal in der Woche wurde für je eine Stunde ein Stromaggregat angestellt, sodass wir unsere Handys laden und uns bei unseren Liebsten zu Hause melden konnten. Freiluftduschen und Plumpsklos vollendeten das Dschungelfeeling. 

Zweimal in der Woche war „Shopping Day“. Zwei voll beladene Pickup-Taxis kamen mit den gesamten Einkäufen. Dann mussten alle zusammenhelfen und die schweren Kisten voller Früchte, frischem Brot, Eiern und auf was sich immer alle freuten, Käse und Smoothies, über die schmale Brücke zur Bodega und in die Küche tragen. 

In einer Vielzahl von Käfigen, die sich rund um das Volontärhaus befinden, leben zahlreiche Tierarten des südamerikanischen Dschungels. Zu meiner Zeit gab es neben angriffslustigen Kapuzineraffen, putzigen Wollaffen und mausgroßen Tamarin Affen auch viele Papageienarten und große blaugelbe Aras. Neben einem Nasenbären-Baby gab es auch drei erwachsene Nasenbären, die mit ihren Nasen immer ganz neugierig in unseren Eimern stöberten. Außerdem gibt es auch Langzeitpatienten in Merazonia, die leider nicht mehr freigelassen werden können. So zum Beispiel ein Puma oder ein kuschelbedürftiger südamerikanischer Wickelbär namens Whistler. 

Diese Tiere wurden in drei Arbeitsrunden täglich versorgt. Zu Beginn jeder Runde gingen wir mit scharfen, knapp ein Meter langen Macheten in den Dschungel und schlugen Äste von Bäumen, pflückten verschiedenste Blätter und nahmen so viele frische Pflanzen wie möglich für die Tiere mit - natürlich auf jede Tierart speziell abgestimmt. Danach ging es in die Bodega, wo wir das Essen für die Tiere schnipselten. So gab es für die fünf Wollaffen zum Beispiel täglich zwei große Eimer voller Gemüse und Obst. Für die Nasenbären mussten wir zusätzlich einmal am Tag unter vielen „Igitt“s und „Bah“s mindestens 20 Regenwürmer aus einem Schlammloch buddeln. An einem Tag machten wir sogar einen besonderen Fund, sehr zur Freude unserer Nasenbären: Ein ein Meter langer Riesenregenwurm. 

Bewaffnet mit allen Leckereien ging es zu den Käfigen, die wir putzen mussten. Dazu wurden die Tiere in einem der zwei Käfige durch eine Schiebetür eingeschlossen. Besondere Achtsamkeit galt hier den erfinderischen Affen, die uns tagtäglich daran hindern wollten. Meist konnten sich die Volontäre allerdings durchsetzen und so konnte immer ein Käfig nach dem anderen von alten Pflanzen, Essensresten und Verdauungsabfällen befreit und mit neuem Essen bestückt werden. 

Die Runden dauerten circa zwei bis drei Stunden, sodass wir nach einem Arbeitstag doch sehr geschafft waren. Auch die Wetterbedingungen im Amazonasgebiet machten uns teils schwer zu schaffen. Bei strömenden Regen kamen wir manchmal bis auf die Unterwäsche durchnässt zurück. Aber auch das Gegenteil war bei 40 Grad und Sonne nicht viel besser zu ertragen. 

Besonders beliebt waren Sonderaufgaben wie das Babyopossum mit einer Spritze zu füttern oder das nächtliche Kuscheln mit dem Wickelbären Whistler. Normalerweise durften wir die Tiere nicht berühren, außer sie konnten sicher nicht mehr freigelassen werden. Nur dann war uns der nähere Umgang gestattet. Das absolute Highlight aber waren zwei junge Brüllaffen (Chili, 2 Jahre alt und Pepper, 3 Wochen alt) für die manche von uns Elternersatz spielen durften. Auch ich durfte mich ein paar Tage als „Affenmama“ versuchen, was sich deutlich schwieriger erwies als gedacht. Der drei Wochen alte Pepper machte größtenteils seinem Namen als Brüllaffe alle Ehre und bewies mir des Öfteren, dass er zu einer der lautesten Tierarten der Welt gehört. Schon morgens holten wir Pepper aus seinem Käfig, gaben ihm ein wenig Milch, und führten ihn auf unseren Schultern für den Rest des Tages spazieren. Leichter gesagt als getan, denn auch bei einer kurzen Pause wurde der kleine Affe ganz schön quengelig. Nur Sonnenschein heiterte seine Stimmung auf und er drehte sich auf den Rücken, um genüsslich die Wärme auf dem Bauch zu genießen. Zusammen machten wir einige Affenerfahrungen, wie auf Bäume klettern und Pflanzen essen. Herabhangeln an meinem Hals und Schweiß von meinem Bauch abschlecken. Aber wir hatten auch zwei Begegnungen mit Schlangen, die wir aus zwei Meter Entfernung beobachten konnten. Auch wenn Pepper noch so süß war, war ich froh ihn abends zum Schlafen in seinen Käfig zu bringen – im Gegensatz zu ihm, der sich regelmäßig mit Armen und Beinen an mich klammerte. 

Aber es wurde nicht nur gearbeitet: Einmal pro Woche hatten wir dafür unseren „Day off“, an dem wir in die Stadt fahren konnten, um mal etwas Schokolade zu essen und einen Kaffee zu trinken oder die Vorteile urbanen Lebens genießen zu können. Auch unsere übelriechenden Klamotten konnten wir gegen ein geringes Entgelt in der Stadt waschen lassen. Sonntags hatten wir nur eine Runde auf dem Arbeitsplan und danach ging es meist zu sechst auf der Ladefläche des Pickup-Taxis in ein nahe gelegenes Restaurant zum Schlemmen. Für manche führte der Weg danach noch in die eine Stunde entfernte Touristenhochburg Baños zum Tanzen. Aber auch im Dschungel wurde gefeiert: An manchen Abenden versammelten wir Volontäre aus den verschiedensten Ländern – unter anderem Australien, Holland oder Frankreich – uns am Lagerfeuer und ließen den Abend mit Musik ausklingen. Manche in Merazonia geschlossene Freundschaften halten sich bis heute. 

Auch wenn mir die harte Arbeit am Anfang doch sehr zu schaffen gemacht hat, bin ich jetzt sehr froh es am eigenen Körper erlebt zu haben. Die Erfahrungen begleiten ein Leben lang und man kann sehr viel über sich selbst sowie seine Mitmenschen, unterschiedliche Kulturen und noch vieles mehr lernen. Abschließend kann ich jedem ein Volontariat sehr ans Herz legen.

Von Lisa Livancic

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mund-Nasen-Maske auf dem Schoß wird für junge Bergerin teuer
Mund-Nasen-Maske auf dem Schoß wird für junge Bergerin teuer
Ein Hauch von Erotik auf dem Wunderl Hof in Weßling
Ein Hauch von Erotik auf dem Wunderl Hof in Weßling
Starnberger Kliniken: Papas dürfen bei Geburt dabei sein, keine Familienzimmer möglich
Starnberger Kliniken: Papas dürfen bei Geburt dabei sein, keine Familienzimmer möglich
Starnberger CSU-Urgestein feiert seinen 75. Geburtstag
Starnberger CSU-Urgestein feiert seinen 75. Geburtstag

Kommentare